Kirchlich-Sozialer Bund (Bestand)
Show full title
KSB
Archiv für Diakonie und Entwicklung (Archivtektonik) >> Landes- und Fachverbände, regionale Hilfswerke >> Fachverbände
1896-1933
Das Hauptanliegen des Bundes bestand in der Förderung der christlich-nationalen Arbeiterbewegung und des Arbeiterwohnungsbaus.
Vorwort: Der Kirchlich-Soziale Bund wurde am 28. April 1897 von Hofprediger Adolf Stoecker und seinen Mitstreitern Martin Friedrich von Nathusius, Ludwig Weber und anderen in Kassel gegründet. Er entstand als Abspaltung vom Evangelisch-Sozialen Kongress und trug anfänglich die Bezeichnung Freie Kirchlich-Soziale Konferenz. Auf dem 21. Kongress vom 2. bis 4. April 1918 in Dresden wurde die Bezeichnung Kirchlich-Sozialer Bund angenommen.
Im Gegensatz zur praktischen sozialen Arbeit sah es der Bund als seine Hauptaufgabe an, auf die Bildung eines neuen Bewußtseins hinzuwirken, das von gesellschaftlichem Verantwortungsgefühl getragen einen sozialen Ausgleich hervorbringen und zur Schaffung einer neuen Gemeinschaft in Kirche, Staat und Wirtschaft führen sollte. Mitglieder waren Frauen und Männer jeden Standes oder Partei, die mithelfen wollten, die Gesellschaft im Geiste eines tätigen evangelischen Christentums zu durchdringen. Er verstand sich als Initiator z.B. für den Zusammenschluß der christlichen Arbeiterschaft, die Schaffung von Arbeitersekretariaten oder auch bei der Organisierung der Heimarbeiterinnen. Der Bund bildete deutschlandweit ein Netz von Landes-, Provinzial- und Ortsgruppen.
Die jährlich stattfindenden Kirchlich-Sozialen Kongresse beschäftigten sich mit sozialethischen, gewerkschafts- und sozialpolitischen Grundfragen, deren Behandlung in die Gesellschaft hineinwirken sollte. Eine weitere wichtige Tätigkeit des Bundes war die nach berufsständischen Gesichtspunkten gegliederte Schulungsarbeit an Pfarrern, Lehrern, Studeten, Arbeiterführern, Arbeitern und anderen. Gerade nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches und den damit verbundenen gesellschaftlichen Verunsicherungen und Umwälzungen bestand ein hoher Bedarf an Schulungen und Informationsaustausch. Eine rege Publikationstätigkeit diente der Verbreitung der behandelten wissenschaftlichen Themen. Die Monatsschrift des Verbandes trug den Titel "Kirchlich-soziale Blätter". Daneben wurden kirchlich-soziale Broschüren herausgegeben.
Hauptorgan des Bundes war die Generalversammlung der Mitglieder. Die allgemeine Vertretung oblag dem Hauptvorstand (auch weiterer Vorstand genannt), in dem nach Möglichkeit die verschiedenen Berufe und Landeskirchen vertreten sein sollten. Der geschäftsführende Ausschuss, der die Berliner Vorstandmitglieder umfaßte, erledigte die laufenden Geschäfte.
Präsident war in den 1920er Jahren Geheimrat Reinhold Seeberg, geschäftsführendes Vorstandsmitglied Reinhard Mumm (Mitglied des Reichstages), Schatzmeisterin M. Neumann (Vorsitzende der Kirchlich-Sozialen Frauengruppe Berlin) und Generalsekretär Herbert Jagow.
