Quellen zur Geschichte der Juden bis zum Jahr 1600 im Hauptstaatsarchiv Stuttgart und im Staatsarchiv Ludwigsburg (Bestand)
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Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, J 429 Bd. 1
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Archivtektonik) >> Sammlungen >> Archivinventare und Archivbehelfe >> Thematische Inventare
Inhalt und Bewertung
Vorwort
Das Hauptstaatsarchiv eröffnet mit diesem Archivverzeichnis eine neue Reihe: die der thematischen Repertorien. Sie ergänzen die Repertorien für geschlossene Bestände, die auch weiterhin im Vordergrund der Inventarisierungstätigkeit stehen werden, denn nur die Bearbeitung von Bestand zu Bestand sichert die vollständige, systematische Erfassung aller Archivalien. Die Forschung hat aber darüber hinaus natürlich auch großes Interesse an der querschnittartigen Erhebung der Unterlagen für bestimmte Themen, zumal wenn die Belege über viele Bestände zerstreut sind. Hier gibt es ein weites Feld des Bedarfs, der aber in absehbarer Zeit nur in Einzelfällen seitens des Archivs gedeckt werden kann. (Bisher liegen nur zwei thematische Repertorien über die Quellen zur Geschichte der Stadt Böblingen und der Gemeinde Kirchberg an der Murr vor, beide von W. Braunn bearbeitet.).
Auf Wunsch des jüdischen Zentralarchivs in Jerusalem wurden vor einigen Jahren die Unterlagen des Hauptstaatsarchivs Stuttgart und des Staatsarchivs Ludwigsburg über die Geschichte der Juden ermittelt und in Listen erfaßt. Diese Zusammenstellung hat Herr Archivamtsrat Wilfried Braunn erweitert, verbessert und in die Form eines Repertoriums gebracht. Er hat in 75 Beständen des Hauptstaatsarchivs und 36 Beständen des Staatsarchivs Ludwigsburg insgesamt 880 Einzelbelege aus dem Zeitraum von 1266 - 1600 ausfindig gemacht und in Kurzregesten erschlossen.
Damit ist eine breite Quellengrundlage für ein besonders interessantes, allerdings auch weithin beklemmendes Kapitel südwestdeutscher Geschichte gelegt: für die Geschichte einer sozialen Außenseitergruppe, die immer wieder ihren Beitrag für die Gesellschaft leistete und die doch ständig beargwöhnt, behindert und zum Teil diskriminiert, ausgeschlossen und zeitweise sogar verfolgt wurde.
Herrn Braunn danke ich sehr für die mit manchen Schwierigkeiten verbundene Sucharbeit und für die sorgfältige Anlage dieses Verzeichnisses.
H.-M. Maurer
Direktor des Hauptstaatsarchivs Stuttgart Einleitung
Jüdische Siedlungen bestanden in süddeutschen Städten wohl schon seit dem 11. Jahrhundert. In den Staatsarchiven Stuttgart und Ludwigsburg liegen dagegen urkundliche Belege über Juden erst ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts vor. Die beiden Staatsarchive enthalten vor allem Unterlagen aus den einzelnen Territorien, die zu Anfang des 19. Jahrhunderts im Königreich Württemberg aufgegangen sind, reichen aber auch weit über dieses Gebiet hinaus. So finden sich z. B. Hinweise über die Judenschaft im Stift Fulda und in den vorderösterreichischen Gebieten Bayerisch Schwabens, Südbadens und aus dem Elsass.
Im 13. Jahrhundert wurden die Juden bereits als kaiserliche bzw. königliche Kammerknechte angesehen, d. h. sie hatten ein Schutzgeld an den Herrscher als Entgelt für den Schutz zu entrichten, den dieser ihnen gewährte. Der Judenschutz galt zunächst als königliches Regal und wurde in der Folgezeit - sehr oft verpfändet - zu einem wichtigen Instrument der Reichspolitik, bis er schließlich an die Reichsstände überging. Erste Ansätze dazu finden sich in der Goldenen Bulle Kaiser Karls IV. von 1356 (Nr. 99 dieses Inventars). Auch später hat es an Versuchen der Reichsgewalt, die Juden an sie zu binden, nicht gefehlt; so versuchte noch im Jahr 1583 der Kaiser, im Stift Fulda von den Juden den goldenen Opferpfennig einzuziehen.
Die kirchliche Gesetzgebung des späten Mittelalters verschärfte die sozialen Gegensätze zwischen Christen und Juden. Da sie aus dem übrigen Wirtschaftsleben ausgeschlossen waren, blieb ihnen nur noch der Handel mit Geld gegen Zinsen, der den Christen durch das kanonische Recht verboten war. Wirtschaftlicher Erfolg (im 14./15. Jahrhundert werden verschiedene Juden als Bürger in Städten, besonders Ulm, genannt) und religiöses Brauchtum förderten das Entstehen von Feindseligkeiten der christlichen Umwelt, nährten den Verdacht des Ritualmordes, der Hostienschändung und der Brunnenvergiftung und erreichten ihren Höhepunkt in blutigen Judenverfolgungen wie der von 1348/49 im Verlauf einer Pestepidemie oder der von 1429/30 in Ravensburg sowie in obrigkeitlich verfügten, erzwungenen Schuldentilgungen. Auch dazu finden sich genügend Beispiele in diesem Inventar.
