Schreiben von Ernst Bayreuther an seine Eltern in Minden
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Stadt Minden WN 37 Nachlass Ernst Bayreuther, Nr. 10
Stadt Minden WN 37 Nachlass Ernst Bayreuther Nachlass Ernst Bayreuther
Nachlass Ernst Bayreuther
1944
Enthält: u.a.: 31.1.1944, nach Bombenangriffen auf Berlin: „Gesund und Munter!“; 2.2.1944: „Auf der Kapfenburg, die schön auf einer Höhe lieget, waren 150 Nachrichten-Führerinnen aus allen Teilen des besetzten Europas und Werkreferentinnen der verschiedensten Organisationen zusammengezogen. In den ersten 10 Tagen hatten die Gruppen schon wechselweise neue und alte Strick- Stick- und Webmuster gelernt. Von den berühmten „Hohensteiner Kasperspielen“ war eine Frau erschienen, die den Mädels zeigte, wie man Köpfe, Kleider[,] Bühne und Spiele mit einfachen Mitteln herstellen kann. Auch Holzarbeit, Schrift und Backen stand auf dem Lehrplan. An 4 Tagen habe ich dann mit einer Gruppe von 25 Leutchen gezeichnet. Das Gebiet des Erwachsenenzeichnens ist ja noch Neuland. Da diesmal keine Pflanzen draußen vorhanden waren, habe ich Bäume, Häuser, Gockelhähne und Glückwunschschmuck zeichnen und malen lassen. Es sind wieder sehr schöne Ergebnisse herausgekommen, die mir bestätigen, daß ich mit der Arbeit auf dem rechten Wege bin. [...] Seit meiner Rückkehr haben sie Berlin wieder tüchtig beharkt. Bis auf die wieder herausgefallenen Pappen in den Außenflügeln der Doppelfenster und dem hereingedrückten Rahmen des Küchenfensters ist hier nichts passiert. In der Nähe hat es gebumst und auch gebrannt. Die Hochschule hat wieder eine Sprengbombe in die Nähe bekommen, sodaß die ganze Mühe der Wiederherstellung vergeblich war. Auch gebrannt hat es wieder im Dach. Ich war nach der Entwarnung mit dem Rade dorthin gefahren und beteiligte mich dann noch an den Löscharbeiten. Wenn man nun die Schäden aufzählen soll, die sich über das ganze Stadtgebiet verteilen, dann weiß man nicht recht wo man anfangen soll. Die Uni hat Spreng. u. Brandbomben bekommen und dürfte wohl für Kriegsdauer die Pforten schließen, das letzte Fünftel der T.H. [Technische Hochschule] ist nun auch hinüber. Die Charite, die Staatsbücherei, das Pergamonmuseum haben Schaden genommen. Der große Komplex vom Wertheim am Leipzigerplatz ist restlos ein Raub der Flammen geworden. Im allgeme[i]nen gesehen, steht einer großzügigen Neuplanung Berlins immer weniger im Wege. Aber wenn sich der Rauch verzogen hat, sieht’s schon nicht mehr so schlimm aus. Und nach 2 bis 3 Tagen klappt der Verkehr fast wie in Friedenszeiten. Vorgestern war ich mit meiner Frau Wirtin in der Staatsoper zu Rigoletto. Es war eine sehr schöne Aufführung mit Cebotare [! = Cebotaru], Roswenge [! = Rosvaenge] und Schlußnus [! = Schlusnus]. Zurück sind wir ab Potsdamerplatz mit einem Lieferauto bis Steglitz gefahren. Das ist in diesen Tagen das schnellste Verkehrsmittel. Hoffen wir, daß es weiterhin gut geht! Ich werde mich in der nächsten Zeit wieder auf Reisen begeben. Möchte allerdings erst einen etwas geregelteren Fernverkehr ab Berlin abwarten.