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Zwei Tagebücher
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Enthält:
Tagebuch vom 27.6.1930 - Februar 1931 mit eingeklebtem Foto (144 Seiten)
Stationen:
Rehlingen, Innsbruck, Franzensfeste, Brixen, Bozen, Rovereto, Milanese, Verona, Venedig, Maria di Salute, Arguse, Ravenna, San Cassiane, Florenz, Siena, Centano, Rom, Neapel, Battipaglia, Sala Consilina, Lago Negro, Castro Allari (Kalabrien), Cosenza, Garpanzaro, Nicastro, Pizzo, Giola Tauro, Messina, Gesso, Patti, S. Domenica-Randazzo, Lingnaglossa, Taormina, Catania, Lentini, Syrakus, Noto, Spaccaforno, Ragusa, Comizio, Gela, Picata-Palma, Agrigent, Cannicatti, S. Cataldo, Enna, Leonforte, Nicosia, Mistretta, S. Stefano di Camastra, Finale-Cefalu, Palermo, Pioppo- Monreale, Pastinico, Trapani, Marsala, Mazzara del Vallo, Castelretrano, Ribera, Agrigent, Naro, Cannicatti, Somnatino, Trabia, Niscemi, Caltagirone, Granmichele, Vizzini, Palazzo Acreide, Siracusa, an Bord von "Garibaldi", Malta, Tripoli
Reisetagebuch vom 15.2.1931 - Oktober 1934 unter anderem aus Tripolis, Wien, Hermannstadt, Bukarest mit eingeklebten Fotos (296 Seiten)
Stationen erste Reise:
Tripolis, Zuara, Festung Pisida, Gabes, Sfax, Susa, Tunis, Cagliari (Sardinien), Pula, Teulada, Giba, Iglesias, Sassari, Simiscola, Rom, Florenz, Mailand, Salo, Sirmione, Trient, Nürnberg (24.5.1931)
Stationen zweite Reise, beginnend im September 1932:
Wien, Budapest, Kecskemet, Csongrad, Nagy Magosc, Oroshaya, Gyula, Elek, Lohoshasza (Grenze), Arad u. Neu-Arad, Temesvar, Variash, Gross-Sankt Nikolaus, Gottlob, Grabatz, Temesvar (Krankenhaus), Rekasch, Karansebesch, Hermannstadt, Reußmarkt, Mühlbach, Hermannstadt, Mediasch, Reichesdorf, Tobsdorf, Schaborosch, Schässburg, Malmkrog, Zuckmantel, Katzendorf, Streitfort, Kronstadt, Neustadt, Azuga, Campina, Moreni, Baicoi, Ploesti, Bukarest, Sulina, Valcov, Bukarest, Turma-Severin, Schiff Budapest - Wien, Ankunft Juni 1933
Stationen dritte Reise, beginnend Juli 1934:
Berlin, Prerow (Pommern), Stralsund, Stettin, Svinemünde, Zappot, Danzig, Memel-Klaipeda, Heydekrug, Nidden, Königsberg, Rostock, Prerow, Berlin, Nürnberg
Auszüge:
27.6.1930
Wie ich das also beschlossen, so fange ich ein neues Buch an: Hinein in Zweifel und Ungewissheiten über mein zukünftiges Ergehen und mich selbst.
S. Fischer Verlag, dem Thomas Mann eine Arbeit von mir sandte, scheint enttäuscht von mir zu sein und stellt sich auf den einfachsten, nämlich den Standpunkt. - Von Thomas Mann steht auch noch ein Brief aus, der wichtige Entscheidung bringen kann.
Im Übrigen ist die gesamte deutsche Wirtschaftslage so schlecht, dass man nun auch, wo es nie etwas zu klagen gab, in meiner Firma mit ernsten Gesichtern umhergeht, wie in einem Krankenzimmer nach schwerer Operation. Solange man an den Verhältnissen teilzunehmen gezwungen ist, unterliegt man ihnen rettungslos. Heute früh habe ich immer wieder an das Eine gedacht: Einmal ganz frei zu sein von den hemmenden Begriffen Pflicht, Ernährung und Zeit. In vielen Fällen hat ja dergleichen gewissenlosen Genuss zur Folge - Menschen von der Art eines Daseinsgang. Ich könnte mir so etwas bei gewissen Leuten nur zu gut vorstellen, weil ein gut Stück daran in mir selbst steckt. Das Schicksal aller Berufungslosen, aus Mangel an Lebenskraft seltene Genüsse mit noch selteneren zu vertauschen - wie man etwas mit kostbaren Briefmarken tun mag - die Freiheiten des einen gegen die des anderen in Krämer Peinlichkeit abwiegen und wägen und darüber das wirkliche Dasein mit seiner Freud und Leid verlernen und vergessen. - Nein, ich bin keineswegs von mir eingenommen, aber so schlimm könnte ich dann doch nur werden - irgendetwas Unaussprechliches in mir ist danieder-, bald nenne ichs Ruhelosigkeit, bald Gewissen.
30.6.30
Heute (wer aber weiß wie lange noch) habe ich ein ganz dussliges Empfinden dessen, dass ich selbst doch schöpferisch bin. Nur quillt es aus mir nicht in jubelnden Worten, sondern fragt kärglich und wird von mir selbst stets mit misstrauischen Augen betrachtet. Ich werde aber einmal schaffen können, wenn ich wieder gesund bin, geheilt von den Nachwirkungen verpfuschter Kindheit, von Zweifel und Missachtung meiner selbst und schließlich von dem Einfluss jener alles verbiegenden Gesetze, nach denen nur das Recht des Stärkeren gilt. Drum werde ich meinen Weg gehen, aber einsam - selbstsüchtig einsam vielleicht, wenn es sein muss. Ach, Erika, wahrscheinlich mussten deshalb noch viel Tränen fließen!
