Schreiben von Ernst Bayreuther an seine Eltern in Minden
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Stadt Minden WN 37 Nachlass Ernst Bayreuther, Nr. 4
Stadt Minden WN 37 Nachlass Ernst Bayreuther Nachlass Ernst Bayreuther
Nachlass Ernst Bayreuther
1938
Enthält: u.a.: Jan. 1938: „Den Schuster habe ich gleich gestern noch angerufen um mich nach den letzten Ereignissen zu erkundigen. Darnach will die Reichsstudentenführung ihn noch nicht entlassen. Ich soll also weiterhin das Vergnügen haben und Stellvertreter spielen mit allen Vor- und Nachteilen dieses Amtes. Ich ziehe dann eine Verlegung des kommenden Sommersemesters entweder nach Königsberg oder nach München in Betracht.“; 15.1.1938: Bild des Hauses in Spandau bald fertig; „Bei meiner Herfahrt habe ich Bekanntschaft mit Funkern von der Luftwaffe in Bernau bei Berlin gemacht. Eine Sache, die wenn es mal soweit ist, auf jeden Fall mit in Erwägung zu ziehen ist. Auch ist die unmittelbare Nähe zu Berlin nicht zu verachten. Dazu kommt noch, daß wir jetzt im Reichsberufswettkampf die alten Kulturgüter der Stadt durchstöbern, von denen sich sicher etwas zum Bemalen der Wände einer Kaserne auswerten läßt.“; „Gestern bin ich zur großen Freude meiner Kameraden zum ersten male in SA-Uniform zum Abend meines neuen Trupps gekommen.“; „Schuster hat sich auf Wunsch der Reichsstudentenführung noch nicht ganz zurückgezogen. Mich hat er zu seinem selbständig handelnden Stellvertreter gemacht.“; Bau „Arbeitsfront“-Gebäude; 27.1.1938: Glückwünsche zum Geburtstag des Vaters; beigelegt fast 20 Bilder von der Sammlung des WHW am vergangenen Sonntag unter der U-Bahn-Brücke Bülowstraße; kein Gemälde, nur Zeichnung des großväterlichen Geburtshauses geplant; 5.2.1938: WHW-Sammlung dieses Mal mit SA; Großvaters Geburtshaus als Federzeichnung; 19.2.1938: „Wie ihr sicher aus der Zeitung erfahren habt, fand am letzten Donnerstag hier eine große Standortbesichtigung durch den Reichsstudentenführer statt. Alle Hochschulgruppen waren bei winterlicher Frische vor dem Hause des Deutschen Sportes auf dem Reichssportfeld angetreten. Zwischen dem Studentenführer und der von der Hochschule für Kunsterziehung angetretenen Mannschaft stand ich. Als dann der Reichsstudentenführer die Front abzuschreiten begann, stellten wir fest, daß alle anderen die Handschuhe ausgezogen hatten. Möglichst unauffällig ziehe ich wenigstens den rechten ab. Schuster hat seinen auch aus. Da ist Scheel auch schon heran und sein Berliner Bereichsführer sagt: „Hochschule für Kunsterziehung.“ Der Reichstudentenführer tritt auf Schuster zu und reicht ihm wie allen anderen Studentenführern die Hand. Und ehe ich mich versehe streckt er auch mir die Hand entgegen. Ich fasse kräftig zu und presse die linke an die Hosennaht. Das hatte ich ja nun nicht erwartet. Aber doch gut, daß ich den Handschuh aus hatte! Im Kuppelsaal fand dann eine eindrucksvolle Morgenfeier statt. Dann sprach der Rassenseelenforscher Claus. Er stellte schon gleich zu Beginn einen nordischen Schuft zu seinen Beispielen um der landläufigen Meinung entgegenzutreten, daß der nordische Mensch nur gute Eigenschaften haben könnte. Am Nachmittag waren sportliche Veranstaltungen der Kameradschaften. Zu drei Mann saßen wir von 5-7 Uhr auf unserer Studentenführueung [!] und erwartete[n] einen angekündigten Dienststellenbesuch des Reichsstudentenführers, der natürlich nicht kam. Am Abend vereinte eine Großkundgebung in den Sälen am Zoo die Alten Herren und die Studenten bei Reden von Scheel und Rust. Es hat doch mancher bei dieser Gelegenheit erkannt, daß der Studentenbund nicht mehr der Saftladen ist, der er noch vor einem Jahr war. Morgen wird nun die mit Spannun[g] erwartete Reichstagssitzung stattfinden. Man munkelt ja allerlei von Österreich - doch weiß niemand etwas bestimmtes. [...] Für die SA ist Dienst angesetzt. Doch besteht für mich die Möglichkeit, daß sie mich vergessen, da ich in diesen Sturm ja gerade erst überwiesen bin. Dann werde ich mich wieder möglichst nah an den Eingang der Krolloper verfügen. - Da laut Anordnung von Hess die Besitzer einer gelben Karte das Parteiabzeichen tragen dürfen, habe ich dasselbe am Studententag das erste Mal angelegt.“; 26.2.1938: „Die Rede am letzten Sonntag habe ich mir in einem Kino in der Friedrichstraße angehört [...]. Anschließend habe ich mich eilends auf den Weg zur Reichskanzlei gemacht und kam noch so zeitig, daß ich noch ziehmlich [!] nach vorne kam. Bald kam dann auch der Führer zurück. Doch bekamen wir ihn garnicht erst zu sehen, da er gleich mit seinen folgenden Wagen im Hof der Reichskanzlei verschwand. Nur das dumpfe Trommeln der herausgetretenen Wache ließ uns erkennen, daß der Oberste Befehlshaber wieder in seinem Hause angekommen ist. Nach einer guten halben Stunde - inzwischen hat sich der Platz schnell gefüllt - zeigt sich der Führer nach langem Rufen auf dem Balkon. Mit ihm sehen wir Hess und Ribbentrop. Besonders viel Österreicher hatten sich an diesem Tage in Berlin eingefunden. Vor der Reichskanzlei stand eine Gruppe mit einem Schriftband, das die Aufschrift trug „Deutsch-Österreich grüßt den Führer“. Sprechchöre, wie sie in Nürnberg schon zu hören waren „Ein Volk - ein Reich - ein Führer“ klangen auf. Darauf verlief sich die Menge schnell, da die meisten von ihnen wohl die Zeit der Rede draußen gestanden hatten.“; 25.3.1938: „Die Aushebung beginnt ab 20. Juni[,] es wird sich dann entscheiden, ob sie mich im Herbst holen werden oder nicht.“; 3.6.1938: „Für Minden habe ich noch einen Plan in Erwägung: Bei Melitte [!] [Melitta] werde ich in Verbindung mit KdF eine Fabrikausstellung aufziehen, in der ich neben eigenen Werken, Arbeiten von Kameraden und Professoren, sowie Mindener Künstler bringen werde. Von seiten der Reichsstudentenführung wird das sehr gewünscht. Und ich glaube, daß es nicht zu meinem Nachteil ist, wenn ich mal soetwas unternehmen werde.“; 18.6.1938: Musterung am 1. Juli; 26.11.1938, in Franzensbad bei Karlsbad: „Am Nachmittag sind wir zu Fuß nach Franzensbad gepilgert auf der Landstraße. Auf der einen Seite begleitete uns das Fernsprechkabel des Heeres. In Enger selbst sahen wird an Soldaten nur einige Flieger. [...] In Karlsbad bin ich nicht gewesen, das lag zu weit ab. Doch gab Franzensbad auch schon ein Bild von einem der altösterreichischen Bäder mit den Grandhotels mit den vielen Balkons im Vorkriegsstil. Die Läden lagen zum großten Teil tot. Teils wegen des Saisongeschäftes, teils wegen der wirtschaftlichen Notlage. [...] Ein Postbeamter noch in der alten tschechischen Uniform erzählte uns