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Niemann, Karl; Pfarrer und Oberkirchenrat (Bestand)
Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen (Archivtektonik) >> 07. Nachlässe
1892 - 1988
Heinrich Karl Ludwig Niemann wurde am 14. Oktober 1895 im Pfarrhaus von Veltheim (Kreis Minden) geboren. Er verstarb im 94. Lebensjahr am 5. April 1989. Sein Vater war der damalige Pfarrer von Veltheim und spätere Superintendent von Vlotho, Ernst Niemann (1860-1934), seine Mutter Martha (1868-1945) war Tochter des Superintendenten Steinmetz aus Göttingen. Karl Niemann hatte drei Brüder und eine Schwester. In seinem Elternhaus verlebte er nach eigenen Worten „eine sonnige Kindheit“. [Lebenslauf Karl Niemann vom 1.3.1921, in: LkA EKvW Pers. Beam. 0108, S. 5.] Im Anschluss an den Schulbesuch in Veltheim und Rinteln (Ostern 1914: Abitur) besuchte er die Universitäten in Göttingen, Tübingen und Münster. Der Entschluss zum Theologiestudium beruhte allein auf „meiner freien Willensentscheidung“, gab Karl Niemann 1921 an. Er entsprang weder häuslicher Beeinflussung, noch dem Umstand, dass es seit Generationen Theologen in der Familie gegeben hatte. Niemann engagierte sich als Chargierter im Münsterschen Wingolf, einer christlichen, nichtschlagenden Studentenverbindung. Der Münstersche Wingolf beteiligte sich fast geschlossen an den Freikorpskämpfen der frühen Weimarer Republik. So wurde die „Akademische Wehr Münster“ mit ihrem Truppenführer Martin Niemöller zur Sicherung der Verkehrswege in der westfälischen Provinzialhauptstadt gegen aufständische Ruhrarbeiter eingesetzt [Vgl. Lieselotte Steveling: Juristen in Münster. Ein Beitrag zur Geschichte der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität, Münster 1999, 201]. Karl Niemann schloss sich ebenfalls einem Freikorps an, allerdings nicht dem Münsterschen Verband. 1921 hatte Niemann in Münster um Zulassung zum Ersten theologischen Examen „gemäß den für Kriegsteilnehmer geltenden Bestimmungen“ gebeten. Seine Examensarbeit reichte er verspätet ein bzw. es sorgte die nach Abgabe erfolgte Lektüre der Arbeit durch seinen Vater (der das Konsistorium bat, die Verzögerung „übersehen zu wollen. Es war der Wunsch des Vaters, die Arbeiten des Sohnes zu lesen, gewiß doch ein nicht unberechtigter Wunsch“) für eine 10-tägige Verspätung [LkA EKvW Pers. Beam. 0108, S. 23a.] Zum Zweiten theologischen Examen meldete sich Niemann unter anderem gemeinsam mit dem späteren Landeskirchenrat Wilhelm Rahe (1896-1976). Vor seiner Ordination hatte er, wie alle Hilfsprediger, eine Erklärung über seine Stellung zur heiligen Schrift und zum Bekenntnis schriftlich abzulegen. Darin verdeutlicht er gegen jede Tendenz möglicher verbalinspirierter Vorstellungen der Bibel, dass es für ihn nicht um eine „sklavischenge Bindung an jeden Buchstaben der heiligen Schrift“ gehe, da die einzelnen Schriften der Bibel in ihrer Entstehung „zeitgeschichtlichen Voraussetzungen unterliegen, insofern als sie aus bestimmten Anlässen, für bestimmte Menschen und Verhältnisse, in bestimmten schriftstellerischen Formen und von Menschen mit besonderer religiöser Eigenart geschrieben wurden“ [Erklärung des Hilfsprediger Karl Niemann über seine Stellung zur heiligen Schrift und zum Bekenntnis, 2.7.1923, in: LkA EKvW Pers. Beam. 0108, S. 43.].Im Sommer 1923 wurde der nunmehrige Hilfsprediger Karl Niemann in Krombach ordiniert und damit in den Stand versetzt, in eine Pfarrstelle gewählt zu werden. In der damaligen wirtschaftlich schwierigen Zeit zeigten die Krombacher Gemeindeglieder eine besondere „Opferbereitschaft“ zur finanziellen Erhaltung der Hilfspredigerstelle [Karl Niemann: Bericht über die Tätigkeit in Krombach, in: LkA EKvW Pers. Beam. 0108, S. 40.]