1.7.1930
Also doch eine Enttäuschung: Thomas Mann hat mir einen Brief geschrieben, den ich als liebenswürdig bezeichnen könnte, wenn er nicht nach langer gemeinsamer Ausrede klänge. Gewisse bereuende Worte, aus diesem und jenem Grunde nicht helfen zu können, habe ich von ihm schon gelesen und so haftet ihren ebenso etwas von einer an, wie das "sympathisch", mit dem er meine Arbeit bezeichnete, wie vorher vielleicht schon tausend andere. Es liegt sogar eine gewisse klägliche Hilflosigkeit ( er möge mir verzeihen!) darin, wie er mir Ratschläge gibt, die eigentlich keine sind, wie er - etwa aus Angst vor der Schwere fremder Menschen Schicksal - alle ihn von mir geschilderten Nöte unberührt lässt und mit Andeutungen schließt, die ihrem Sinne nach nichts mehr und weniger in sich schließen, als dass ich mich glücklich preisen müsste, wenn er, Thomas Mann, mir eine Beziehung zu einem so großen Verlag, wie es S. Fischer ist, angebahnt hat.- Nun, ich bin ja auch für dies Geschenk dankbar, wenngleich ich heute damit noch ebenso wenig anfangen kann, wie Täuflinge mit dem üblichen silbernen Eierbecher.
Ich muss eben warten, darf die Geduld nicht verlieren!
Wenn meine gute Stimmung und Verfassung anhält, werde ich in diesen Tagen eine kurze Novelle .. schreiben, an deren Stoff ich augenblicklich großen Gefallen habe.
5.4.(7.)1930
Heute habe ich die (17 Seiten lange) Maschinenabschrift trotz Geschäft und Unruhe beendet. Die Erzählung heißt "Hellsehen" und ist meines Empfindens nach das Beste, was ich bisher geschrieben. Für mich wird sie besonders merkwürdig und vielleicht auch dadurch, dass sie sich nicht irgendwie ängstlich an ein persönliches Erlebnis anlehnt, sondern in vollkommen freier Erfindung geschaffen ist. - Ich habe sie an Fischer geschickt.
10.7.1930
Bisher hätte ich das selbst nicht für möglich gehalten: dieser Tage empfand ich so etwas wie "Literaturneid" über Thomas Manns neue Novelle Marie und der Zauberer. Dass mich aber dieser Mann auch nicht in Ruhe lässt!
Kurz nachdem ich meine letzte Arbeit geschrieben, las ich jene Novelle, Mann, ich auch vorher schon wusste, dass ihr Verfasser ein Künstler ist, so war ich doch über soviel Überlegenheit, die geradezu ( wie mir scheint) an Hochmut grenzt, betroffen. Täusche ich mich? Ich muss jedes Wort langsam aus mir herausarbeiten und das Ganze steht dann knapp und dürftig da, jener aber stellt alles mit unglaublicher Sicherheit aus sich heraus und ihm ist eine Technik zu eigen, die aus dem geringsten Gegenstand etwas schafft.
Aber ich habe es noch nicht getroffen, was ich sagen wollte: Ich beneide ihn eigentlich um die Zeit über die er verfügt und die mir fehlt. Er nimmt sich einfach Wochen und Monate und leistet damit eine , Kleinarbeit - .. ich im Büro sitze und gelegentlich versuche, das Geschäft um ein paar Stunden für meine Arbeit zu betrügen. Dieser Kampf mit so ungleichen Waffen ist es, der mich missmutig macht.
Nun, grundsätzlich: Ich glaube bestimmt, dass es so nicht mehr lange weiter geht. Ich bin und brauche viel, viel Ruhe.
11.7.1930
Gestern hatte ich einen sehr lieben Besuch, den Dichter Benedikt Lochmüller. Es ist schon mehr als zwei Jahre her, dass wir uns in Bayreuth zum letzten Male sahen. Dieser Mensch ist wirklich eine Gestalt und ein Dichter.- Er sah jetzt so vergnügt aus und wenn er heute nicht mehr lebte, dann würde er an seiner Seele zugrunde gegangen. In diesen zwei Jahren muss er furchtbar gelitten haben - er daran, aber er hätte es gar nicht tun brauchen.-
Er hat ein 6000 Zeilen umfassendes Epos über Hölderlin geschrieben, eine grosse Arbeit - er will es mir nächstens schicken.
Lochmüllers Tragik besteht darin, dass seine Dichtungen vollkommen unzeitgemäss sind. Wer kennt 24 , wer kennt Hölderlin? Hätte er anderes zum Vorwurf nehmen sollen? Wer wollte ihm das sagen? Der Mensch schafft, was in ihm steckt! Jeder tut es, wenn er stark und ehrlich ist.
12.7.1930
Noch ein wertvolles Wiedersehen: gestern traf ich Ernst Rothacker - unsere letzte Begegnung liegt sieben Jahre zurück. Ernst war damals Führer eines kleinen Kreises innerhalb der Jugendbewegung gewesen, er " half mit, romantisch zu sein". Er war auch nicht anders als wir. Höchstens, dass er die Autorität für sich beanspruchte und gut singen konnte, was ich aber für ihn empfand, ging mir erst viel später auf: Eine unglückliche Liebe. Und wir kamen doch auf so böse Weise auseinander! Und wie oft musste ich an ihn denken! Mir sind diese Gedanken zu vertraut, als dass ich sie hier niederschreiben könnte. Und gestern also kam er mit anderen Bekannten zu mir ins Haus, ein gut gekleideter junger Mann mit gepflegtem Gebärden. Damals war er Mechaniker obwohl man ihm dergleichen nie ansah - und heute studiert er in Erlangen Theologie. Wie merkwürdig: den heidnischen Ernst von damals zu sehen, wie er Pfarrer wird, wie er von Berufung und Offenbarung spricht! Wir werden uns nächstens wohl öfter sehen.
