27062 Nachlass Gerhard Krüger (Bestand)
Vollständigen Titel anzeigen
27062
KIT-Archiv (Archivtektonik) >> 2 Karlsruher Institut für Technologie und Vorläufer >> 27 Nachlässe und Sammlungen zu Personen
1959-2007
Inhalt: Das umfangreiche Bildmaterial des Bestandes illustriert die verschiedenen Schaffensphasen Krügers. Die Schwarz/Weiß-Fotografien aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe der 1960er-Jahre geben Einblicke in die frühen Jahre dieser Einrichtung. Die Aufnahmen bilden vor allem das Arbeitsumfeld, frühe Rechenmaschinen, Arbeitsproben und Mitarbeiter des Forschungszentrums ab. Das weitere Bildmaterial zeigt Krüger während verschiedener Veranstaltungen, meist Ehrungen und Feiern, wie den Verleihungen seiner Ehrendoktorwürden. Die allgemeine Korrespondenzserie umfasst hauptsächlich Schriftwechsel Krügers der 1980er- und 1990er-Jahre mit Kollegen, Ministerien und Firmen. Die Klassifikationseinheit Publikationen enthält sowohl von Krüger als auch von anderen Autoren verfasste Schriften. Hier finden sich jedoch nicht nur veröffentlichte Aufsätze, sondern auch Manuskripte zu Vorlesungen und Vorträgen, die Krüger auf verschiedenen Kongressen und Tagungen hielt. Daneben enthält der Bestand Akten zu den Themenfeldern Ausbau der Informatik in Deutschland, Kooperationen der Universität Karlsruhe (TH) mit Firmen sowie zu Forschungsreisen Krügers. Zur allgemeinen Informatikentwicklung in Deutschland sind vor allem die baden-württembergischen und bundesdeutschen Ausbauprojekte der 1980er-Jahre zu erwähnen, an denen Krüger maßgeblich beteiligt war. Seine Korrespondenzen und Tagungsaufzeichnungen bieten Einblicke in Entscheidungsprozesse. Die Unterlagen zu den vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth im Restaurant Traube in Tonbach geführten 'Tonbacher Gesprächen' mit Vertretern aus Wirtschaft und Forschung sind hier hervorzuheben. Die Kooperationsprojekte von IBM und der Digital Equipment GmbH mit der Universität Karlsruhe (TH) zeigen den Ausbau der Rechnersysteme und des Fachs Informatik an der Universität. Krügers Forschungsreisen verdeutlichen die Vernetzung der bundesdeutschen Informatik mit Forschungseinrichtungen in Nordamerika. Die Tonaufnahmen des Bestandes bestehen zum größten Teil aus Mitschnitten von Vorlesungen Krügers. Es finden sich jedoch auch private Aufnahmen zu seinem 60. Geburtstag. Die überlieferten Sammlungen Krügers bestehen hauptsächlich aus Publikationen, Broschüren und Zeitungsartikeln. Sie enthalten Zusammenstellungen zu Entwicklung der Informatik in Deutschland und zu Vorgängen an der Universität Karlsruhe (TH).
Entstehungsgeschichte: Lebenslauf Gerhard Krüger
Jugend und Studium (1933-1959)
Gerhard Krüger wurde am 09.07.1933 in Melsungen geboren. Er besuchte das Ernst-Abbe-Gymnasium in Eisenach, wo er 1952 sein Abitur machte. Für das Studium der Physik ging Krüger 1952 an die Friedrich-Schiller-Universität Jena. 1954 schloss er dort sein Vordiplom ab. Er wechselte an die Humboldt-Universität in (Ost-)Berlin, wo er sein Diplom mit Auszeichnung erhielt. 1957 verließ Krüger über West-Berlin die DDR und siedelte in die BRD über. Von 1958 bis 1959 arbeitete er an seiner Promotion in Gießen, wo er 1959 den Grad Dr. phil. nat. (philosophiae naturalium) erhielt.