“; 8.3.1944: „Heute haben wir über Mittag einige Stunden im Keller gesessen. Ich wollte gerade im Seminar bei Geheimrat Pinder mein Referat über die westfälischen Dome beginnen, als die Sirene heulte. Wir haben uns dann in den Keller verfügt und uns auf das nächste Semester vertagt. Beim Tagesangriff neulich, als die 140 Maschinen abgeschossen wurden, hat man in der Innenstadt auch nicht viel gemerkt. Im [!] der Richtung auf Potsdam zu soll etwas passiert sein. Heute sind sie auch nicht zu einem richtigen Angriff gekommen. Hoffentlich haben sie wieder eine tüchtige Anzahl Bomber eingebüßt. Mit meiner Schulung in Hildesheim hat alles geklappt. In Hannover hatte ich noch mit dem Gaustudentenführer verhandelt und bin dann mit der Reichsbahn nach Hildesheim weitergefahren. Dort war für mich im besten Hotel gegenüber vom Bahnhof ein Zimmer bestellt. [...] Als ich mein Zimmer betrat, war ich sehr verwundert, keine Waschgelegenheit vorzufinden. Da war wohl ein Frisiertisch mit Spiegeln, aber weder Wasserhahn noch Waschgerät. Ich wagte dann, die eine Tür zu öffnen und stellte fest, daß es ein ganz komfortables Zimmer war mit eigenem Bad, Klo und was sonst dazu gehört. Es war dann auch prompt in der Nacht Voralarm. Am anderen Morgen erwarteten mich 20 Weibsen jüngerer Jahrgänge um von mir in die Geheimnisse des Scherenschnittes und des Zeichnens eingewiesen zu werden. Ein Teil von ihnen war mir bereits von den Reichsschulungen auf der Kapfenburg bekannt. Über Mittags kam dann richtiger Alarm und am Nachmittag wurde weitergezeichnet. [...] In der Nacht trafen sich die Hotelgäste wieder im Keller. [...] Ite hat mir [in der Zwischenzeit in Berlin] meine Wäsche schön gewaschen. Ich will sie dafür morgen in die „Feuerzangenbowle“ führen - falls nicht wieder Alarm kommt. - Leider wird das schöne Wohnen hier bald ein Ende haben, da das Institut, in dem Ite arbeitet, verlegt werden soll. Ich müßte dann wieder alleine wirtschaften, denn die Tante Liese ist ja meistens nicht hier. Sie weilt zur Zeit bei ihrem Manne im Erzgebirge und will dann den kleinen Enkel in Ostpreußen besuchen fahren. Aber. Kommt Zeit, kommt Rat. Hauptsache man hat noch ein Dach über dem Kopfe.“; 29.4.1944: „Heute war mal wieder was los. Als ich in der Stadt hörte, daß sie bei Hannover seien, habe ich mich rasch in die U-Bahn gesetzt und bin nach Schöneberg gefahren, wo wir einen guten Keller haben. An der Bülowstraße kam dann auch schon Alarm. Sie haben den Segen um die Leipzigerstraße abgeladen und auch Teile von Schöneberg haben was abbekommen. Bei mir ist nichts passiert. Erst ging das Wasser nicht. Doch war das nur vorübergehend. Anfang der Woche war mein Amtschef hier. Wir waren beim Erziehungsminister und beim Präsidenten der Reichskammer und anderen hohen Herren.“; 13.5.1944: „Kartoffeln habe ich eigentlich ausreichend, da ich von 2 Karten leben kann und mindestens eine Mahlzeit am Tage im Gasthaus esse. Ich bin nun wieder ganz alleine hier in beiden Wohnungen. Tante Liese, reist wieder und nimmt denen, die dienstlich unterwegs sein müssen, die Plätze fort. Diesmal nach Weilburg. Pfingsten will sie wieder hier sein, da der Lutz voraussichtlich von seiner Flakkanone im Norden Berlins auf Urlaub kommt. Die Ite war auch einige Tage hier um ihre Sachen weiter einzupacken und bei dem letzten Transport der Institut-Umsiedlung mit nach Ahlbeck zu nehmen. [...] Neulich war ich auf einen Tag in Dresden. Leider habe ich nicht viel Zeit gehabt, um mir den Zwinger anzusehen. Man weiß ja heute nie, ob man noch mal die Gelegenheit dazu hat, wenn man das nächste Mal dort ist. Die Angriffe auf Berlin haben