Mit dem Ende des 15. Jahrhunderts verschlechterte sich die Stellung der Juden zusehends. Aus den meisten südwestdeutschen Reichsstädten wurden sie ausgewiesen, und viele Reichsstände ließen sich kaiserliche Bestätigungen zur Einschränkung des jüdischen Handels erteilen. So legte beispielsweise die Regimentsordnung vom 14. Juni 1498 (Nr. 306) die "Ausschließung" der Juden aus dem Herzogtum Württemberg für mehr als 300 Jahre fest. Aufgenommen wurden sie vor allem in kleinen weltlichen oder geistlichen Gebieten, deren Landesherren durch die Besteuerung der Juden, die fortan ihren Schutz genossen, ihre Einnahmen zum Teil beträchtlich erhöhen konnten.
Wie bereits erwähnt finden sich in den Archivalien vor allem Hinweise über den Handel der Juden mit Christen und die Versuche, diesen obrigkeitlich zurückzuschrauben und zu kontrollieren. Untertanen, die sich mit Juden eingelassen hatten, aber auch Juden selbst, die beim verbotenen Handel gefasst. wurden, hatten Urfehde zu schwören und teilweise recht empfindliche Strafen zu gewärtigen, die bei Württembergern bis zur Landesverweisung reichten. Die württembergische Regierung scheute sich dabei auch nicht, massiv in die inneren Angelegenheiten benachbarter Herrschaften einzugreifen, wie am Beispiel Esslingen und Stetten im Remstal gut dokumentiert ist (Nr. 417, 584 f.). Beim Heimfall des pfälzischen Fleckens Rhodt unter Rietburg an Württemberg 1570 wurden einige dort sesshafte Juden ausgewiesen. Auch andere Hinweise über die Aufnahme von Juden in verschiedenen Ortschaften und ihre "Ausschaffung" finden sich verschiedentlich in diesem Verzeichnis (Nr. 438, 442, 554, 562, 569, 589 f.). Dass die bei den Juden gemachten Schulden als sehr drückend empfunden wurden - es mussten ihnen sogar ganze Güter verpfändet werden - geht u. a. aus den Beschwerden wegen angeblicher Begünstigung der Juden gegen den Landrichter in Schwaben Kaspar Klöckler hervor (Nr. 580).
Es verwundert daher nicht, dass sich besonders im 16. Jahrhundert die Prozesse zwischen Christen und Juden häuften und bis an das Reichskammergericht, also der höchsten Instanz, appelliert wurde. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Abt Gerwig Blarer von Weingarten und Ochsenhausen, der in seinem Territorium die Juden heftig verfolgte, sich nicht scheute, die Hilfe auswärtiger Juden für seine Geldgeschäfte in Anspruch zu nehmen. Ausschließlich wirtschaftlichen Gründen lagen auch die Bemühungen Herzog Friedrichs von Württemberg um Ansiedlung von Juden gegen Ende des 16. Jahrhunderts in Stuttgart zugrunde.
Über Beziehungen anderer Art zwischen Juden und Christen liegen ebenfalls einige Nachrichten vor, so über Gefangennahme und Hinrichtung von Juden, auf Grund von Vergehen, die der Strafgerichtsbarkeit unterstanden und damit vor christlichen Gerichten zu verhandeln waren. Wichtig ist
der sogenannte Judeneid, der von Juden bei Rechtsstreitigkeiten mit Christen abgelegt werden musste und von dem eine Fassung hier existiert (Nr. 507). Prozesse von Juden gegen Juden vor christlichen Gerichten waren dagegen selten (Nr. 816). Gegenüber Nichtjuden hatten sie sich durch besondere Abzeichen auszuweisen, wobei schließlich der gelbe Ring, gut sichtbar auf den Kleidern zu tragen, allgemein üblich wurde (Nr. 424, 462, 525 mit Muster, 678, 798). Beliebt, auch bei Christen, waren jüdische Ärzte (Nr. 429, 432, 513, 614). Über die religiösen Bräuche und über jüdische Grabstätten ist dagegen nur sehr wenig ausgesagt. Über die Bewilligung eines Gesuchs zur Anstellung eines Rabbi erfahren wir in Nr. 444. Über getaufte Juden liegt ebenso kaum etwas vor (Nr. 208, 634). In diesem Zusammenhang interessiert sind die Agitationen des getauften Juden Hans Pfefferkorn gegen seine ehemaligen Glaubensgenossen und Bestrebungen zum Verbot jüdischer Bücher (Nr. 321, 325, 463).
Angesichts der Judenfeindlichkeit und der verschiedenen obrigkeitlichen Judenordnungen musste der Versuch des Josel von Rosheim (1478- 1554), des ''Befehlshabers und Regierers der gemeinen Jüdischheit", allen seinen Glaubensgenossen in Deutschland Erleichterungen und Reformen zu verschaffen, letzten Endes ohne Erfolg bleiben. II.