Berufliche Tätigkeit im Kernforschungszentrum Karlsruhe (1960-1978)
Seine berufliche Laufbahn begann Gerhard Krüger als Physiker am Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK). Am 1. April 1960 nahm er die Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Neutronenphysik und Reaktortechnik (INR) auf. Er arbeitete unter der Leitung von Karl-Heinz Beckurts in der experimentellen Abteilung des Instituts. Sein Arbeitsfeld war die kernphysikalische Messtechnik. Als Beckurts zu Beginn des Jahres 1963 die Leitung des neu gegründeten Instituts für Angewandte Kernphysik (IAK) am KfK übernahm, wechselte auch Krüger dorthin. Fortan war er hier als Leiter der Gruppe Datenverarbeitung tätig und beteiligte sich am Aufbau des Realzeitcomputer- und Messwerterfassungssystems MIDAS. Damit begann Krügers Wechsel vom Physiker zum Informationstechniker. Im Sommer 1963 kam die erste Betriebsstufe des Datenverarbeitungsprogramms MIDAS am Reaktor FR2 des Kernforschungszentrums zum Einsatz. Die maschinelle Erfassung, Weiterverarbeitung und Auswertung der Forschungsdaten, die durch dieses Programm möglich wurden, waren ein erster Schritt der computergestützten Datenverarbeitung am Forschungszentrum.
In diese Zeit fallen auch zwei Forschungsreisen Krügers nach Nordamerika. Von Juli bis September 1963 reiste Krüger zum ersten Mal durch Kanada und die USA. Auch hier beschäftigte sich Krüger mit der Datenverarbeitung und dem Aufbau von Rechnersystemen. Während seines Aufenthalts in Nordamerika besuchte er verschiedene Universitäten und Forschungseinrichtungen. Hervorzuheben ist dabei sein Besuch der Control Data Software Division an der Stanford University in Kalifornien. Im Vordergrund seiner zweiten USA-Reise 1965 stand die Teilnahme am Kongress Interdata 65 der International Federation for Information Processing (IFIP) in New York. Darüber hinaus nutze Krüger seine Reise an der Ostküste der USA zu Gesprächen mit der Computer-User-Organisation SWAP und zu Besuchen des Brookhaven National Laboratory (Long Island), sowie des Massachusetts Institute of Technology/Cambridge und der IBM-Niederlassung in Poughkeepsie (New York), die sich mit der Entwicklung von Großrechnern beschäftigte.
Mitte 1966 wechselte Krüger innerhalb des IAK und wurde Leiter der Projektgruppe zur Vorbereitung der Datenverarbeitungszentrale (DVZ) des KfK. Krüger war mit der Gesamtplanung der DVZ betraut. Schwerpunktmäßig gehörte zu seinen Aufgaben in dieser Zeit die Planung eines Neubaus, die Erweiterung des Kommunikationsnetzes zum Datenverkehr und der Aufbau eines Realzeit-Datenverarbeitungssystems. Nach einer zweijährigen Vorbereitungszeit durch seine Projektgruppe wurde Krüger im Juli 1968 zum Leiter der neugegründeten DVZ des Kernforschungszentrums ernannt. Seine zwei Hauptprojekte in dieser Zeit waren das Erfassungssystem CALAS, das Messdaten mit Hilfe von Telefunken-Kleinrechnern aufzeichnete, sowie der Aufbau eines interaktiven Computerterminalsystems TCP (Terminal Control Program) auf der Basis von IBM 360/65 Rechnern.
Zu Beginn des Jahres 1971 wurde Krüger Leiter des am KfK neugegründeten Instituts für Datenverarbeitung in der Technik (IDT). Dafür musste er die Leitung des DVZ zwar aufgeben, konnte aber das CALAS-System und weitere Projekte in Kooperation weiterführen. Im Juli 1978 schied Krüger nach einer Übergangszeit von etwa einem Jahr ganz aus dem IDT aus, um sich seiner Arbeit an der Universität Karlsruhe (TH) voll widmen zu können.
Tätigkeit an der Universität Karlsruhe (TH) an den Instituten für Datenverarbeitung in der Technik und für Telematik (1971-2001)
Bereits von 1967 bis 1972 war Krüger als Dozent am Institut für Mathematische Maschinen an der Universität Erlangen in der universitären Lehre tätig. Nachdem er Rufe auf Informatik-Lehrstühle in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen erhalten hatte, entschied sich Krüger 1971 für die Übernahme des neugegründeten Lehrstuhls Informatik II für Betriebssysteme an der Universität Karlsruhe (TH). Dort betätigte er sich vor allem auf den Gebieten Prozessrechner, Realzeit-Anwendungen und Telematik. Wie bereits erwähnt, führte Krüger zeitgleich seine Arbeiten am IDT des Kernforschungszentrums Karlsruhe bis ins Jahr 1978 fort. Von 1981 bis 1983 übernahm Krüger das Amt des Dekans der Fakultät für Informatik. In dieser Zeit initiierte er ein Ausbauprogramm für die Karlsruher Informatik. Mit Landes- und Bundesmitteln konnte die Universität ihre Fakultät für Informatik zur größten in der Bundesrepublik ausbauen. Von 1984 bis 1988 folgte eine Kooperation mit der Firma IBM namens HECTOR (Heterogeneous Computers Together), die Krüger als Senatsbeauftragter der Universität betreute.