Einzelheiten aus den letzten Tagen und Wochen und zeigte uns auch die Villen der reichen Juden, die sich beizeiten verkrümelt haben. In Asch selbst war ich nur ganz kurze Zeit zwischen zwei Zügen. Doch genügte es um einen kleinen Eindruck von der Stadt der Ba[y]reuthers zu bekommen. Fast endlos zieht sich die Straße vom Bahnhof den Hügel hinauf nur mit wenig Häusern an den Seiten zur Stadt hin. Aber diese Stadt entpuppt sich ebenfalls als ein langer Bandwurm an der immerlänger werdenden Straße, die dann schließlich auf der anderen Seite (des Brinkes im Tale wieder) in einem Marktplatz endigt. Die Häuser sind sehr bescheiden. Es ist nicht viel Betrieb. Zu Ahnenforschung hatte ich nicht die genügende Zeit. Doch hoffe ich, daß in absehbarer Zeit einer von uns nochmal dahin kommt. Bis dahin haben unser Namensvettern ihren Stammbaum hoffentlich schon soweit fertig, daß wir nur noch abzuschreiben brauchen, denn ich sah in den Läden schon überall Ahnentafeln, Ahnenpässe u.s.w.“; auch: [Sommer 1938:] Brief von Helmut an seine Mutter: warm, sitzt nur in Turnhose in der Stube [RAD?], die anderen sind in Brüsterort, Ostpreußen; will mit Latein anfangen für das kleine Latinum; [undat.]: Brief von Helmut Bayreuther an seine Mutter
Akten
Angaben zum entzogenen Vermögen
Weitere Angaben
BZK-Nr.
Die Bundeszentralkartei (BZK) ist das zentrale Register des Bundes und der Länder zu den durchgeführten Entschädigungsverfahren. Bei der Aufnahme eines Verfahrens in die BZK wurde zur eindeutigen Identifizierung eine Nummer vergeben. Diese BZK-Nummer bezieht sich nicht auf eine Person, sondern auf ein Entschädigungsverfahren: Hat eine Person mehrere Ansprüche geltend gemacht (z.B. für sich selbst und für Angehörige), liegt im Normalfall für jedes Verfahren eine eigene BZK-Nummer vor. Häufig wurde als BZK-Nr. schlicht das Aktenzeichen der jeweiligen Entschädigungsbehörde übernommen.
Diese Nummer ist für eine Anfrage im entsprechenden Archiv wichtig.
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Delikt nach NS-Justiz
Handlungen, die im Nationalsozialismus überhaupt erst kriminalisiert wurden (z.B. Heimtückegesetz, "Judenbegünstigung") oder die die NS-Justiz in verschärftem Maß verfolgte (z.B. Hochverrat).
Verfolgungsgrund
Die hier angegebenen Gründe orientieren sich am Wortlaut der in den Quellen genannten Verfolgungsgründe.
Rolle im Verfahren
„Verfolgt“ meint eine Person oder Organisation, die im Nationalsozialismus verfolgt wurde. Sie konnte im Rahmen der Wiedergutmachung Entschädigung oder Rückerstattung beantragen. Wenn der Antrag nicht von dem oder der Verfolgten selbst, sondern von einer anderen Person (zum Beispiel dem Sohn oder der Tochter) oder einer Organisation gestellt wurde, so wird diese als „antragstellend“ bezeichnet und ihre Beziehung zu dem oder der Verfolgten soweit bekannt vermerkt. In den Quellen wird für die Verfolgten auch der Begriff „Geschädigte“ und für die Antragstellenden der Begriff „Anspruchsberechtigte“ verwendet.
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Nähere Angaben zum Verfolgungsgrund
Ergänzende oder spezifischere Angaben zu Mitgliedschaft, Gruppenzugehörigkeit bzw. Gruppenzuschreibung, die Anlass für die Verfolgung war.
09.01.2026, 11:40 MEZ
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