. Am Ende seiner Krombacher Hilfspredigerzeit heiratete Karl Niemann im Oktober 1924 die Kandidatin der Theologie und Philosophie, Elfriede Möhlenbeck (1896-1989), Tochter eines Seidenwarengroßhändlers aus Krefeld. Seine Frau machte sich u.a. als Herausgeberin des in den Kirchengemeinden genutzten Kindergottesdienstblattes verdient.Karl Niemann gehörte einer Generation an, die auch zweimal aktiven Kriegsdienst zu leisten hatte und verbrachte so insgesamt rund zehn Jahre seines Lebens im Krieg. Er nahm - zuletzt im Dienstgrad eines Leutnants - durchgängig, vom 3. August 1914 bis zum 1. Februar 1919, am Ersten Weltkrieg teil. Vom 2. Mai 1940 bis zum 8. September 1945 nahm er dann am Zweiten Weltkrieg teil. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte Niemann noch sein erstes Semester in Göttingen absolvieren können (Sommersemester 1914). Vom Wintersemester 1914/15 bis zum Wintersemester 1918/19 war er dann offiziell kriegsbedingt - „beurlaubt“. Bei Kriegsausbruch 1914 meldete er sich als Freiwilliger beim Ersatzbataillon eines Infanterieregiments in Minden. Nach kurzer Ausbildungszeit rückte er am 9. Oktober 1914 ins „Feld“. „Durch Gottes Güte“, so schrieb Niemann rückblickend, „durfte ich fast den ganzen Feldzug in vorderster Linie beim Infanterieregiment Nr. 15, vom 17. Okt. 1916 ab als Offizier mitmachen“. Bei Neuve Chapelle in Nordfrankreich wurde Niemann am 1. Mai 1915 verwundet und ins Lazarett Cambrai gebracht. Am 28. April 1918 zwang ihn eine zweite, ebenfalls in Nordfrankreich erlittene Verwundung, in die Heimat zurückzukehren. Er musste längere Zeit in den Lazaretten von Koblenz, Dresden und Oeynhausen verbringen. [„Aus dem Leben von Karl Niemann“, in: Das Ankum-Neuenkirchener Geschlecht Niemann, Privatdruck Elbracht und Co., Bielefeld 1935, 115 (Kopie in: LkA EKvW Pers. Beam. 0108).]. „Zu meiner Freude konnte ich nach meiner Wiederherstellung noch im Grenzschutz verwandt werden.“ Er stellte sich im Oktober 1918 dem Grenzschutz bei Borken zur Verfügung. Die beiden erlittenen Verwundungen hinterließen keine ernsteren gesundheitlichen Folgen.Während des Krieges hatte Karl Niemann erwogen, sein Theologiestudium aufzugeben und Soldat zu bleiben. Zum einen hatten ihn vermeintlich erfahrene und wohlmeinende ältere Offiziere dazu geraten, zum anderen waren ihm selbst „leise Zweifel“ gekommen, ob er den „gewaltigen Aufgaben“ des Pfarramtes nach dem Kriege gewachsen sein würde. Zudem glaubte er zeitweilig, als Offizier „dem Vaterlande durch Ausbildung von Männern, die an Geist und Körper gesund für die Aufgaben ihres bürgerlichen Berufes gestärkt wären, besser dienen zu können“. Schließlich ging es ihm wie so vielen Akademikern, die mehrere Jahre im Krieg gewesen waren: Sie verspürten eine gewisse Scheu vor der Wiederaufnahme des Studiums. „Mancherlei äußere Verhältnisse“, hierzu hat vermutlich das Ende des Kaiserreichs sowie mit Sicherheit die Abschaffung der Wehrpflicht 1919 gehört, „vor allem aber meine Verwundung und der unglückliche Ausgang des Krieges haben diese Gedanken nicht zur Tat werden lassen.