sich auf die Innenstadt und nord- und östliche Teile der Stadt gerichtet. Unter den Linden haben sie eine ganze Serie von Sprengbomben zwischen Wilhelmstraße und Zeughaus fallen lassen. Erfreulicherweise haben sie nur die dicke Betonstraßendecke aufgerissen ohne an den Häusern viel Schaden anzurichten. Der Universität haben sie je eine vor und hinter die Tür gesetzt. Mit dem Erfolg, daß wieder alle Scheiben heraus sind und die Vorlesungen einige Tage ausfallen mußten. [...] Morgen werde ich zu arbeiten haben, denn im Juli ist wieder ein Lehrgang auf der Kapfenburg. Diesmal werde ich eine ganze Woche dort sein und neben den Arbeitsgemeinschaften Scherenschnitt, Zeichnen und Malen auch mehrere Vorträge halten. [...] Daß ich vom Direktor des Hildesheimer Werklehrerseminars aufgefordert worden bin, alle Semester einmal für eine Woche Vorlesungen und Übungen mit den angehenden Werklehrern abzuhalten über das Zeichnen in der Schule, schrieb ich wohl schon.“; 22.5.1943: „Ich habe mich wieder an der Uni eingeschrieben.“; [25./26.5.1944]: „Es war in der letzten Zeit viel los hier. Ihr werdet sie ja haben anschwirren hören. Die rotgeränderte Karte, die Tante Liese für mich mit auf der Post geschrieben hatte, wird ja inzwischen eingetroffen sein. Bei Kunzes sind die Scheiben wieder einmal heraus. Bei mir hier oben ist so gut wie gar nichts geschehen. Nur der Staub lag dick auf allen Sachen. Die Karte, die ich Ende voriger Woche nach dem Angriff in den Kasten auf dem Bahnsteig Friedrichstraße stecken wollte, mußte ich schließlich in einen anderen Postkasten werfen, da zunächst garkeine Züge über die Stadtbahn fahren konnten. Aber in 24 Stunden geht es meistens dann schon wieder. [...] Ich muß die Tage ausnützen, um in der Bücherei im Keller des Pergamonmuseums, der einzigen Kunstbücherei, die noch hier ist, zu arbeiten. [...] Daß Vater eines Tages noch würde Bomben auf der Strecke suchen müssen, hat er sich sicher nicht träumen lassen, als er Eisenbahner wurde! Nun will ich noch kurz von den angerichteten Schäden berichten. Endlich haben sie den Dom getroffen. Eine Brandbombe ist so auf die Kuppel gefallen, daß diese von oben her abgebrannt ist. Es ist mir nicht ganz klar, was da zwischen der steinernen Kuppelwölbung und dem Kupferdach hat brennen können. Der Aufsatz ist verschwunden und über der Steinwülbung [!] liegen verbogene Eisenkonstruktionen und verschmolzenes Kupfer. Der zweite Dom am Gendarmenmarkt ist [... auch] ausgebrannt. Sonst haben die größten Brände in der Nähe des Rathauses stattgefunden. Das Kronprinzenpalais ist durch Sprengbombe beschädigt und Minister Rust, der sich mit viel Mühe in den alten Ausstellungsräumen eingerichtet hatte, wird wohl wieder umziehen müssen. Die Universität hat lange nichts abbekommen und das Brandenburger Tor steht auch noch. Unsere Gegend haben sie bis auf das eine Ding in Ruhe gelassen. Es lohnt sich auch kaum. Die Bombe neulich nacht, die unsere Fenster und Türen beschädigte, ging glücklicherweise in einen alten Trümmerhaufen. Ansonsten blühen die Kastanien um das Ehrenmal, als wenn es Frieden wäre.