14.7.1930
Gestern Nachmittag und Abend war ich wieder mit Ernst Rothacker beisammen und hatte Gelegenheit, ihn von näher ? etwas kennenzulernen.
Von seiner staunenswerten Selbstzucht, mit der er sich Reifeprüfung und Studium erzwang, sprach ich schon . Aber es sind noch andere hervorstehende Wesensmerkmale an ihm. Ich habe das Empfinden , als hätte ich Ernst an Alter überflügelt und das mag dürfen, dass er etwas wie eine Aztekenruhe hat, ein blumengleiches Dahinleben. Schmerzliches . Alles Schönen. Er ist reif und klug, aber der wunderbaren Vielfältig- und Farbigkeit des Lebens gegenüber dankbar wie ein Kind, unaufhaltsam quillt es aus ihm, immer neu, immer jung -
Bei mir habe ich oft das Gefühl, als verbrauchte ich mich und bedürfte der Wiederbelebung in Gestalt neuer Eindrücke, neuer Menschen. Es wird anderen auch ähnlich ergehen, aber ich selbst fühle mich drum meistens wie niedergeschmettert angesichts jener Wendepunkte. Warum habe ich nicht an mir selbst Genüge und muss mich erst in jenen Dingen wiederfinden, die mich umgeben?, denke ich oft mit Trauer, als hätte ich schöne Blumen gepflückt und sie dann in meinem Haus verwelken lassen.
Der Mensch muss neu geboren werden! In griechischer Schrift: Katharsis!
15.7.1930
Die Kasse regiert. Wir sind ihr schonungslos ausgeliefert! Ich habe heute folgendes errechnet:
Berliner Notar Dr. Peter bestätigt die Auflagen des Ullstein-Verlages in monatlichen Abständen und es ergibt sich als monatliche Gesamtauflage dies Bild:
Tabelle
(Beleg, den Monat Oktober 1929 betreffend liegt bei!) - ist vorhanden -
Man kann errechnen, dass jede Zeitung durchschnittlich von vier Menschen gelesen wird und so bekommt jeder dritte, bei einer Bevölkerungsziffer von 63 Millionen, monatlich 2 - 3 Schriften aus dem Verlage Ullstein in die Hand. Welch ein Einfluss! Noch daran zu denken, dass der Geist Ullsteinscher Leitartikel kritiklos von von Stadt- und Provinzblättern übernommen wird.
Das dritte Reich ist eine Demokratie, eine freier Bürger.. wählt seine Führer aus seiner eigenen Mitte. (Wissen müsste es eigentlich jeder, wie es darum steht, aber dem tun Beharrlichkeit und Trägheit !)
24.7.1930
Ein neuer Abschnitt meines Lebens scheint zu beginnen: Ich bin frei! Noch hängt dieses und jenes mir an, genauso, wie ich mag wie vor zur gewohnten Stunde morgens aufwache, obwohl es nun nicht mehr notwendig ist. Aber ich bereite mich doch schon vor auf die Freiheit und - ihren Ernst!
Denn vorläufig ist es damit nicht so, wie ich es mir dachte, nicht der gute Wille eines reichen Menschen (auf den ich immer noch hoffe) ist es, sondern nur meine Krankheit, der Umstand, dass meine Lunge nicht recht in Ordnung ist. Ich muss die nächsten vier Wochen daheim bleiben und da man mir bei A.W. Faber keine gute Gesinnung bezeugt bin ich auf den Kündigungsbrief gefasst. Dann werde ich Erwerbslosenunterstützung beziehen müssen und was sonst un.. Dinge mehr sind, die mich erwarten.
Aber damit ist die völlige (?) Unabhängigkeit da, insofern wenigstens, als ich für mich nach Herzenslust schaffen kann. Über die Freiheit habe ich jetzt wieder angestrengt nachgedacht. Sie ist zunächst einmal viel schwerer in Worte zu fassen als ich glaubte. Nun "betrachte" ich sie, um sie irgendwie zu ergründen.
Gestern ging ich zu sonst ungewohnter Stunde durch die großen Strassen der Stadt und ließ alles in kindlicher Freude auf mich wirken, als es dann aber Abend wurde und zu dämmern begann, da ergriff mich Unruhe und eine große Angst - mich bangte vor diese vogelfreien Ungebundenheit.
Was bin ich nur für ein Mensch! Ich kann mich nur sehr selten restlos freuen, immer mischen sich in alles diese Zweifel, diese Wermutstropfen. Aber das weiss ich bestimmt: ich werde die Zeit nicht ungenutzt verstreichen lassen!
25.7.1930
Heute les ich ein Büchlein über Vinzent van Gogh und nun beschäftigt mich das Schicksal dieses Menschen unablässig. Noch unser: das Trauer.. um Vinzent hat mich tief erschüttert. Seine Bilder habe ich zum großen Teil missverstanden, deutete als eigenbrödlerische Willkür und Manier, was große Einsamkeit geschieht mit geradezu kindlicher Inbrust war. Kindlich und deshalb so oft hilflos steht er ja auch seiner Umwelt gegenüber, ein .. den Allzu .!