“ [Lebenslauf Karl Niemann vom 1.3.1921, in: LkA EKvW Pers. Beam. 0108, S. 5rs.]. Obwohl er viereinhalb Jahre lang „jedweder wissenschaftlicher Ausbildung“ entzogen war, mochte er die im Krieg gesammelten Erfahrungen „äußerer und vor allem innerer Art“ nicht missen. Am 1. Februar 1919 nahm er das Studium in Göttingen wieder auf. „Seitens der Dozentenschaft wurde alles getan, um uns Kriegsteilnehmern den Übergang zu friedlicher Arbeit zu erleichtern.“ Karl Niemann war besonders an der praktischen Theologie, an der Kirchengeschichte und am Alten Testament interessiert. Es fanden sog. „Zwischensemester“ im Frühjahr und Herbst statt, die insbesondere den Kriegsteilnehmern einen rascheren Studienabschluss ermöglichen sollten. Niemann bezweifelte jedoch, dass dieser „schnelle Wechsel der Semester für die theologische Entwicklung glücklich war“, zumal wirtschaftliche und politische Nöte in der Nachkriegszeit das Studium erschwerten. So kam es beispielsweise zu zwei kurzen Einberufungen Niemanns als „Zeitfreiwilliger“ in dieser Zeit.In seine erste Pfarrstelle wurde Karl Niemann im November 1924 in Letmathe eingeführt. Seine zweite Pfarrstelle übernahm er knapp fünf Jahre später in der Altstädter Nicolaikirchengemeinde Bielefeld: Am 9. Juni 1929 wurde er in 7. Pfarrstelle der Gemeinde an der Johanniskirche eingeführt. Auf Kirchenkreisebene wirkte Niemann von 1932 bis 1934 als Skriba des Kreissynodalvorstandes und von 1936 bis 1940 sowie von 1945 bis 1946 als Synodalassessor. Ergänzend zur eher unspektakulären Personalakte, aus der die hier aufgeführten biografischen Informationen zumeist stammen, existiert ein „Beiheft Karl Niemann Beschwerden“. In diesem werden zwei Vorgänge, die sich zu unterschiedlichen Zeiten, vor 1933 und nach 1933, auf sogenannte „Mischehen“ beziehen, dokumentiert. Sie zeigen, dass Niemann ein ebenso unnachgiebiger wie treuer „Hirte“ war, der sich dem Wohl seiner Gemeindeglieder verpflichtet sah: Zur Zeit seines Pfarramtes in Letmathe ging es dabei im Jahr 1927 um die vermeintliche evangelische Wiedertaufe eines bereits katholisch getauften Säuglings. Dieser Sohn eines evangelischen Vaters und einer katholischen Mutter, die katholisch verheiratet worden waren, war offenbar vom katholischen Großvater heimlich katholisch getauft worden. Niemann nahm hingegen zehn Tage später die Taufe für die evangelische Kirche vor und verteidigte sein Handeln mit den Worten, es sei seine „Pflicht, die Rechte meiner evangelischen Gemeinde bis zum Äußersten zu verteidigen und Übergriffe abzuwehren“. Prekärer jedoch war der zweite Fall, bei dem es um eine „Judentaufe“ ging. 1929 wechselte Karl Niemann an die Bielefelder Altstadt-Kirchengemeinde. 1946 wurde er zum Oberkirchenrat beim Landeskirchenamt in Bielefeld berufen. 