1982 wurde das Institut für Telematik an der Universität Karlsruhe (TH) unter Krügers Leitung gegründet. Der Begriff Telematik stellt eine Kombination der Termini Telekommunikation und Informatik dar. Dem Institut für Telematik stand Krüger bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2001 vor. Er betreute im Laufe seiner Arbeit an der Universität etwa 450 Diplomarbeiten, 35 Promotionen und 4 Habilitationen.
Außeruniversitäres Engagement für den Ausbau der Informatik in Deutschland
Krüger stellte neben seiner Arbeit am Kernforschungszentrum Karlsruhe und an der Universität Karlsruhe (TH) sein Fachwissen und Engagement für den Aufbau der Informatik in mehreren Funktionen bundesweit zur Verfügung. So nahm er Aufgaben in Aufsichtsgremien von Wirtschaft und Wissenschaft wahr. Von 1980 bis 1984 war er Vizepräsident der Gesellschaft für Informatik; im darauf folgenden Jahr stand er der Gesellschaft als Präsident vor. In seine Präsidentschaft fällt das Hochschulsonderprogramm des Bundes und der Länder für den bundesweiten Ausbau der Informatik an den deutschen Universitäten. Auch für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) nahm Krüger verschiedene Aufgaben wahr. In den Jahren 1980 bis 1988 war er Mitglied ihrer Kommission für Rechenanlagen und setzte sich dort ein für den Aufbau von Computerarbeitsplätzen für Studierende in Form von "CIP-Pools" (CIP = Computer-Investitionsprogramm) sowie von PC-Ausstattungen für Wissenschaftler im Rahmen des Wissenschaftler-Arbeitsplatz-Programms (WAP). Von 1984 bis 1988 war er als gewählter Fachgutachter der DFG für Informatik sowie als Mitglied der interdisziplinären Auswahlkommission für die Vergabe des Heisenberg-Stipendiums der DFG tätig. Von 1988 bis 1995 beteiligte sich Krüger an Arbeitsgruppen des Wissenschaftsrates, wie etwa zur EDV-Versorgung der Hochschulen, zur Zusammenarbeit von Großforschungseinrichtungen und Hochschulen sowie zu Hochgeschwindigkeitsnetzen. Während seiner Arbeit für den Wissenschaftsrat arbeitete Krüger an der wissenschaftlichen Modernisierung der neuen Bundesländer nach der Wiedervereinigung mit. Er war auch Mitglied der Arbeitsgruppe Mathematik/Informatik des Wissenschaftsrates, die sich mit der Evaluierung der einschlägigen Institute der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR befasste. Ebenso war er Mitglied der Arbeitsgruppe Ingenieurwissenschaften des Wissenschaftsrates, die an der Neustrukturierung der Ingenieursausbildung in den neuen Bundesländern beteiligt war. In Berlin und Mecklenburg-Vorpommern war er in Landesgremien zu Hochschulfragen beratend tätig. Auch war er Gründungsmitglied der Technischen Fakultät an der Universität Rostock. Sein Einsatz für die Informatik in der deutschen Hochschullandschaft spiegelt sich auch in Krügers Mitgliedschaften in Akademien und in seinen zahlreichen Ehrungen wider.
Gerhard Krüger starb am 09.10.2013.
Mitgliedschaften in Akademien
1995 Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, Halle (seit 2008 Deutsche Akademie der Wissenschaften); von 2002 bis 2006 Senator und Obmann der Sektion Informationswissenschaften der Akademie
1995 Ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften
2002 Mitglied des Acatech-Konvents für Technikwissenschaften der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften e.V. (seit 2008 Deutsche Akademie der Technikwissenschaften acatech)
Ehrungen
1994 Ehrendoktorwürde Dr. rer. nat. h.c. der Humboldt-Universität zu Berlin
1995 Bundesverdienstkreuz Erster Klasse
1998 Ehrendoktorwürde Dr. rer. nat. h.c. der Medizinischen Universität zu Lübeck
2001 Ehrendoktorwürde Dr. rer. nat. h.c. der Friedrich-Schiller-Universität Jena
2001 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
2005 Fellow der Gesellschaft für Informatik
2005 Ehrendoktorwürde Dr.-Ing. E.h. der Universität Rostock
2007 Ehrendoktorwürde Dr.-Ing. E.h. der Technischen Universität Ilmenau
2007 Ehrenmitglied der Gesellschaft für Informatik
Archivische Bewertung: Der Bestand geht zu einem wesentlichen Teil auf eine Vorauswahl Gerhard Krügers zurück. Von den übernommenen Unterlagen wurden im Archiv lediglich Dubletten von Vortragsmanuskripten und Publikationen kassiert.