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Vielleicht erwartet mich eine heilsame, gute Zukunft, aber zunächst bin ich sehr krank. Jetzt wäre es nicht nur schön, sondern sogar notwendig, nach dem Süden zu gehen. Es fehlen mir dazu die Mittel und ich hoffe inständig, dass mein Zustand zu ihnen verhelfen wird. Ich habe dieserhalb nochmals an Thomas Mann geschrieben, auch auf die Gefahr hin, für charakterlos gehalten zu werden. Wenn dieser Mensch auch bei dem jetzigen Stand der Dinge trotz seines Vermögens und seiner verantwortungsvollen Grundsätze nichts für mich tut, dann hat er mit der Tat seinen Worten widersprochen, dann sehe ich in seinem Werk nichts als ein - schön gefügtes Kartenhaus.
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Erika grämt sich wegen meiner Krankheit, auch meine Mutter, ohne es sich aber so sehr merken zu lassen.
29.7.1930
Gestern las ich in Dürers schriftlichem Nachlass: Familienchronik, Reise in die Niederlande, Briefe von Pirkheimer aus Venedig. Trotz des g.. des Gelehrten Wölfflein kann ich mit meinen Augen darin nichts anderes sehen, als ein Kuriosum. Die nahezu als Geiz wirkende Peinlichkeit, mit der jeder ausgegebene Pfennig verzeichnet wird, diese würden arbeiten, mit denen Dürer alles wahrnimmt und schließlich die derbe Vergnüglichkeit der Venediger Briefe - das alles ist ein merkwürdiges und seltsames Gegenstück zu seinem künstlerischem Werk, wenn natürlich auch ein wertvoller Aufschluss.
Heute las ich zum ersten Male ein Drama Galderone, das Leben ein Traum. Obwohl mir diese bezweckte, sich in trügenden Vergleichen ergehende Sprache nicht liegt, hat sie nichts desto weniger großen Eindruck auf mich gemacht. Trotz seiner großen überaus gepflegtem Sprachkunst hat dieser Spanier auf der anderen Seite (natürlich durch seine Zeit, wenn nicht durch mehr bedingt) in seiner Gestaltung etwas durchaus Primitives - nur daran zu denken, wie sowohl er den Prinzen Sigismund zum Guten sich verändern lässt, wie bei einem Menschen die große Veredelung der Erkenntnis von Gut und Böse auf dem Fuße folgt!
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Wenn nicht alle Zeichen trügen, ist es mit meiner Krankheit doch nicht allzu weit her - es folgt sogar nach genauer Prüfung eine regelrechte . Umso mehr habe ich vielleicht Grund, das Geschehnis als einen Deus ex machina zu betrachten! Ich komme aus den Verhältnissen heraus, diese zu verlassen ich mich sehne und es scheint jetzt der richtige Zeitpunkt zu sein, bevor mir die mir übelgesonnene Direktion von AW. Faber aus irgendwelchen Kleinigkeiten, die Fehler meinerseits bedeute, einen Strick dreht.
31.7.1930
Heute hat mich den ganzen Tag das Gefühl einer namenlosen, beklemmenden Angst nicht losgelassen. Teils kommt es wohl aus der meiner augenblicklichen Lage - ob man bei Faber etwas gegen mich im Schilde führt und wie sich nun meine wirtschaftliche Zukunft gestalten wird. Dann erbricht es auch das Empfinden dafür, in den letzten Tagen nichts gearbeitet zu haben, ein Zustand innerer Leere, der sich zeitweilig zu einem bösen Ekel vor allem, auch dem Schönsten, steigert. Bei dieser Gelegenheit: Ich glaube, in jedem Schriftsteller steckt ein Stückchen Selbstmörder.
Ich möchte einmal etwas Größeres schreiben - wenn ich nur innere und äußere Ruhe hätte. Ich entsetze mich oft selbst darüber, wie ich von Verhältnissen sogar in ihren kleinsten Kleinigkeiten verfallen bin - wie ich nur morgens so furchtbar aufgeregt bin, wenn die Frühpost Briefe bringt.
2.8.1930
Der Fall "Thomas Mann" ist für mich nun - halb und halb glücklicherweise - erledigt. Ich habe wieder einen Brief voll genauer, nur gut klingender Ausreden bekommen, in dem man alles unerwähnt ließ, worauf es eigentlich ankommt - ich kenne diesen Ton nun zur Genüge und er ist mir wirklich zuwider geworden. Es mag wohl sein, dass ein Vermögender wie Mann von viel Seiten bestürmt und belästigt wird, aber hier fehlt es trotz allem an jeder Spur von gutem Willen und ich kann mich nun wirklich des Gedankens nicht erwehren, es mit einem Menschen zu tun zu haben, der nicht hält, was er verspricht. Thomas Mann, der Vertreter des Unabhängigen, der Gesellschaftsklasse, die "überaus viel Zeit hat und keine Hast ver ". Und wann hat man dann Zeit, bitte schön? Dessen bedarf es keiner Antwort. (Ich will auch nicht ungerecht werden!)
12.8.30
Es ist sonderbar, wie mich plötzlich Vergangenes beschäftigen kann: Ich habe heute Nacht zwischen Schlafen und Wachen fortwährend an die .. Luise Braun denken müssen, an sie und meine schmerzliche, unerwiderte Liebe. Ganz erschöpft bin ich schließlich aufgewacht. Vorhin las ich darüber in meinen alten Tagebüchern nach, was ich aber fand, ist an dem Erlebnis selbst gemessen, fast lauter glattes Geschwätz. Vielleicht werde ich etwas darüber schreiben.- Zur Zeit arbeite ich an der Maschinenabschrift einer satirischen Erzählung, die ich "Leo unterm Bett" nenne.