1964 trat er in den Ruhestand. Von 1939 bis 1970 war er zudem Vorsitzender des Gesamtverbandes für Kindergottesdienst der EKD.Der Nachlass Karl Niemanns wurde im Januar 2010 von der Schulpraktikantin Neele Schuhmann vorgeordnet und schnellverzeichnet. Im Juni 2012 wurde die Vorsortierung überarbeitet. Dabei wurden die Akten seines Cousins Friedrich Niemann (1902-1977), der Superintendet in Hagen war, in einen eigenen Nachlass mit der Bestandsnummer 3.143 überführt und verzeichnet.Der Bestand wurde unter Zugrundelegung internationaler Verzeichnungsgrundsätze nach ISAD (G) erschlossen. Bei der Verzeichnung erhielten die Akten fortlaufende Nummern, die als gültige Archivsignaturen in der Bestellsignatur jeder Verzeichnungseinheit als letzte arabische Nummer oder im Findbuch ganz links neben dem jeweiligen Aktentitel aufgeführt sind. Unterhalb des Aktentitels geben die Vermerke „Enthält, Enthält nur, Enthält u.a., Enthält v.a., Enthält auch“ eingrenzende oder weiterführende Auskünfte über den Inhalt. Unter „Darin“ sind besondere Schriftgutarten wie Druckschriften, Presseberichte, Bauzeichnungen oder Fotos aufgelistet. Nach den Erschließungsvermerken folgt die alte Archivsignatur oder das Aktenzeichen, falls sie auf der Akte vermerkt waren. Ganz rechts schließen sich die Laufzeiten der Archivalien an. Zu beachten sind hier zwei verschiedene Arten von Klammern: ( ) verweisen bei Abschriften auf das Datum des Originals, [ ] kennzeichnen erschlossene Jahresangaben undatierter Schriftstücke.Kassiert wurde nicht archivwürdiges Schriftgut im Rahmen der Aufbewahrungs- und Kassationsordnung der Evangelischen Kirche von Westfalen vom 20.02.2003 in der Fassung vom 29.10.2020 bzw. des Aufbewahrungs- und Kassationsplans der EKvW vom 29.10.2020.Sofern die Benutzung nicht zu Verwaltungszwecken erfolgt, unterliegen gemäß § 7 Abs. 1 Kirchengesetz zur Sicherung und Nutzung von kirchlichem Archivgut in der Evangelischen Kirche der Union (Archivgesetz - ArchivG) vom 6.5.2000 sämtliche Archivalien einer 30-jährigen Sperrfrist (gerechnet nach dem Ende ihrer Laufzeit). Für Archivgut, das sich nach seiner Zweckbestimmung oder nach seinem wesentlichen Inhalt auf natürliche Personen bezieht, gelten laut § 7 Abs. 2 ArchivG zusätzliche Schutzfristen. Diese Archivalien dürfen auch nach Ablauf der allgemeinen Sperrfrist frühestens 10 Jahre nach dem Tod der betroffenen Person(en) benutzt werden. Ist das Todesjahr nicht feststellbar, endet die Schutzfrist 90 Jahre nach Geburt. Ist auch das Geburtsjahr nicht bekannt, endet die Schutzfrist 60 Jahre nach Entstehung der Unterlagen.Bei der Zitierung des Archivbestandes ist anzugeben: LkA EkvW 3.127 Nr. ... (hier folgt die Archivsignatur der entsprechenden Archivalie). Das Kürzel steht in dieser Reihenfolge für "Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen, Bestand 3.127 Nr. ...".Literatur zu Karl Niemann im Landekirchlichen Archiv: Nils Wörmann: Leben und Wirken des Bielefelder Pfarrers Karl Niemann. Eine "Judentaufe" als Fallbeispiel für den Umgang der bekennenden Kirche mit Christen jüdischer Herkunft in Westfalen. Bachelorarbeit im Kernfach Geschichte an der Universität Bielefeld [W 18494]; Aufsatz Nils Wörmann über Karl Niemann in Heft 1 (2012) der Ravensberger Blätter [Wz 23.4°].Bielefeld, im Juli 2012Kristina Ruppel
Form und Inhalt: Heinrich Karl Ludwig Niemann wurde am 14. Oktober 1895 im Pfarrhaus von Veltheim (Kreis Minden) geboren. Er verstarb im 94. Lebensjahr am 5. April 1989. Sein Vater war der damalige Pfarrer von Veltheim und spätere Superintendent von Vlotho, Ernst Niemann (1860-1934), seine Mutter Martha (1868-1945) war Tochter des Superintendenten Steinmetz aus Göttingen.19 Karl Niemann hatte drei Brüder und eine Schwester. In seinem Elternhaus verlebte er nach eigenen Worten ”eine sonnige Kindheit“. [Lebenslauf Karl