Erläuterung der Ordnung: Ordnend wurde im Archiv vor allem im Bereich der Publikationen eingegriffen. Hier wurden drei Publikationsserien zusammengeführt und eine chronologische Folge gebildet. Neu sortiert wurden auch die Zeitungs- und Zeitschriftenartikelsammlungen. Sie gliedern sich nun in vier Oberthemen. Einzelne Schreiben, die sich lose in den Sammlungen fanden, wurden in die chronologische Folge der Korrespondenz einsortiert.
Erschließungsinformation: Der Nachlass wurde in der Zeit von Dezember 2007 bis August 2008 von Silvija Franjic unter beratender Mitwirkung von Klaus Nippert erschlossen. Gerhard Krüger und seine ehemalige Sekretärin Monika Joram leisteten umfangreiche und wertvolle Hilfe bei der Erschließung der Fotografien. Im Oktober 2008 übernahm Michael Hartmann den redaktionellen Abschluss der Erschließungsarbeit. Klaus Nippert führte letzte Korrekturen bis Dezember 2009 aus. Helen Maucher sorgte als wissenschaftliche Hilfskraft für die Erzeugung des Findbuchs aus den im Datenbankprogramm FAUST erfassten Daten.
Die Anstellung der Bearbeiter Franjic, Hartmann und Maucher wurde dankenswerterweise durch Zuwendungen der Schroff Stiftung ermöglicht.
Klassifikationsübersicht: 1 Bildmaterial
1.1 Kernforschungszentrum Karlsruhe
1.1.1 Spektren, (Daten-)Sichtgeräte und Experimentierplätze
1.1.2 MIDAS
1.1.3 Modellzeichnungen
1.1.4 Mitarbeiter
1.1.5 Sonstiges
1.2 Gerhard Krüger
1.2.1 Portrait- und Außenaufnahmen
1.2.2 Am Arbeitsplatz
1.2.3 Als Redner
1.2.4 Ehrungen und Auszeichnungen
1.2.4.1 Ehrenpromotionen
1.2.4.1.1 Humboldt-Universität zu Berlin
1.2.4.1.2 Friedrich-Schiller-Universität Jena
1.2.4.1.3 Universität Rostock
1.2.4.1.4 Technische Universität Ilmenau
1.2.4.1.5 Universität zu Lübeck
1.2.4.2 Bundesverdienstkreuz
1.2.4.3 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
1.2.5 Private Anlässe
1.3 Öffentliche Veranstaltungen
1.3.1 Kooperation von IBM mit der Universität Karlsruhe
1.3.2 Einweihung des Hochgeschwindigkeitsnetzes in Rostock
1.3.3 Jahresversammlung der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina
1.3.4 Firmenveranstaltungen
1.3.5 Tagungen
1.3.6 Verleihungszeremonien
1.4 Kollegen und Mitarbeiter an der Universität Karlsruhe
1.4.1 Promotionen
1.4.2 Varia
1.5 Klausurtagungen des Instituts für Telematik
1.6 Feiern und Ausflüge
1.7 Verabschiedung von der Universität Karlsruhe
1.8. Sonstiges
1.8.1 Vortrags- und Vorlesungsmaterial
1.8.2 Gebäudeansichten und Luftaufnahmen
1.8.3 Varia
2 Korrespondenz
3 Publikationen
4 Datenverarbeitungszentrale des Forschungszentrums Karlsruhe
5 Aufbau der Informatik und Beratungstätigkeiten
5.1 Allgemeines zum Ausbau der Informatik in den 1970er- und 1980er-Jahren
5.2 Staatsministerium Baden-Württemberg
5.3 Bundesministerium für Forschung und Technologie
5.4 Kommissionen des Bundes und der Länder
5.5 Auf- und Ausbau der Angewandten Informatik an der Universität Karlsruhe
6 Kooperationen
6.1 IBM
6.2 Digital Equipment GmbH
7 Tagungsteilnahmen, Forschungs- und Vortragsreisen
7.1 USA-Reisen
7.2 Vorträge und Tagungen
8 Tondokumente zu Vorlesungen sowie öffentlichen und privaten Veranstaltungen