Einfügung:
(Dieser Tage übrigens ist Siegfried, der Sohn Richard Wagners gestorben - vielleicht hat der Gedanke daran unbewusst mitge..)
Sie ist wiederum aus dem Stegreif, ohne Vorlage geschrieben und stellt meinen ersten Versuch dar, humoristisch und spöttelnd zu sein. Urteilen kann ich weiter nicht darüber.
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Gestern hörte ich Beethovens 9. Symphonie zum ersten Male und war erschüttert durch ihre Macht und Wucht.
15.8.30
Wie oft geht es mir doch so, dass ich ein schönes Buch lese, aber nicht, wie andere Menschen es tun, zu meiner Freude, sondern um mich trostlos leer und ausgebrannt zu fühlen.
Wenn ich nicht eine große Arbeit finde, die mich immer wieder vollkommen ausfüllt, dann weiß ich nicht, was aus mir werden soll. Ich kann es einfach nicht, das Leben als Selbstzweck zu betrachten - Anderen, Leichtsinnigeren daher Glücklichen mag das gelingen.
23.8.30
Ich habe wohl, seit ich zuhause bin, einige Pfund zugenommen, aber ruhiger bin ich keineswegs geworden. Dazu müssten wohl günstigere Umstände und geordnetere Verhältnisse sein. Vielleicht aber gehören Angst und Unruhe zu mir, vielleicht sind sie es, die mich schöpferisch machen können. Im Augenblick tut auch die Enttäuschung das ihre: Niemand will sich um mich annehmen, niemand will mir helfen und was ich von meinen Arbeiten fortschicke, kommt alles wieder zurück ohne angenommen zu sein.
Und in solchen Zuständen spüre ich immer einen furchtbaren Lebenshunger in mir; es ist mir entsetzlich, wenn ich das vornehme Treiben in unseren großen Straßen sehe, Autos, schön gekleidete Menschen, all dies mit unverschämter Selbstverständlichkeit. Gepflegte muss mit leeren Händen!
Was heißt da selbstsüchtiger Geltungstrieb? Ich will arbeiten, wahnsinnig viel, aber ich möchte dann auch einmal gesehen und verspürt haben, was alles die Welt hervorbringt und zu bieten hat!
29.8.30
Während des letzten Morgens war ich sehr ängstlich und hatte immer schlechtes Gewissen, wenn ich nichts arbeite. Es waren fast ausschließlich Tage, an denen es regnete oder gleichmäßiges Wolkengrau den Himmel verhängte. Aber nun ist ein strahlender Spätsommer durchgebrochen, von früh bis spät liegt eine wundervolle, fast südliche Sonne auf den Häusern und zeichnet "harte Architekturen".
Ich bin voller Lebenslust und Spieltrieb. Morgens wache ich sehr, sehr früh auf, arbeite und lese eine bis zwei Stunden und spiele dann Tennis. Zu Mittag esse ich wenig und gehe sofort nach Tisch ins Bad, freue mich an gutgebauten, schönen Menschen, bin bald im Wasser, bei den Ballspielen oder im Sandbad und wenn ich schließlich angenehm müde, nach Hause gehe, ist es als strahlte der ganze Körper Sonne aus. Es ist eine Zeit, in der man leben muss mit Leib und Seele.
Mir tun die armen Menschen leid, die jetzt bei Faber und anderen Fabriken und Konsorten schmachten müssen. Es kann so etwas nur beurteilen, wer selbst einmal gefangen saß, Schmerz und Groll mit jedem neuen Sonnentag verspürte!
12.9.1930
Es ist sicher Schwäche von mir, dass ich mich an Erinnerungen klammerte, und jedes sinnlich greifbare Zeichen, Briefe und dergleichen mir nahestehender Menschen aufhebe. Aber heute habe ich aus einem sinnlichen Gefühl heraus, einer Einsicht, dass ein solches, zum Teil doch nutzloses Unterstrichen ? des längst Vergangenen sehr unerquicklich ist. Einen Teil Briefe von Anni Köhler, meiner "ersten großen Liebe" vernichtet. Dass ich darüber jetzt schreibe, ist ein Zeichen dessen, dass es mir schwer fiel, mich von all diesen Blättern und . zu trennen.
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Die Sommertage sind längst vorüber und ich bin traurig ohne Unterbrechung, so sehr, dass ich nichts unternehmen kann. Mit Ernst Rothecker, an dem ich nichts weiter mehr bewundere, als seinen starken Willen (weil er mir völlig fehlt), wollte ich wieder einmal Griechisch und dazu Hebräisch lernen, aber ich kam über ein paar sehr unbedeutende Versuche nicht hinaus - zum Teil weil ich so voller Wirrnis stecke, dass die Verben . Und ---- keinen Platz mehr darin haben. Mit größerem Genuss habe ich Latein gelesen, die Vulgata und Luthers Bibeltext.
19.9.1930
Ganz spät abends, mit schlaftrunkenen Augen und mir ein guter Freund Lebewohl sagen die große, große Nachricht: Nach Überwindung von Hindernissen aller Art wird sich eine alte Sehnsucht erfüllen - ich fahre morgen mit Erika dem Süden, Italien zu!
21.9.1930 Rehlingen, hinter Weißenburg i. Br.
Nun haben wir den ersten Tag wahrhaftig hinter uns und es gibt doch noch soviel zu überwinden. Ich habe mir zunächst meine Stellung bei Faber verscherzt, man hätte mich sicher nach meiner Krankheit noch behalten (von allen Widerwärtigkeiten dabei abgesehen), aber wer weiß, ob ich dann ja noch nach dem Süden gekommen wäre. Ich brachte es endlich fertig, mich von allen großen und kleinen Hemmungen loszureißen, vom Beruf und Häuslichkeit: Es ist doch kaum zu beschreiben, wie sich bis zum letzten Augenblick alle möglichen Schranken einstellen, gleich vielen kleinen Widersachern und den Entschluss verhindern wollen!