Niemann vom 1.3.1921, in: LkA EKvW Pers. Beam. 0108, S. 5.] Im Anschluss an den Schulbesuch in Veltheim und Rinteln (Ostern 1914: Abitur) besuchte er die Universitäten in Göttingen, Tübingen und Münster. Der Entschluss zum Theologiestudium beruhte allein auf ”meiner freien Willensentscheidung“, gab Karl Niemann 1921 an. Er entsprang weder häuslicher Beeinflussung, noch dem Umstand, dass es seit Generationen Theologen in der Familie gegeben hatte. Niemann engagierte sich als Chargierter im Münsterschen Wingolf, einer christlichen, nichtschlagenden Studentenverbindung. Der Münstersche Wingolf beteiligte sich fast geschlossen an den Freikorpskämpfen der frühen Weimarer Republik. So wurde die ”Akademische Wehr Münster“ mit ihrem Truppenführer Martin Niemöller zur Sicherung der Verkehrswege in der westfälischen Provinzialhauptstadt gegen aufständische Ruhrarbeiter eingesetzt [Vgl. Lieselotte Steveling: Juristen in Münster. Ein Beitrag zur Geschichte der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität, Münster 1999, 201]. Karl Niemann schloss sich ebenfalls einem Freikorps an, allerdings nicht dem Münsterschen Verband. 1921 hatte Niemann in Münster um Zulassung zum Ersten theologischen Examen ”gemäß den für Kriegsteilnehmer geltenden Bestimmungen“ gebeten. Seine Examensarbeit reichte er verspätet ein bzw. es sorgte die nach Abgabe erfolgte Lektüre der Arbeit durch seinen Vater (der das Konsistorium bat, die Verzögerung ”übersehen zu wollen. Es war der Wunsch des Vaters, die Arbeiten des Sohnes zu lesen, gewiß doch ein nicht unberechtigter Wunsch“) für eine 10-tägige Verspätung [LkA EKvW Pers. Beam. 0108, S. 23a.] Zum Zweiten theologischen Examen meldete sich Niemann unter anderem gemeinsam mit dem späteren Landeskirchenrat Wilhelm Rahe (1896-1976). Vor seiner Ordination hatte er, wie alle Hilfsprediger, eine Erklärung über seine Stellung zur heiligen Schrift und zum Bekenntnis schriftlich abzulegen. Darin verdeutlicht er gegen jede Tendenz möglicher verbalinspirierter Vorstellungen der Bibel, dass es für ihn nicht um eine ”sklavischenge Bindung an jeden Buchstaben der heiligen Schrift“ gehe, da die einzelnen Schriften der Bibel in ihrer Entstehung ”zeitgeschichtlichen Voraussetzungen unterliegen, insofern als sie aus bestimmten Anlässen, für bestimmte Menschen und Verhältnisse, in bestimmten schriftstellerischen Formen und von Menschen mit besonderer religiöser Eigenart geschrieben wurden“ [Erklärung des Hilfsprediger Karl Niemann über seine Stellung zur heiligen Schrift und zum Bekenntnis, 2.7.1923, in: LkA EKvW Pers. Beam. 0108, S. 43.].
Im Sommer 1923 wurde der nunmehrige Hilfsprediger Karl Niemann in Krombach ordiniert und damit in den Stand versetzt, in eine Pfarrstelle gewählt zu werden. In der damaligen wirtschaftlich schwierigen Zeit zeigten die Krombacher Gemeindeglieder eine besondere ”Opferbereitschaft“ zur finanziellen Erhaltung der Hilfspredigerstelle [Karl Niemann: Bericht über die Tätigkeit in Krombach, in: LkA EKvW Pers. Beam. 0108, S. 40.]. Am Ende seiner Krombacher Hilfspredigerzeit heiratete Karl Niemann im Oktober 1924 die Kandidatin der Theologie und Philosophie, Elfriede Möhlenbeck (1896-1989), Tochter eines Seidenwarengroßhändlers aus Krefeld. Seine Frau machte sich u.a. als Herausgeberin des in den Kirchengemeinden genutzten Kindergottesdienstblattes verdient.