“; 5.8.1944: „Was aus mir wird, ist noch nicht abzusehen. Es ist natürlich möglich, daß ich wieder die Uniform anziehe. Doch geht dem erst noch eine Untersuchung voraus, von der aber noch nichts bekannt ist. Die Hochschulen werden stark eingeschränkt. Doch wird das meine Stellung in der Reichsstudentenführung zunächst nicht beeinflussen."; 23.9.1944: „Morgen will ich mir Cottbus einmal ansehen und schauen, wie die Vorbedingungen dort sind. Sehr reizt es mich nicht, wenn dort der Kunsterzieher voll mit Zeichenunterricht beschäftigt ist und ich alle möglichen anderen Fächer übernehmen muß. Es interessiert sich auch noch eine andere Stelle der Reichsstudentenführung für meine Mitarbeit, die [... ich] auch für eine weitere Beurlaubung erfolgreich einsetzen würde. Ich bliebe dann in Berlin, während Cottbus doch etwas „Nebengleis“ ist und könnte weiter auf der Universität belegen. Ein volkskundliches Thema für eine Doktorarbeit habe ich neulich in Dresden mit dem Professor, der dort sein Ferienquartier hat, besprochen. Es fragt sich noch, wie sich Pinder dazu stellt. Doch ist das im Augenblick nicht so vordringlich, da ich erst die Semester voll haben muß. - Die Verfügungen für die Zukunft der Kunsthochschulen und dann noch wieder für die Kunsterzieher werden mit heftiger Staubaufwirbelung noch immer verhandelt. - Am vorigen Sonntag war Ite hier und hat mal tüchtig reinegemacht. [...] Ansonsten ist wenig zu berichten. Die nächtlichen Störungen richten wenig Schaden an. Man hat sich so daran gewöhnt, daß man meist erst am anderen Tage beim Lesen des Wehrmachtsberichtes daran erinnert wird, daß in der Nacht was los war.“; 4.10.1944: „Wie ihr seht, bin ich noch in Berlin. Und das kam so. Am Montag vergangener Woche war[en] mein Amtschef und ich auf dem Ministerium um die Lage an den Kunsthochschulen zu besprechen. Dabei hat er dem Ministerialrat vorgeschlagen, man möchte doch dafür eintreten, daß der Assessor Bayreuther noch einige Zeit in Berlin bleiben kann, damit an der Hochschule jemand ist, der für eine regelrechte Abwicklung der Angelegenheiten sorgt. Der Ministerialrat meinte, daß er es auch bedauern würde, wenn jetzt ein eingearbeiteter Studentenführer fortginge und versprach, sich der Sache anzunehmen. Einige Tage später rief er mich an, daß die zuständige Abteilung im Ministerium sich mit der Schulbehörde in Verbindung setzen werde. Ich möchte weitere Anweisungen abwarten. Da nun noch nichts gekommen ist, bin ich stur in Berlin und stelle mich auf den Standpunkt, wenn das Ministerium den Assessor B. hier haben möchte, könnte eigentlich die Schulbehörde nicht nein sagen. So bin ich also zunächst bis Ende der nächsten Woche noch hier. Aber es ist durchaus möglich, daß sich noch eine andere Möglichkeit einer Berliner Tätigkeit auftut. [...] Gestern war ich zu einem Schulungskursus in der Gauschule in Schwerin, wo ich über die Ausgestaltung der Feiern im Betriebe gesprochen habe und die anwesenden Frauen in die Geheimnisse des Scherenschnittes eingeweiht habe. [...] Helmut ist dann wohl zur Verpassung des Doktorhutes nach Graz geholt worden, denn dazu ist ja wohl persönliche Anwesenheit erforderlich?! Mit meinem „Doktor“ ist das ja noch nicht ganz so weit. Unter anderem fehlt noch das Latinum, das ja für uns Philologen schwerer ist als für die Mediziner, die nur das „kleine“ brauchen. Wenn ich in Berlin bleibe, werde ich weiter auf der Uni belegen. Komme ich doch fort, so habe ich Gelegenheit, mich erst mal mit dem Latinum zu befassen. [...] Hier ist es jetzt unangenehm kühl, besonders in den Räumen, da die Heizung noch gespart werden muß. Ich hoffe aber, daß ich mich mit Hilfe der Heizsonnen und durch zeitiges Zubettgehen vor einer Herbsterkältung bewahre.