8.1 Sechzigster Geburtstag
8.2 Ehrenpromotion an der Humboldt-Universität zu Berlin
8.3 Vorlesungen
9 Sammlung
9.1 Informatik
9.2 Forschungspolitik
9.3 Fakultät für Informatik der Universität Karlsruhe
9.4 Kernforschungszentrum Karlsruhe, Rankings, Sprechende Kaffeetasse
Entstehungsgeschichte: Lebenslauf Gerhard Krüger
Jugend und Studium (1933-1959)
Gerhard Krüger wurde am 09.07.1933 in Melsungen geboren. Er besuchte das Ernst-Abbe-Gymnasium in Eisenach, wo er 1952 sein Abitur machte. Für das Studium der Physik ging Krüger 1952 an die Friedrich-Schiller-Universität Jena. 1954 schloss er dort sein Vordiplom ab. Er wechselte an die Humboldt-Universität in (Ost-)Berlin, wo er sein Diplom mit Auszeichnung erhielt. 1957 verließ Krüger über West-Berlin die DDR und siedelte in die BRD über. Von 1958 bis 1959 arbeitete er an seiner Promotion in Gießen, wo er 1959 den Grad Dr. phil. nat. (philosophiae naturalium) erhielt.
Berufliche Tätigkeit im Kernforschungszentrum Karlsruhe (1960-1978)
Seine berufliche Laufbahn begann Gerhard Krüger als Physiker am Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK). Am 1. April 1960 nahm er die Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Neutronenphysik und Reaktortechnik (INR) auf. Er arbeitete unter der Leitung von Karl-Heinz Beckurts in der experimentellen Abteilung des Instituts. Sein Arbeitsfeld war die kernphysikalische Messtechnik. Als Beckurts zu Beginn des Jahres 1963 die Leitung des neu gegründeten Instituts für Angewandte Kernphysik (IAK) am KfK übernahm, wechselte auch Krüger dorthin. Fortan war er hier als Leiter der Gruppe Datenverarbeitung tätig und beteiligte sich am Aufbau des Realzeitcomputer- und Messwerterfassungssystems MIDAS. Damit begann Krügers Wechsel vom Physiker zum Informationstechniker. Im Sommer 1963 kam die erste Betriebsstufe des Datenverarbeitungsprogramms MIDAS am Reaktor FR2 des Kernforschungszentrums zum Einsatz. Die maschinelle Erfassung, Weiterverarbeitung und Auswertung der Forschungsdaten, die durch dieses Programm möglich wurden, waren ein erster Schritt der computergestützten Datenverarbeitung am Forschungszentrum.
In diese Zeit fallen auch zwei Forschungsreisen Krügers nach Nordamerika. Von Juli bis September 1963 reiste Krüger zum ersten Mal durch Kanada und die USA. Auch hier beschäftigte sich Krüger mit der Datenverarbeitung und dem Aufbau von Rechnersystemen. Während seines Aufenthalts in Nordamerika besuchte er verschiedene Universitäten und Forschungseinrichtungen. Hervorzuheben ist dabei sein Besuch der Control Data Software Division an der Stanford University in Kalifornien. Im Vordergrund seiner zweiten USA-Reise 1965 stand die Teilnahme am Kongress Interdata 65 der International Federation for Information Processing (IFIP) in New York. Darüber hinaus nutze Krüger seine Reise an der Ostküste der USA zu Gesprächen mit der Computer-User-Organisation SWAP und zu Besuchen des Brookhaven National Laboratory (Long Island), sowie des Massachusetts Institute of Technology/Cambridge und der IBM-Niederlassung in Poughkeepsie (New York), die sich mit der Entwicklung von Großrechnern beschäftigte.