Karl Niemann gehörte einer Generation an, die auch zweimal aktiven Kriegsdienst zu leisten hatte und verbrachte so insgesamt rund zehn Jahre seines Lebens im Krieg. Er nahm - zuletzt im Dienstgrad eines Leutnants - durchgängig, vom 3. August 1914 bis zum 1. Februar 1919, am Ersten Weltkrieg teil. Vom 2. Mai 1940 bis zum 8. September 1945 nahm er dann am Zweiten Weltkrieg teil. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte Niemann noch sein erstes Semester in Göttingen absolvieren können (Sommersemester 1914). Vom Wintersemester 1914/15 bis zum Wintersemester 1918/19 war er dann offiziell kriegsbedingt - ”beurlaubt“. Bei Kriegsausbruch 1914 meldete er sich als Freiwilliger beim Ersatzbataillon eines Infanterieregiments in Minden. Nach kurzer Ausbildungszeit rückte er am 9. Oktober 1914 ins ”Feld“. ”Durch Gottes Güte“, so schrieb Niemann rückblickend, ”durfte ich fast den ganzen Feldzug in vorderster Linie beim Infanterieregiment Nr. 15, vom 17. Okt. 1916 ab als Offizier mitmachen“. Bei Neuve Chapelle in Nordfrankreich wurde Niemann am 1. Mai 1915 verwundet und ins Lazarett Cambrai gebracht. Am 28. April 1918 zwang ihn eine zweite, ebenfalls in Nordfrankreich erlittene Verwundung, in die Heimat zurückzukehren. Er musste längere Zeit in den Lazaretten von Koblenz, Dresden und Oeynhausen verbringen. [”Aus dem Leben von Karl Niemann“, in: Das Ankum-Neuenkirchener Geschlecht Niemann, Privatdruck Elbracht und Co., Bielefeld 1935, 115 (Kopie in: LkA EKvW Pers. Beam. 0108).]. ”Zu meiner Freude konnte ich nach meiner Wiederherstellung noch im Grenzschutz verwandt werden.“ Er stellte sich im Oktober 1918 dem Grenzschutz bei Borken zur Verfügung. Die beiden erlittenen Verwundungen hinterließen keine ernsteren gesundheitlichen Folgen.
Während des Krieges hatte Karl Niemann erwogen, sein Theologiestudium aufzugeben und Soldat zu bleiben. Zum einen hatten ihn vermeintlich erfahrene und wohlmeinende ältere Offiziere dazu geraten, zum anderen waren ihm selbst ”leise Zweifel“ gekommen, ob er den ”gewaltigen Aufgaben“ des Pfarramtes nach dem Kriege gewachsen sein würde. Zudem glaubte er zeitweilig, als Offizier ”dem Vaterlande durch Ausbildung von Männern, die an Geist und Körper gesund für die Aufgaben ihres bürgerlichen Berufes gestärkt wären, besser dienen zu können“. Schließlich ging es ihm wie so vielen Akademikern, die mehrere Jahre im Krieg gewesen waren: Sie verspürten eine gewisse Scheu vor der Wiederaufnahme des Studiums. ”Mancherlei äußere Verhältnisse“, hierzu hat vermutlich das Ende des Kaiserreichs sowie mit Sicherheit die Abschaffung der Wehrpflicht 1919 gehört, ”vor allem aber meine Verwundung und der unglückliche Ausgang des Krieges haben diese Gedanken nicht zur Tat werden lassen.“ [Lebenslauf Karl Niemann vom 1.3.1921, in: LkA EKvW Pers. Beam. 0108, S. 5rs.]. Obwohl er viereinhalb Jahre lang ”jedweder wissenschaftlicher Ausbildung“ entzogen war, mochte er die im Krieg gesammelten Erfahrungen ”äußerer und vor allem innerer Art“ nicht missen. Am 1. Februar 1919 nahm er das Studium in Göttingen wieder auf. ”Seitens der Dozentenschaft wurde alles getan, um uns Kriegsteilnehmern den Übergang zu friedlicher Arbeit zu erleichtern.“ Karl Niemann war besonders an der praktischen Theologie, an der Kirchengeschichte und am Alten Testament interessiert. Es fanden sog. ”Zwischensemester“ im Frühjahr und Herbst statt, die insbesondere den Kriegsteilnehmern einen rascheren Studienabschluss ermöglichen sollten. Niemann bezweifelte jedoch, dass dieser ”schnelle Wechsel der Semester für die theologische Entwicklung glücklich war“, zumal wirtschaftliche und politische Nöte in der Nachkriegszeit das Studium erschwerten. So kam es beispielsweise zu zwei kurzen Einberufungen Niemanns als ”Zeitfreiwilliger“ in dieser Zeit.