“; 23.10.1944: packt für Umzug nach Cottbus; „Gestern war ich auf der Partei und habe mich in die Listen der Volksstürmer eingetragen. In Cottbus wird es dann wohl gleich mit der Ausbildung los gehen. Es ist aber auch möglich, daß man zunächst die volltauglichen Männer heranzieht.“; [27.10.1944]: „Die letzten Tage in Berlin gehen schnell hin. Am Mittwoch war ich noch einmal in Cottbus und habe 2 Koffer voll Wäsche und Bücher hingeschafft. Ich kann im Schulgebäude selbst wohnen, wo mir 2 Zimmer zur Verfügung stehen. Bettwäsche muß ich stellen. Decken gibt es dort. Es ist Dampfheizung. Vielleicht kann ich ein Kunze’sches Federbett mitnehmen. Waffen lassen kann ich dort. Und bei der Gemeinschaftsverpflegung hoffe ich nicht dünner zu werden. Der für mich vorgesehene Stundenplan ist nicht sehr umfangreich. Ich hoffe, daß er nicht ins Gegenteil umschlägt, wenn die oberen „Züge“, wie man dort die Klassen nennt, vom Schanzen zurückkommen. Ich will versuchen, daß ich am Mittwoch unterrichtsfrei bin und auf die Universität fahren kann. Unter diesen Aussichten ist der „Dr“ doch noch in erreichbarer Nähe geblieben. Ob es nun ein kunstgeschichtliches Thema oder eine Arbeit aus der Volkskunst wird, hängt von eine[r] Aussprache mit den zuständigen Professoren ab. Leider hat der Volkskundler keine Vorlesungen angesetzt. Doch kann ich ihn in Dresden ganz gut von Cottbus aus erreichen. Die Kunstlehrerausbildung wird nun wohl doch weiterlaufen als Teil der Universität. Der Ministerialrat, mit dem ich heute noch mal zur Verabschiedung telefonierte, bat mich, doch gelegentlich von mir hören zu lassen u.s.w. Die Beziehungen wären für eine evtl. spätere Berufung als Professor geknüpft!“; 3.11.1944: „Bis auf 4 Stunden Werkarbeit habe ich Englisch in allen Klassen. Am Mittwoch bin ich frei und werde dann zu Pinder nach Bln. auf die Universität fahren.“; 10.11.1944, [Cottbus]: „In den ersten acht Tagen habe ich mich recht gut hier in Cottbus eingelebt. Es ist doch ein großer Vorteil, wenn man im Hause wohnt und nicht erst einen längeren Anmarschweg hat. Die beiden Zimmer, die mir zur Verfügung stehen, sind recht geräumig. Das größere ist jetzt im Winter etwas kühl, aber mir genügt auch das kleinere zum Schlafen und Arbeiten. Aus Berlin habe ich mir eine Heizsonne mitgebracht. So kann es mir auch an den Kohlenspartagen nicht kalt werden. Ich wohne hier im „Altbau“, worunter man sich aber kein baufälliges Haus vorstellen soll. Es ist die um die Jahrhundertwende errichtete Präparandenanstalt oder wie das damals hieß. Hier sind die Unterrichtsräume und auch einige Schlafräume für die Jungen. Ein anderer Studienrat schläft hier auch noch. Die Mehrzahl der Jungen schläft im Neubau der erst in den dreißiger Jahren aufgeführt wurde. Morgens ums halb sieben bläst einer der Wache. Dan[n] stelle ich mein Radio ein und höre „Germany calli[n]g[“], was ja für einen Englischlehrer von großer Wichtigkeit ist. Nachdem die Jungen die Flagge gehißt haben, ist um halb acht Frühstück[,] es gibt 3 Teller Mehlsuppe und ein Marmeladenbrot. Um acht fängt der Unterricht an. Ich habe 21 Stunden. Das ist weniger als an der höheren Schule, wo Friedenssatz 26 Stunden ist. Am Mittwoch habe ich keinen Unterricht. Nach