Mitte 1966 wechselte Krüger innerhalb des IAK und wurde Leiter der Projektgruppe zur Vorbereitung der Datenverarbeitungszentrale (DVZ) des KfK. Krüger war mit der Gesamtplanung der DVZ betraut. Schwerpunktmäßig gehörte zu seinen Aufgaben in dieser Zeit die Planung eines Neubaus, die Erweiterung des Kommunikationsnetzes zum Datenverkehr und der Aufbau eines Realzeit-Datenverarbeitungssystems. Nach einer zweijährigen Vorbereitungszeit durch seine Projektgruppe wurde Krüger im Juli 1968 zum Leiter der neugegründeten DVZ des Kernforschungszentrums ernannt. Seine zwei Hauptprojekte in dieser Zeit waren das Erfassungssystem CALAS, das Messdaten mit Hilfe von Telefunken-Kleinrechnern aufzeichnete, sowie der Aufbau eines interaktiven Computerterminalsystems TCP (Terminal Control Program) auf der Basis von IBM 360/65 Rechnern.
Zu Beginn des Jahres 1971 wurde Krüger Leiter des am KfK neugegründeten Instituts für Datenverarbeitung in der Technik (IDT). Dafür musste er die Leitung des DVZ zwar aufgeben, konnte aber das CALAS-System und weitere Projekte in Kooperation weiterführen. Im Juli 1978 schied Krüger nach einer Übergangszeit von etwa einem Jahr ganz aus dem IDT aus, um sich seiner Arbeit an der Universität Karlsruhe (TH) voll widmen zu können.
Tätigkeit an der Universität Karlsruhe (TH) an den Instituten für Datenverarbeitung in der Technik und für Telematik (1971-2001)
Bereits von 1967 bis 1972 war Krüger als Dozent am Institut für Mathematische Maschinen an der Universität Erlangen in der universitären Lehre tätig. Nachdem er Rufe auf Informatik-Lehrstühle in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen erhalten hatte, entschied sich Krüger 1971 für die Übernahme des neugegründeten Lehrstuhls Informatik II für Betriebssysteme an der Universität Karlsruhe (TH). Dort betätigte er sich vor allem auf den Gebieten Prozessrechner, Realzeit-Anwendungen und Telematik. Wie bereits erwähnt, führte Krüger zeitgleich seine Arbeiten am IDT des Kernforschungszentrums Karlsruhe bis ins Jahr 1978 fort. Von 1981 bis 1983 übernahm Krüger das Amt des Dekans der Fakultät für Informatik. In dieser Zeit initiierte er ein Ausbauprogramm für die Karlsruher Informatik. Mit Landes- und Bundesmitteln konnte die Universität ihre Fakultät für Informatik zur größten in der Bundesrepublik ausbauen. Von 1984 bis 1988 folgte eine Kooperation mit der Firma IBM namens HECTOR (Heterogeneous Computers Together), die Krüger als Senatsbeauftragter der Universität betreute.
1982 wurde das Institut für Telematik an der Universität Karlsruhe (TH) unter Krügers Leitung gegründet. Der Begriff Telematik stellt eine Kombination der Termini Telekommunikation und Informatik dar. Dem Institut für Telematik stand Krüger bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2001 vor. Er betreute im Laufe seiner Arbeit an der Universität etwa 450 Diplomarbeiten, 35 Promotionen und 4 Habilitationen.
Außeruniversitäres Engagement für den Ausbau der Informatik in Deutschland
Krüger stellte neben seiner Arbeit am Kernforschungszentrum Karlsruhe und an der Universität Karlsruhe (TH) sein Fachwissen und Engagement für den Aufbau der Informatik in mehreren Funktionen bundesweit zur Verfügung. So nahm er Aufgaben in Aufsichtsgremien von Wirtschaft und Wissenschaft wahr. Von 1980 bis 1984 war er Vizepräsident der Gesellschaft für Informatik; im darauf folgenden Jahr stand er der Gesellschaft als Präsident vor. In seine Präsidentschaft fällt das Hochschulsonderprogramm des Bundes und der Länder für den bundesweiten Ausbau der Informatik an den deutschen Universitäten. Auch für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) nahm Krüger verschiedene Aufgaben wahr. In den Jahren 1980 bis 1988 war er Mitglied ihrer Kommission für Rechenanlagen und setzte sich dort ein für den Aufbau von Computerarbeitsplätzen für Studierende in Form von "CIP-Pools" (CIP = Computer-Investitionsprogramm) sowie von PC-Ausstattungen