Noch gestern früh war noch nicht alles klar: Erikas Eltern (als Schwiegereltern müssten sie einmal furchtbar sein!), die sich das ganze Jahr nicht um ihre Kinder bekümmern, waren plötzlich der Auffassung, es schicke sich nicht, wenn ihre Tochter mit einem jungen Mann zusammen wäre. Um einen ernsten Bruch zu verhindern und außerdem auch einiges Reisegeld zu bekommen, erzählten wir ihnen, dass uns Bekannte mit ihrem Auto mitnehmen würden. Nun aber wünschten die alten Großeltern diese Bekannten zu sehen, Erikas Vater wollte mit zu dem Treffpunkt kommen, und wer weiß, wie kläglich das Ganze verlaufen wäre, wenn ich nicht einen geschickten Schwindel in Szene gesetzt hätte: Ein Bekannter von mir musste mit seinem schönen Auto bei Erika vorfahren, unter Herzklopfen nahmen wir Abschied und logen, indem wir , am selben Abend noch in Innsbruck zu sein. Nicht auszudenken, was geschehen, wenn noch im letzten Augenblick etwas schief gegangen!
Aber es klappte. Der Bekannte fuhr uns vor die Stadt hinaus, bis nach Schwabach und überließ uns unserem weiteren Schicksal. Es fing aber zu regnen an.
Aber ich habe noch nichts über unseren Reisemodus gesagt. Eine richtige, das heißt bürgerliche Italienreise können wir uns nicht leisten und wenn wir noch morgen ausbleiben wollen, dann können wir am Tag nicht mehr als 8 Mark einschließlich aller Unkosten ausgeben. Fahrgelder dürfen nicht unter laufen - wir ziehen die Landstraße entlang und bitten vorbeifahrende Autos mit allerlei Gebärden, uns mitzunehmen. Es gibt sicher genug Einwände vom Gesichtspunkt des "gebildeten Menschen " aus, auch ich habe sie bis vor kurzem noch gekannt. Aber es bestehen hier nur zwei Möglichkeiten: Entweder es den Handwerksburschen gleich zu tun, oder aber bürgerlich zu sein und daheim zu bleiben.
22.9.1930 Innsbruck
Am Tage vor der Abreise sah ich morgens einen ganz alten Angestellten, mit dem ich vor Jahren einmal arbeitete, ins Geschäft gehen. Er machte mit seinem kleinen, schier zerbrechliche Füssen dieselben kurzen Trippelschritte wie einst, als ich mit ihm zu tun gehabt, nur ging er langsam, als sei er des langen Hin und Hergehens müde geworden - er machte sichtbar den Eindruck eines pflichttreuen Büromenschen, den die Arbeit zermürbt und der einen seinen kurzen Weg nicht lange mehr zurücklegen würde. Abgelaufenes Uhrwerk, dachte ich und daran, wie ich doch nun alle Schranken durchbrochen um ein ganz, ganz anderes Leben zu führen.
Wir kamen am ersten Tag ein Stückchen weiter wie Weißenburg, denn es regnete immerzu, wir wurden bis auf die Haut nass und es fuhren wenige Autos. Es war bestimmt ein unerquicklicher Anfang und Erika jammerte immer wieder, wenn sie ., dass ihr etwas verdorben oder die Wäsche durchnässt war. Ich tröstete wohl damit (nachdem ich auch gelegentlich geschimpft hatte!), dass jeder Schritt uns Italien näher führt, aber eine Frau lebt und stirbt eben doch für ihre Kleider und verzeiht Schäden in dieser Richtung nicht einmal bei der Aussicht auf völlig! Es geschehen auf einer Reise eben nicht nur immer bloß große Dinge!
Gestern wurde es fast Mittag, wir hatten noch immer kein rechtes Glück, aber dafür Schmerzen des ungewohnten Laufens in allen Knochen; die Donau war bei Donau überschritten, als uns ein neuer Wagen ein sehr, sehr großes Stück mitnahm: Über Augsburg - - Landsberg - Schongau- Oberammergau-Ettal nach Garmisch-Partenkirchen. Es war wunderbar anzusehen, wie sich das sandige kieferbewaldete Franken langsam aber sehr deutlich wahrnehmbar im Allgäu mit saftigen Matten und dunklen, wie das Land hügelig wurde und die fernen verschneiten Berge näher rückten, bis wir ganz von ihnen umgeben waren. Das Auto ist wohl ein zeitgemäßes, allzu zeitgemäßes Fahrzeug, aber mich haben all die Freuden, die es gewähren kann, .. bestochen.
Kaum eine Stunde in Garmisch, Erika hatte sich noch nicht recht erholt, nahm uns ein neuer Wagen, der sechste auf dieser Fahrt , nach Innsbruck mit. Es war etwa 7 Uhr und die schien uns ungeheuerlich kalt. Ich suchte in großer Hast meinen Freund Willi Laufenberg (?), der seine Wohnung gewechselt hatte, während Erika müde und abgespannt in einer Anlage wartete. Es hatte etwas von meinen bösen Angstträumen an sich, wie ich durch dunkle, und völlig unbekannte Straßen hastete, in fremde Häuser ging und scheue Menschen befragte. Aber dann wich der Traum, ich fand ihn und es gab ein frohes Wiedersehen.