der zweiten Stunde steht im Lehrerzimmer eine große Kanne Kaffee auf dem Tisch und für jeden, der hier in Verpflegung steht, eine Doppelschnitte Wurstbrot. Um eins ist gemeinsames Mittagessen, wo es immer reichlich gibt. Dann schläft man eine oder zwei Stunden und bereitet sich auf den Unterricht am anderen Tage vor. Ich habe mich schon mit einer der Orgeln hier befreundet und spiele gelegentlich am Nachmittag. Im Laufe des Nachmittages gibt es noch ein Brot und um halb sieben Abendessen. Außer sonntags ist es warme Verpflegung. Ich hoffe, daß ich bei diesen Vorbedingungen meine Gesundheit bestens pflegen kann. Das Lehrerkollegium zählt 11 ältere Herren, die zum Teil alle Formen der Lehrerbildung mitgemacht haben, zum anderen von der höheren Schule oder Mittelschule und auch Volksschule abkommandiert sind. Es ist ein recht guter Geist darin. Alle 10 Wochen ist man einmal Zugführer vom Dienst und dann für den Ablauf des Tagesplanes verantwortlich. Dann ist man natürlich mehr eingespannt. Außer den Unterricht hat man jede Woche eine Zugstunde abzuhalten. Die Klassen heißen hier Züge und die Lehrer Zugführer statt Klassenlehrer. Gestern hab ich mit meiner 1b den ersten Abend durchgeführt. Ich hatte noch ein Schattenspiel, das mir eine Studentin in Berlin vor längerer Zeit angefertigt hatte. Wir haben die Kasperbühne aus dem Keller geholt und für unseren Zwecks hergerichtet. Es hat den Jung[e]n große Freude gemacht. Sowohl den Spielern als auch den Zuschauern. Dazu hatten wir die Hausmutter eingeladen. Sie ist ein rührendes Wesen, Schwester von Beruf und etwas verwachsen. Für Krankenbehandlung, Wäscheausgabe und was dazugehört ist sie verantwortlich. Ich gebe nun vor allem Englisch, aber auch 4 Stunden Werkunterricht. Es ist noch ein älterer Zeichenlehrer hier, mit dem zusammen ich jetzt den Wandschmuck des Hauses in Ordnung gebracht habe. Es soll nämlich in der nächsten Woche eine Kommission vom Ministerium und OKW kommen, die sich den Betrieb ansehen will. Erst schien es so, als wenn es vor allen [!] um die soldatische Ausrichtung der Lehrerbildung ginge. Nun heißt es, es soll geprüft werden, ob die Absolventen der Lehrerbildungsanstalten als Offiziersbewerber ohne weiteres anerkannt werden können. Es wird also einiger Staub aufgewirbelt! Am Mittwoch war ich in Berlin. Dazu will ich nämlich den freien Tag benutzen. Pinder hat am Mittwoch sein Seminar und so kann ich weiter die Universität besuchen und auch die Verbindung zu den Berliner Dienststellen aufrechterhalten und was noch wichtiger ist, die Beziehungen weiterpflegen. Ich fahre dann am Dienstag nach dem Unterricht, bin um fünf in Berlin, schlafe bei Kunzes und komme am Mittwochabend zurück. In der nächsten Woche wird es nicht klappen, da ich als „Zugführer vom Dienst“ nicht abkömmlich bin. Doch ist das das einemal weiter kein Verlust. Von Cottbus selbst kenne ich kaum etwas außer dem Weg vom Bahnhof zur LBA [= Lehrerbildungsanstalt]. [...] Am Sonntag soll wohl das erste Antreten des Volkssturmes sein und dann wöchentlich einen Abend.