In seine erste Pfarrstelle wurde Karl Niemann im November 1924 in Letmathe eingeführt. Seine zweite Pfarrstelle übernahm er knapp fünf Jahre später in der Altstädter Nicolaikirchengemeinde Bielefeld: Am 9. Juni 1929 wurde er in 7. Pfarrstelle der Gemeinde an der Johanniskirche eingeführt. Auf Kirchenkreisebene wirkte Niemann von 1932 bis 1934 als Skriba des Kreissynodalvorstandes und von 1936 bis 1940 sowie von 1945 bis 1946 als Synodalassessor. Ergänzend zur eher unspektakulären Personalakte, aus der die hier aufgeführten biografischen Informationen zumeist stammen, existiert ein ”Beiheft Karl Niemann Beschwerden“. In diesem werden zwei Vorgänge, die sich zu unterschiedlichen Zeiten, vor 1933 und nach 1933, auf sogenannte ”Mischehen“ beziehen, dokumentiert. Sie zeigen, dass Niemann ein ebenso unnachgiebiger wie treuer ”Hirte“ war, der sich dem Wohl seiner Gemeindeglieder verpflichtet sah: Zur Zeit seines Pfarramtes in Letmathe ging es dabei im Jahr 1927 um die vermeintliche evangelische Wiedertaufe eines bereits katholisch getauften Säuglings. Dieser Sohn eines evangelischen Vaters und einer katholischen Mutter, die katholisch verheiratet worden waren, war offenbar vom katholischen Großvater heimlich katholisch getauft worden. Niemann nahm hingegen zehn Tage später die Taufe für die evangelische Kirche vor und verteidigte sein Handeln mit den Worten, es sei seine ”Pflicht, die Rechte meiner evangelischen Gemeinde bis zum Äußersten zu verteidigen und Übergriffe abzuwehren“. Prekärer jedoch war der zweite Fall, bei dem es um eine ”Judentaufe“ ging.
1929 wechselte Karl Niemann an die Bielefelder Altstadt-Kirchengemeinde. 1946 wurde er zum Oberkirchenrat beim Landeskirchenamt in Bielefeld berufen. 1964 trat er in den Ruhestand. Von 1939 bis 1970 war er zudem Vorsitzender des Gesamtverbandes für Kindergottesdienst der EKD.
Der Nachlass Karl Niemanns wurde im Januar 2010 von der Schulpraktikantin Neele Schuhmann vorgeordnet und schnellverzeichnet. Im Juni 2012 wurde die Vorsortierung überarbeitet. Dabei wurden die Akten seines Cousins Friedrich Niemann (1902-1977), der Superintendet in Hagen war, in einen eigenen Nachlass mit der Bestandsnummer 3.143 überführt und verzeichnet.
Der Bestand wurde unter Zugrundelegung internationaler Verzeichnungsgrundsätze nach ISAD (G) erschlossen. Bei der Verzeichnung erhielten die Akten fortlaufende Nummern, die als gültige Archivsignaturen in der Bestellsignatur jeder Verzeichnungseinheit als letzte arabische Nummer oder im Findbuch ganz links neben dem jeweiligen Aktentitel aufgeführt sind. Unterhalb des Aktentitels geben die Vermerke ”Enthält, Enthält nur, Enthält u.a., Enthält v.a., Enthält auch“ eingrenzende oder weiterführende Auskünfte über den Inhalt. Unter ”Darin“ sind besondere Schriftgutarten wie Druckschriften, Presseberichte, Bauzeichnungen oder Fotos aufgelistet. Nach den Erschließungsvermerken folgt die alte Archivsignatur oder das Aktenzeichen, falls sie auf der Akte vermerkt waren. Ganz rechts schließen sich die Laufzeiten der Archivalien an. Zu beachten sind hier zwei verschiedene Arten von Klammern: ( ) verweisen bei Abschriften auf das Datum des Originals, [ ] kennzeichnen erschlossene Jahresangaben undatierter Schriftstücke.