23.9.30 Franzensfeste
Heute um 11 Uhr 20 haben wir den Brenner passiert! Ich musste ja das Plakat in italienischer Sprache lesen und entziffern, es machte mir viel Spaß. Auch die schönen Uniformen der Grenzer.- Erika hat das Autofahren sehr schlecht vertragen; wir liegen jetzt auf einer Wiese, mit dem Blick auf Franzensfeste und einen reizenden Gebirgsbach; Erika schläft um sich zu erholen, sobald sie munterer ist, wollen wir weiter, der zu, von der wir beide noch gar nichts .. können.
Einen schönen wenn auch nur .. Eindruck habe ich von Sterzing mitgenommen.
24.9.1930
Nun ist es schon einen Tag her, dass uns der ruhige, gütige Willi Laufenberg jenseits des Brenners ein Stück das Geleit gab. Es hatte immerzu geregnet - wie wir ins Auto stiegen winkte Willi mit dem nassen Schirm. Aber als wir über die Anhöhe mit ihren dunklen Wäldern und Feldmatten gekommen waren, da öffnete sich der blaue Himmel wirklich und nun wird er uns hoffentlich nicht mehr verlassen.
In Franzensfeste, Fortezza, wie sie es nennen, hatten wir unser erstes italienisches Erlebnis. Den Mann trafen wir an, wie er die reifen Walnüsse aus den Schalen trat und wie der Mann unser Interesse sah, kam er gleich mit einer Hand voll -" sono noci - noli"- gelaufen und seine hübsche Frau tat es ihm nach. Dann kamen wir sogleich ins Gespräch, lief ins Haus und schleppte eiligst zwei Stühle herbei und wir mussten uns unter wiederholtem "s' accomodi" setzen. Es waren Italiener, diese beiden, wie wir sie unverfälschter bestimmt nicht mehr antreffen können: Äußerst lebhaft, schnell zum Lachen wie zum Schelten bereit, anspruchslos und leichtsinnig, aber trotzdem immer guten Mutes. Dabei den nationalen Stolz nicht zu vergessen und die hohe Musikalität. Während er im Takte sein Jüngstes wiegte, sang uns unser erster Sohn der Bekannten rührend ein Stück des Bajazzo vor und
Als wir dann die Kinder fotografierten, brachte man uns Wein und rohe Eier und erklärte uns teils mit Worten, teils mit Gesten, wie dergleichen zu verzehren sei. Morgen sei erst wieder Zahltag, meinte unter Lachen die Frau und dennoch sei der Wein heute noch recht sauer (?). Auf dem Rückweg sollten wir auf jedem Fall wieder zu ihnen kommen und unsere Ankunft rechtzeitig melden, damit sie gut mit uns essen könnten. Wie wir dem Mann erzählten, auf welche Weise wir reisten, missbrauchte er für uns seine kleine Amtsgewalt, indem er die Schranke niederließ und so jedes Auto zwang, vor seinem Häuschen zu halten. Wir hatten aber diesmal trotzdem kein Glück und liefen zu Fuß weiter bis nach Brixen, wo wir im Orso grigio, im Grünen Bären zu Nacht blieben.
25.9.30 Bozen
Gestern, als wir den schäumenden Eisack entlang zogen, hatten wir den ersten südlichen Eindruck, denn die Weinbergesterrassen werden immer ausgedehnter und hängen voller roter Trauben. Ein Bauer schenkte uns auch davon und sie schmeckten wundervoll, nicht zuletzt, weil es die ersten auf Tiroler Boden waren. Die Sonne brannte für unsere Begriffe ungewöhnlich warm und zeichnete harte Lichter und Schatten. Es wurde sehr schön zu laufen, wir wirbelten furchtbare Staubmassen auf, wenn ein Auto vorbeifuhr. Uns nehmen si verhältnismäßig spät mit und mit mancherlei Überraschungen wurde es Abend, bis wir nach Bozen kamen. Im Albergo Parone, Gasthof , mieteten wir uns ein. Auf einem Abendspaziergang sahen wir auf dem Markt die ersten Feigen und kauften sogleich davon: Sie sehen schwarz, wie verdorbenen Birnen aus und schmeckten so ungewohnt, dass wir die halbe Frucht kaum zu Ende essen konnten. Bozen macht einen sehr sauberen und wohlhabenden Eindruck. Für uns wird es nun das letzte deutschsprechende Städtchen sein, denn wir hoffen mit etwas Glück heute Abend in Trient oder sogar Verona zu sein. Und vor mehr als 140 Jahren ist Goethe dieselbe Straße gezogen. Wie er es fand und beschrieb, war alles kaum anders. Ich habe seine Italienische Reise dabei und lese mit viel Freude nach.
26.9.1930 Rovereto
Nun sind wir also wirklich in Italien, inmitten tausend neuer Eindrücke!
Gestern war der halbe Tag verbummelt, weil wir keinen rechten Autoanschluss hatten, wir zogen, mühselig und beladen unsere Straße dahin, die jedesmal in ein Staubmeer verwandelt wurde, wenn ein Fuhrwerk daherkam. Gegen Mittag, es war wieder sehr heiß, machten wir im Straßengraben Halt und verzehrten zu einem Stück Brot eine Handvoll Trauben, die uns der Besitzer von einem der unübersehbaren Weinberge geschenkt. Wir hoffen, auch weiterhin einmal Tage auf diese Weise eine kostenlose Mahlzeit zu bekommen.
