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Korrespondenz von Gabriele Reuter an Heinrich Steinitzer
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Autographensammlung van Endert/Engelmann, HHI.2016.G.1001.662
HHI.SLG van Endert/Engelmann Autographensammlung van Endert/Engelmann
Autographensammlung van Endert/Engelmann >> Archivalie – Korrespondenz
1915
Transkription:
d. 26.7.15
Lieber Freund.
Es ist ganz abscheulich, daß
ich Ihnen noch nicht für Ihre
Freundlichkeit gegen Lucia
gedankt habe – nicht etwa,
weil ich so viel gearbeitet
hätte, sondern weil ich auf
dem Hirsch wirklich schwer
zum Schreiben kam und
später auch in Berl. Nach -
mittags und Abends von
Lili in Anspruch genommen
war. Ich habe nun die
Bestimmung über Lucias
Heimreise ganz in Hedwigs
Hände gelegt, da ich ja
weiß, wie empfindlich sie
[Seite 2]
in solchen Sachen ist. Auch
über einen event. Auf-
enthalt von Lucia, die Sie
so freundl. vorschlugen,
habe ich ihr die Entscheidung
überlassen. Ich denke Lucia
wird es durchsetzen und
ich hätte es auch sehr gern,
wenn sie von München
ein bischen was sähe.
Jedenfalls herzlichen Dank
für Ihre Güte gegen sie.
- Hier in Weimar bin
ich momentan, um der
Beerdigung von Onkel Hermann
Behmer beizuwohnen. Es
ist Marcus’ 86jähriger
Vater, der letzte von den
vielen Brüdern meiner
[Seite 3]
Mutter und derselbe, in dessen
Haus wir 10 Jahre lang wohnten.
Das scheint mir nun in
einem anderen Leben,
und doch sind einzelne Situa-
tionen wiederum so
seltsam hell und lebendig.
Ich fand die Töchter ganz
erhoben von dem heiteren
getrosten Einschlafen
des alten Mannes, der
in voller Geisteskraft
noch seine Bestimmungen
getroffen, von ihnen Ab-
schied genommen, alle
Freunde namentlich
genannt, um ihnen
Grüße zu bestellen und
mit den schönsten Träumen
beschäftigt, sich friedvoll
[Seite 4]
zum letzten Schlummer nie-
dergelegt und unter
immer leiser werdenden
Atemzügen hinüber
gegangen war. Sein
Gesicht, seine Hände waren
wundervoll schön und
trugen noch ganz das Ge-
präge solcher feierlichen
Ruhe. Er sah meiner Mutter
unendlich ähnlich, obwohl
im Leben diese Ähnlichkeit
nicht hervortrat.
Es wird Marcus sehr
Nahe gehen, er hing mit
großer Liebe an dem Vater
und dem alten Heimat-
haus, das nun an Freunde
vermietet oder verkauft
wird. – Er steht jetzt in
[Seite 5]
Russisch-Polen,
schrieb mir kürzlich einen
sehr interessanten Brief.
- Von hier aus werde
ich auf der Rückreise wohl
noch einen Tag bei Kaiser
sein, Freitag wieder
in Berlin. Lili ist in
sehr guter Stimmung
von ihrem Landauf-
enthalt heimgekommen.
Hoffentlich bleibt es so,
so daß unser Zusammen-
leben sich immer freund-
licher und harmonischer
gestaltet. Wir bleiben
ruhig in Berlin, das Wetter
[Seite 6]
ist so kühl und unbe-
ständig, daß es einem
diesen Entschluß be-
deutend erleichtert.
Und Sie, lieber Freund?
Schreiben Sie mir bald
einmal wieder,
auch wenn es nichts
Besonderes zu berichten
giebt. In der letzten
„Woche“ steht wieder
ein Artikel von mir.
Bestellte Arbeit.
Wann wird die Novelle
fertig werden?
Mir jedenfalls hat
„die große Zeit“ keinen
[Seite 7]
Schaffensaufschwung gebracht.
Fischer riet mir, für
seine Sammlung von
Schriften zur Zeitgeschichte
ein Büchlein über
die deutsche Frau in
ihren verschiedenen
Erscheinungsformen
zu schreiben. Das
werde ich dann wohl
auch tun. Den Roman
möchte er noch nicht
herausgeben.
Jetzt muß ich zu meinen
Cousinen hinaufgehen.
Die Kinder von einst sind
verblühte Frauen ge-
worden. Weimar
[Seite 8]
mutet mich diesmal
wieder unsäglich
melancholisch, in
Vergangenheit ver-
sunken an. Nein —
hierher möchte ich
nicht zurück. Tausend-
mal lieber Berlins
herbe Nüchternheit!
Viel herzliche Grüße
und denken Sie manch-
mal an Ihre
alte getreue
GR.
Die Bundeszentralkartei (BZK) ist das zentrale Register des Bundes und der Länder zu den durchgeführten Entschädigungsverfahren. Bei der Aufnahme eines Verfahrens in die BZK wurde zur eindeutigen Identifizierung eine Nummer vergeben. Diese BZK-Nummer bezieht sich nicht auf eine Person, sondern auf ein Entschädigungsverfahren: Hat eine Person mehrere Ansprüche geltend gemacht (z.B. für sich selbst und für Angehörige), liegt im Normalfall für jedes Verfahren eine eigene BZK-Nummer vor. Häufig wurde als BZK-Nr. schlicht das Aktenzeichen der jeweiligen Entschädigungsbehörde übernommen.
Diese Nummer ist für eine Anfrage im entsprechenden Archiv wichtig.
Delikt nach NS-Justiz
Handlungen, die im Nationalsozialismus überhaupt erst kriminalisiert wurden (z.B. Heimtückegesetz, "Judenbegünstigung") oder die die NS-Justiz in verschärftem Maß verfolgte (z.B. Hochverrat).
Verfolgungsgrund
Die hier angegebenen Gründe orientieren sich am Wortlaut der in den Quellen genannten Verfolgungsgründe.
Rolle im Verfahren
„Verfolgte Person“ meint eine Person, die einen Entschädigungsanspruch für einen Schaden durch NS-Verfolgung geltend machte. Wenn der Antrag nicht von der verfolgten Person selbst, sondern von einer anderen Person gestellt wurde, so wird diese als „antragstellend“ angegeben und ihre Beziehung zur verfolgten Person, soweit vorhanden, vermerkt. In den Quellen wird die verfolgte Person mitunter als „Geschädigter“, die antragstellende Person als „Anspruchsberechtigter“ bezeichnet.
Suche im Archivportal-D
Weitere Archivalien zu dieser Person über die Wiedergutmachung hinaus können Sie eventuell im Archivportal-D finden.
Nähere Angaben zum Verfolgungsgrund
Ergänzende oder spezifischere Angaben zu Mitgliedschaft, Gruppenzugehörigkeit bzw. Gruppenzuschreibung, die Anlass für die Verfolgung war.