Kassiert wurde nicht archivwürdiges Schriftgut im Rahmen der Aufbewahrungs- und Kassationsordnung der Evangelischen Kirche von Westfalen vom 20.02.2003 in der Fassung vom 29.10.2020 bzw. des Aufbewahrungs- und Kassationsplans der EKvW vom 29.10.2020.
Sofern die Benutzung nicht zu Verwaltungszwecken erfolgt, unterliegen gemäß § 7 Abs. 1 Kirchengesetz zur Sicherung und Nutzung von kirchlichem Archivgut in der Evangelischen Kirche der Union (Archivgesetz - ArchivG) vom 6.5.2000 sämtliche Archivalien einer 30-jährigen Sperrfrist (gerechnet nach dem Ende ihrer Laufzeit). Für Archivgut, das sich nach seiner Zweckbestimmung oder nach seinem wesentlichen Inhalt auf natürliche Personen bezieht, gelten laut § 7 Abs. 2 ArchivG zusätzliche Schutzfristen. Diese Archivalien dürfen auch nach Ablauf der allgemeinen Sperrfrist frühestens 10 Jahre nach dem Tod der betroffenen Person(en) benutzt werden. Ist das Todesjahr nicht feststellbar, endet die Schutzfrist 90 Jahre nach Geburt. Ist auch das Geburtsjahr nicht bekannt, endet die Schutzfrist 60 Jahre nach Entstehung der Unterlagen.
Bei der Zitierung des Archivbestandes ist anzugeben: LkA EkvW 3.127 Nr. ... (hier folgt die Archivsignatur der entsprechenden Archivalie). Das Kürzel steht in dieser Reihenfolge für "Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen, Bestand 3.127 Nr. ...".
Literatur zu Karl Niemann im Landekirchlichen Archiv:
Nils Wörmann: Leben und Wirken des Bielefelder Pfarrers Karl Niemann. Eine "Judentaufe" als Fallbeispiel für den Umgang der bekennenden Kirche mit Christen jüdischer Herkunft in Westfalen. Bachelorarbeit im Kernfach Geschichte an der Universität Bielefeld [W 18494]; Aufsatz Nils Wörmann über Karl Niemann in Heft 1 (2012) der Ravensberger Blätter [Wz 23.4°].
Bielefeld, im Juli 2012
Kristina Ruppel
The Bundeszentralkartei (BZK) is the central register of the federal government and federal states for completed compensation proceedings. When a claim is entered into the BZK, a number is assigned for unique identification. This BZK number refers to a compensation claim, not to a person. If a person has made several claims (e.g. for themselves and for relatives), each claim generally has its own BZK number. Often, the file number of the respective compensation authority is used as the BZK number.
This number is important for making an inquiry to the relevant archive.
Delict according to Nazi judicial system
Conduct that was first criminalized under National Socialism (e.g. the Treachery Act, ‘Judenbegünstigung’) or which the Nazi judiciary prosecuted more severely (e.g. high treason).
Reason for persecution
The reasons provided here are based on the wording in the reasons for persecution stated in the sources.
Role in the proceeding
‘Verfolgt’ refers to a person who submitted a compensation claim for damage caused by Nazi persecution. If the application was submitted by a person other than the persecuted person, this other person is designated as ‘antragstellend’ and their relationship to the persecuted person, if there is one, is noted. In the sources, the persecuted person is sometimes referred to as ‘Geschädigter’ (aggrieved party) and the applicant as ‘Anspruchsberechtigter’(claimant).
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Additional information on reason for persecution
Additional or more specific information on membership and group affiliation which were the reason for the persecution.