Wir waren über fünf Wegstunden von Trient entfernt, als uns ein reizender Bursche mit einem schönen Wagen mitnahm, hierher nach Rovereto über Trient. Er konnte zwar kein Wort deutsch, aber er redete geradezu mit seinem ganzen Körper eine so beredte Sprache, dass wir uns glänzend verstanden. Auch bereicherte er unseren italienischen Sprachschatz derart, dass ich die ganze Nacht davon träumte und im Schlafe die schwierigsten Probleme auf Italienisch löste.
Sehr nett war das Abendessen, das wir mit dem Jungen einnahmen, unser erstes italienischer Küche übrigens. Hatte er uns erst in der Wahl des Gasthofes gut beraten, so suchte er uns jetzt wohlschmeckende billige Gerichte aus. Wir bezahlten nach deutschem Geld jeder eine Mark fünfzig und bekamen dafür: Pasta, das sind Nudeln mit Butter und Parmesankäse, Cotteletto ala milanese, was etwa unserem Wiener Schnitzel entspricht. Dazu Zwiebelgemüse und zum Nachtisch Tarte. Nicht zu vergessen den prachtvollen Weinschwarz wie Tinte und flüssig wie Wasser. Bei der Dämmerung läuteten die Glocken, ich erwähne dies, weil sie wundervollen Klang hatten. Wir bedauerten es sehr, als uns unser Freund verließ; ich sagte beim Abschied zu ihm, dass ich sehr bald fließend Italienisch könnte, wenn er länger um uns wäre - er glaubte es gerne und lachte dazu.
27.9.1930 Verona
Gestern, als wir von Rovereto fortgingen, war der Himmel stark bedeckt, aber nichts desto weniger die Luft wundervoll und warm. Ein Mailänder Herr sehr liebenswürdig in seiner ganzen Art nahm uns ein großes Stück mit seinem Wagen mit; wir kamen aus dem Gebirge heraus, diesen ungewohnten Bergformen, die im Sonnenlicht haben, im Gegenlicht aber ganz weich, unwahrscheinlich Zeichnung haben. Wir kamen durch Dörfer, die nichts sein wollten und aus denen nun bei uns sicher einen ganzen Park von Sehenswürdigkeiten hätte.
Gegen Mittag waren wir noch drei Wegstunden von Verona entfernt, setzten uns zum Schutz gegen den stärker werdenden Regen unter einen hohen Zypressenbaum und aßen wieder zu einem Stück Brot Weintrauben, 3 Pfund, die uns sage und schreibe 27 Pfennige gekostet h.
Und dann wurden wir nach Verona mitgenommen, fuhren in die Stadt mit der Straßenbahn und hatten die besten Eindrücke, sahen das Römische Theater und schönen Blick auf die Etsch und den Gemüsemarkt, Piazza d'Erbe, in seiner erdrückenden Vielfältigkeit, wo wir ausstiegen und ein Zimmer nahmen.
Erika und ich hatten abends starkes Kopfweh von alledem, was hier auf einstürzte - die Baulichkeiten, Platz der Signatia, die S..gräber, Kirchen und Kirchlein, die Straßen und das Treiben in ihnen, die feilschenden Weiber, die ungewohnte Sprache. Wir haben heute Nacht schlecht geschlafen und überdies ließen uns die Moskitos keine Ruhe.
Umfang/Beschreibung: 326 Blatt
Archivale
Indexbegriff Sache: Klassifikation E 10-Bestände: Tagebücher und Notizen
Bukarest
Hermannstadt
Tripolis
Wien
Angaben zum entzogenen Vermögen
Sonstige Angaben
BZK-Nr.
Die Bundeszentralkartei (BZK) ist das zentrale Register des Bundes und der Länder zu den durchgeführten Entschädigungsverfahren. Bei der Aufnahme eines Verfahrens in die BZK wurde zur eindeutigen Identifizierung eine Nummer vergeben. Diese BZK-Nummer bezieht sich nicht auf eine Person, sondern auf ein Entschädigungsverfahren: Hat eine Person mehrere Ansprüche geltend gemacht (z.B. für sich selbst und für Angehörige), liegt im Normalfall für jedes Verfahren eine eigene BZK-Nummer vor. Häufig wurde als BZK-Nr. schlicht das Aktenzeichen der jeweiligen Entschädigungsbehörde übernommen.
Diese Nummer ist für eine Anfrage im entsprechenden Archiv wichtig.
Delikt nach NS-Justiz
Handlungen, die im Nationalsozialismus überhaupt erst kriminalisiert wurden (z.B. Heimtückegesetz, "Judenbegünstigung") oder die die NS-Justiz in verschärftem Maß verfolgte (z.B. Hochverrat).
Verfolgungsgrund
Die hier angegebenen Gründe orientieren sich am Wortlaut der in den Quellen genannten Verfolgungsgründe.
Rolle im Verfahren
„Verfolgte Person“ meint eine Person, die einen Entschädigungsanspruch für einen Schaden durch NS-Verfolgung geltend machte. Wenn der Antrag nicht von der verfolgten Person selbst, sondern von einer anderen Person gestellt wurde, so wird diese als „antragstellend“ angegeben und ihre Beziehung zur verfolgten Person, soweit vorhanden, vermerkt. In den Quellen wird die verfolgte Person mitunter als „Geschädigter“, die antragstellende Person als „Anspruchsberechtigter“ bezeichnet.
Suche im Archivportal-D
Weitere Archivalien zu dieser Person über die Wiedergutmachung hinaus können Sie eventuell im Archivportal-D finden.
Nähere Angaben zum Verfolgungsgrund
Ergänzende oder spezifischere Angaben zu Mitgliedschaft, Gruppenzugehörigkeit bzw. Gruppenzuschreibung, die Anlass für die Verfolgung war.