für Wissenschaftler im Rahmen des Wissenschaftler-Arbeitsplatz-Programms (WAP). Von 1984 bis 1988 war er als gewählter Fachgutachter der DFG für Informatik sowie als Mitglied der interdisziplinären Auswahlkommission für die Vergabe des Heisenberg-Stipendiums der DFG tätig. Von 1988 bis 1995 beteiligte sich Krüger an Arbeitsgruppen des Wissenschaftsrates, wie etwa zur EDV-Versorgung der Hochschulen, zur Zusammenarbeit von Großforschungseinrichtungen und Hochschulen sowie zu Hochgeschwindigkeitsnetzen. Während seiner Arbeit für den Wissenschaftsrat arbeitete Krüger an der wissenschaftlichen Modernisierung der neuen Bundesländer nach der Wiedervereinigung mit. Er war auch Mitglied der Arbeitsgruppe Mathematik/Informatik des Wissenschaftsrates, die sich mit der Evaluierung der einschlägigen Institute der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR befasste. Ebenso war er Mitglied der Arbeitsgruppe Ingenieurwissenschaften des Wissenschaftsrates, die an der Neustrukturierung der Ingenieursausbildung in den neuen Bundesländern beteiligt war. In Berlin und Mecklenburg-Vorpommern war er in Landesgremien zu Hochschulfragen beratend tätig. Auch war er Gründungsmitglied der Technischen Fakultät an der Universität Rostock. Sein Einsatz für die Informatik in der deutschen Hochschullandschaft spiegelt sich auch in Krügers Mitgliedschaften in Akademien und in seinen zahlreichen Ehrungen wider.
Gerhard Krüger starb am 09.10.2013.
Mitgliedschaften in Akademien
1995 Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, Halle (seit 2008 Deutsche Akademie der Wissenschaften); von 2002 bis 2006 Senator und Obmann der Sektion Informationswissenschaften der Akademie
1995 Ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften
2002 Mitglied des Acatech-Konvents für Technikwissenschaften der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften e.V. (seit 2008 Deutsche Akademie der Technikwissenschaften acatech)
Ehrungen
1994 Ehrendoktorwürde Dr. rer. nat. h.c. der Humboldt-Universität zu Berlin
1995 Bundesverdienstkreuz Erster Klasse
1998 Ehrendoktorwürde Dr. rer. nat. h.c. der Medizinischen Universität zu Lübeck
2001 Ehrendoktorwürde Dr. rer. nat. h.c. der Friedrich-Schiller-Universität Jena
2001 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
2005 Fellow der Gesellschaft für Informatik
2005 Ehrendoktorwürde Dr.-Ing. E.h. der Universität Rostock
2007 Ehrendoktorwürde Dr.-Ing. E.h. der Technischen Universität Ilmenau
2007 Ehrenmitglied der Gesellschaft für Informatik
Archivische Bewertung: Der Bestand geht zu einem wesentlichen Teil auf eine Vorauswahl Gerhard Krügers zurück. Von den übernommenen Unterlagen wurden im Archiv lediglich Dubletten von Vortragsmanuskripten und Publikationen kassiert.
Erläuterung der Ordnung: Ordnend wurde im Archiv vor allem im Bereich der Publikationen eingegriffen. Hier wurden drei Publikationsserien zusammengeführt und eine chronologische Folge gebildet. Neu sortiert wurden auch die Zeitungs- und Zeitschriftenartikelsammlungen. Sie gliedern sich nun in vier Oberthemen. Einzelne Schreiben, die sich lose in den Sammlungen fanden, wurden in die chronologische Folge der Korrespondenz einsortiert.
Erschließungsinformation: Der Nachlass wurde in der Zeit von Dezember 2007 bis August 2008 von Silvija Franjic unter beratender Mitwirkung von Klaus Nippert erschlossen. Gerhard Krüger und seine ehemalige Sekretärin Monika Joram leisteten umfangreiche und wertvolle Hilfe bei der Erschließung der Fotografien. Im Oktober 2008 übernahm Michael Hartmann den redaktionellen Abschluss der Erschließungsarbeit. Klaus Nippert führte letzte Korrekturen bis Dezember 2009 aus. Helen Maucher sorgte als wissenschaftliche Hilfskraft für die Erzeugung des Findbuchs aus den im Datenbankprogramm FAUST erfassten Daten.
Die Anstellung der Bearbeiter Franjic, Hartmann und Maucher wurde dankenswerterweise durch Zuwendungen der Schroff Stiftung ermöglicht.