Bereits in den Jahren 1974 - 1977 wurden für das Zentralarchiv für die Geschichte des jüdischen Volkes in Jerusalem einige Verzeichnisse zur Geschichte der Juden aus den Archivalien des Hauptstaatsarchivs Stuttgart und des Staatsarchivs Ludwigsburg angefertigt. Diese Aufstellungen sind jetzt erweitert und neu überarbeitet und so auf einen einheitlichen Stand gebracht worden.
Aufgenommen wurden dabei in der Regel nur Originale; etwa vorhandene Abschriften desselben Schriftstücks sind nicht berücksichtigt. Sofern überhaupt nur Abschriften existieren, ist dies jeweils gesondert vermerkt, allerdings nicht bei Diplomataren und anderen Bänden, bei denen sich diese Überlieferungsform von selbst ergibt. Die Titelaufnahmen sind in den meisten Fällen den Find- oder Urkundenbüchern entnommen. Fehlerquellen können dadurch zwar nicht ganz ausgeschlossen werden, doch wurde dies aus Zeitgründen in Kauf genommen. Ebenfalls aus diesem Grund wurden die teilweise recht umfangreichen Bandreihen nur durchgesehen, soweit sie durch Register erschlossen waren oder sonst konkrete Hinweise vorlagen. Es ist also gut möglich, dass sich in beiden Staatsarchiven noch einschlägige Stücke finden.
Aufgenommen sind auch Personen oder Liegenschaften, deren Namen auf Beziehungen zu Juden schließen lassen. Sofern der Akten-·oder Urkundeninhalt keine weiteren Rückschlüsse auf Juden zulässt, sind nur Siegler,· Bürgen oder sonstige Hinweise ohne weiteren Zusatz vermerkt. Angegeben sind ferner Veröffentlichungen von Archivalien.
Die einzelnen Aufnahmen sind wie folgt gegliedert: Datum," kurze Inhaltsangabe des Archivale (mit Angabe der Namen von Juden und der Orte,- in denen die wohnten, soweit angegeben), Bemerkungen (Hinweise auf Veröffentlichungen, Abschriften usw.), Signatur. Die Gliederung in chronologischer Reihenfolge schien am sinnvollsten.
Von den hier verzeichneten Archivalien liegen ungefähr drei Viertel im Hauptstaatsarchiv Stuttgart, die übrigen im Staatsarchiv Ludwigsburg (diese sind besonders gekennzeichnet).
Auffallend ist, dass ein sehr großer Anteil bei den württembergischen Behörden erwachsen ist, obwohl in diesem Gebiet kaum Juden lebten. Relativ gut dokumentiert ist auch die Überlieferung aus den Reichsstädten im Mittel alter sowie aus den Gebieten Vorderösterreichs und des Deutschen Ordens. Dagegen liegt über die kleineren weltlichen und geistlichen Gebiete kaum Material aus dem behandelten Zeitraum vor. Dieses setzt im größeren Umfang erst im 17./18. Jahrhundert ein. Dementsprechend ist weiteres Schriftgut vor allem in den Archiven der ehemaligen Reichsstädte, aber für das Mittelalter auch im Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein (Archiv der Herren von Weinsberg) heranzuziehen.
Bestand
Information on confiscated assets
Additional information
BZK no.
The Bundeszentralkartei (BZK) is the central register of the federal government and federal states for completed compensation proceedings. When a claim is entered into the BZK, a number is assigned for unique identification. This BZK number refers to a compensation claim, not to a person. If a person has made several claims (e.g. for themselves and for relatives), each claim generally has its own BZK number. Often, the file number of the respective compensation authority is used as the BZK number.
This number is important for making an inquiry to the relevant archive.
This number is important for making an inquiry to the relevant archive.
Delict according to Nazi judicial system
Conduct that was first criminalized under National Socialism (e.g. the Treachery Act, ‘Judenbegünstigung’) or which the Nazi judiciary prosecuted more severely (e.g. high treason).
Reason for persecution
The reasons provided here are based on the wording in the reasons for persecution stated in the sources.
Role in the proceeding
‘Verfolgt’ refers to a person or organization that was persecuted under National Socialism. They could file a claim for compensation or restitution as part of the Wiedergutmachung policy. If the application was submitted by another person or organization than the persecutee (for example, their son or daughter), this other person or organization is designated as ‘antragstellend’ and their relationship to the persecutee is noted, if known. In the sources, the persecutee is sometimes referred to as ‘Geschädigter’ (aggrieved party) and the applicant as ‘Anspruchsberechtigter’(claimant).
Search in Archivportal-D
You may find additional archival material on this person or organization not related to Wiedergutmachung in the Archivportal-D.
Additional information on reason for persecution
Additional or more specific information on membership and group affiliation which were the reason for the persecution.
Es gelten die Nutzungsbedingungen des Landesarchivs Baden-Württemberg.
13.11.2025, 2:39 PM CET