“; 15.11.1944: „Als es im Wehrmachtsbericht hieß, daß Städte in Nordwestfalen angegriffen worden seien, befürchtete ich schon, daß Minden auch darunter sein könnte. [...] Bei all dem Schaden ist es ja die Hauptsache, daß Ihr selbst heil durchgekommen seid. Wenn die Dachlatten noch da sind, kann man immernoch wieder was darauf hängen und die Fenster kann man noch vernageln. In einer kleineren Stadt läßt sich wohl auch noch eher was beschaffen. Daß Ihr gleich Holz und Glas bekommen habt, ist für Berliner Verhältnisse märchenhaft! Hoffentlich ist das nun alles und man läßt Euch weiterhin in Frieden. Hier in Cottbus ist es im Vergleich zu Minden friedensmäßig ruhig. Ich bin froh, daß ich meine Sachen aus Berlin heraus habe. Gestern war eine Kommission vom OKH und Minsiterium [!] hier um sich die Lehrerausbildung anzusehen. Es geht um die Anerkennung der Absolventen dieser Anstalten als Reserveoffizieranwärter. Zu so einem Besuch wird dann immer viel Staub aufgewirbelt. Mehr als nötig ist. Aber man kennt das ja von der Kaserne.“; 28.11.1944: „Für Vaters Brief mit den Einschlagstellen der Bomben bedanke ich mich recht herzlich. Hoffentlich ist nun nicht wieder neuer Schaden hinzugekommen. - Die Tage vergehen auch ohne Berliner Hetze wie im Fluge [mit Besuchen bei den Lehrerkollegen der LBA].“; 8.12.1944: „Die Nennung von Minden im OKW-Bericht hat mir einen nicht gelinden Schreck eingejagt. Ich hoffe aber, daß es Euch nicht wieder erwischt hat.; auch: Skizze zu Bombentreffern auf Minden zwischen Weser, Fischerglacis, Stiftstraße und Kuhlmanns Freuden, [Nov. 1944]
Akten
Angaben zum entzogenen Vermögen
Weitere Angaben
BZK-Nr.
Die Bundeszentralkartei (BZK) ist das zentrale Register des Bundes und der Länder zu den durchgeführten Entschädigungsverfahren. Bei der Aufnahme eines Verfahrens in die BZK wurde zur eindeutigen Identifizierung eine Nummer vergeben. Diese BZK-Nummer bezieht sich nicht auf eine Person, sondern auf ein Entschädigungsverfahren: Hat eine Person mehrere Ansprüche geltend gemacht (z.B. für sich selbst und für Angehörige), liegt im Normalfall für jedes Verfahren eine eigene BZK-Nummer vor. Häufig wurde als BZK-Nr. schlicht das Aktenzeichen der jeweiligen Entschädigungsbehörde übernommen.
Diese Nummer ist für eine Anfrage im entsprechenden Archiv wichtig.
Diese Nummer ist für eine Anfrage im entsprechenden Archiv wichtig.
Delikt nach NS-Justiz
Handlungen, die im Nationalsozialismus überhaupt erst kriminalisiert wurden (z.B. Heimtückegesetz, "Judenbegünstigung") oder die die NS-Justiz in verschärftem Maß verfolgte (z.B. Hochverrat).
Verfolgungsgrund
Die hier angegebenen Gründe orientieren sich am Wortlaut der in den Quellen genannten Verfolgungsgründe.
Rolle im Verfahren
„Verfolgt“ meint eine Person oder Organisation, die im Nationalsozialismus verfolgt wurde. Sie konnte im Rahmen der Wiedergutmachung Entschädigung oder Rückerstattung beantragen. Wenn der Antrag nicht von dem oder der Verfolgten selbst, sondern von einer anderen Person (zum Beispiel dem Sohn oder der Tochter) oder einer Organisation gestellt wurde, so wird diese als „antragstellend“ bezeichnet und ihre Beziehung zu dem oder der Verfolgten soweit bekannt vermerkt. In den Quellen wird für die Verfolgten auch der Begriff „Geschädigte“ und für die Antragstellenden der Begriff „Anspruchsberechtigte“ verwendet.
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Nähere Angaben zum Verfolgungsgrund
Ergänzende oder spezifischere Angaben zu Mitgliedschaft, Gruppenzugehörigkeit bzw. Gruppenzuschreibung, die Anlass für die Verfolgung war.
09.01.2026, 12:23 MEZ
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