Klassifikationsübersicht: 1 Bildmaterial
1.1 Kernforschungszentrum Karlsruhe
1.1.1 Spektren, (Daten-)Sichtgeräte und Experimentierplätze
1.1.2 MIDAS
1.1.3 Modellzeichnungen
1.1.4 Mitarbeiter
1.1.5 Sonstiges
1.2 Gerhard Krüger
1.2.1 Portrait- und Außenaufnahmen
1.2.2 Am Arbeitsplatz
1.2.3 Als Redner
1.2.4 Ehrungen und Auszeichnungen
1.2.4.1 Ehrenpromotionen
1.2.4.1.1 Humboldt-Universität zu Berlin
1.2.4.1.2 Friedrich-Schiller-Universität Jena
1.2.4.1.3 Universität Rostock
1.2.4.1.4 Technische Universität Ilmenau
1.2.4.1.5 Universität zu Lübeck
1.2.4.2 Bundesverdienstkreuz
1.2.4.3 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
1.2.5 Private Anlässe
1.3 Öffentliche Veranstaltungen
1.3.1 Kooperation von IBM mit der Universität Karlsruhe
1.3.2 Einweihung des Hochgeschwindigkeitsnetzes in Rostock
1.3.3 Jahresversammlung der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina
1.3.4 Firmenveranstaltungen
1.3.5 Tagungen
1.3.6 Verleihungszeremonien
1.4 Kollegen und Mitarbeiter an der Universität Karlsruhe
1.4.1 Promotionen
1.4.2 Varia
1.5 Klausurtagungen des Instituts für Telematik
1.6 Feiern und Ausflüge
1.7 Verabschiedung von der Universität Karlsruhe
1.8. Sonstiges
1.8.1 Vortrags- und Vorlesungsmaterial
1.8.2 Gebäudeansichten und Luftaufnahmen
1.8.3 Varia
2 Korrespondenz
3 Publikationen
4 Datenverarbeitungszentrale des Forschungszentrums Karlsruhe
5 Aufbau der Informatik und Beratungstätigkeiten
5.1 Allgemeines zum Ausbau der Informatik in den 1970er- und 1980er-Jahren
5.2 Staatsministerium Baden-Württemberg
5.3 Bundesministerium für Forschung und Technologie
5.4 Kommissionen des Bundes und der Länder
5.5 Auf- und Ausbau der Angewandten Informatik an der Universität Karlsruhe
6 Kooperationen
6.1 IBM
6.2 Digital Equipment GmbH
7 Tagungsteilnahmen, Forschungs- und Vortragsreisen
7.1 USA-Reisen
7.2 Vorträge und Tagungen
8 Tondokumente zu Vorlesungen sowie öffentlichen und privaten Veranstaltungen
8.1 Sechzigster Geburtstag
8.2 Ehrenpromotion an der Humboldt-Universität zu Berlin
8.3 Vorlesungen
9 Sammlung
9.1 Informatik
9.2 Forschungspolitik
9.3 Fakultät für Informatik der Universität Karlsruhe
9.4 Kernforschungszentrum Karlsruhe, Rankings, Sprechende Kaffeetasse
Gerhard Krüger
4,2 m
Akten
Verweis auf ähnliches Material: KIT-Archiv:
21011 Personalakten, 867
21013 Promotionsakten (passim)
22011 Fakultät für Informatik, 1
24008 Fachschaft Informatik
27001 Nachlass Karl Strubecker, 74
27048 Nachlass Karl Steinbuch, 4, 15, 18, 258
28002 Biographische Sammlung, 261
28010 Allgemeine Fotosammlung, Pk 83
28021 Sammlung Rektoratsberichte und -reden, 70
28503 Sammlung Tonaufnahmen, 121
21011 Personalakten, 867
21013 Promotionsakten (passim)
22011 Fakultät für Informatik, 1
24008 Fachschaft Informatik
27001 Nachlass Karl Strubecker, 74
27048 Nachlass Karl Steinbuch, 4, 15, 18, 258
28002 Biographische Sammlung, 261
28010 Allgemeine Fotosammlung, Pk 83
28021 Sammlung Rektoratsberichte und -reden, 70
28503 Sammlung Tonaufnahmen, 121
Benutzungbeschränkungen: Die Benutzung ist teilweise durch Schutzfristen für Sachakten, personenbezogene Unterlagen und Betriebsgeheimnisse eingeschränkt.
Krüger, Gerhard
Informatik
Computer-Investitionsprogramm (CIP)
Wissenschaftler-Arbeitsplatz-Programm (WAP).
06.03.2025, 18:21 MEZ