Der Kirchlich-Soziale Bund gehörte als Fachverband zum Central-Ausschuss für Innere Mission und war in der Fachgruppe IX Soziale Arbeit organisiert. Bereits 1926 gab es Überlegungen zu einer Übernahme der Mitarbeiter der Geschäftsstelle in den Central-Ausschuss. Ab als es 1932 erneut um die Frage ging, wurde sie seitens des Central-Ausschusses abgelehnt. Vorausgegangen waren langjährige Verhandlungen um finanzielle Unterstützung, die der Central-Ausschuss wegen seiner angespannten Finanzsituation im Zusammenhang mit der Bewältigung des Devaheim-Skandals nicht leisten konnte. (vgl. ADE, CA 709 Band III)
Die Geschäftsstelle befand sich nach 1918 in Berlin-Moabit in der Tile-Wardenberg-Str. 28 und ab 1927 im Stöckerhaus des Johannesstiftes in Berlin-Spandau und bildete wohl gleichzeitig die Geschäftstelle der Landesgrupppe Groß-Berlin.
Mit dem Tod von Reinhard Mumm am 25. August 1932 verlor der Bund seinen eigentlichen Mittelpunkt, der die Arbeit bis dahin in einer speziell auf ihn zugeschnittenen Art und Weise geführt und bestimmt hatte. Auch finanzielle Probleme erschwerten eine Neuorganisation des Bundes. Daneben gab es einen Richtungsstreit über die zukünftige Gestaltung der Arbeit zwischen den älteren Vorstandsmitgliedern (u.a. Seeberg) und dem Geschäftsführer Jagow, der dazu führte, dass letzterer ab 1. Januar 1934 Referent für soziale Diakonie in der Reichskirchenregierung wurde und gleichzeitig die stellvertretende Leitung des Männerwerks wahrnahm. Ursprünglich war geplant, daß er ehrenamtlich die Reichsgeschäftsführung des Bundes weiterführen sollte, doch in einem Brief vom 31. Dezember 1933 entband ihn Friedrich Brunstäd von der Geschäftsführung (vgl. ADE, KSB 8 und 12). Mitglied des Hauptvorstandes blieb er wohl, denn im Juni 1933 wandte er sich - mittlerweile als Leiter des Unterreferats Kirchlich-soziale Arbeit und Kirche und soziale Verbände in der Reichsleitung der Deutschen Christen - an andere Deutsche Christen und Mitglieder des Hauptvorstandes mit der Bitte, ihn bei der Sitzung am 19. Juni 1933, auf der Äußerungen von Brunstäd zur kirchenpolitischen Lage erwartet wurden, zu unterstützen (ADE, KSB 492).
Da auch die "Kirchlich-sozialen Blätter" 1933 ihr Erscheinen einstellten und es keinen Akten gibt, läßt sich zur Arbeit des Bundes während der Zeit des Nationalsozialismus keine Aussage treffen.
Auf einer Mitgliederversammlung am 21. Februar 1940 wurden eine Satzungs- und Namensänderung beschlossen. Außerdem wurde der Landesbischof Johnsen zum neuen Präsidenten gewählt. Der neue Name des Kirchlich-Sozialen Bundes lautete Adolf-Stoecker-Gesellschaft, doch erhob der Polizeipräsident von Berlin in einem Schreiben vom März 1940 aus staatspolizeilichen Gründen Einspruch gegen die Satzungsänderung. Der Kämmerer Gustav Hülser teilte dem Central-Ausschuß am 3. Oktober 1941 telefonisch mit, daß der Kirchlich-Soziale Bund aufgelöst und sein Vermögen beschlagnahmt wurde. Zum 23. Mai 1942 wurde die Liquidation des Bundes eingeleitet und ein Jahr später rechtskräftig. Seine Vermögenswerte fielen satzungsgemäß dem Central-Ausschuss zu. (vgl. ADE, CA 709 Band III)
Präsidenten:
1897-1908 [?] Adolf Stoecker
1908-1933 Reinhold Seeberg
1933-1940 Friedrich Brunstäd
1940-1941 Helmuth Johnsen
Den Schwerpunkt des Bestandes bilden Unterlagen aus der Zeit von 1918 bis 1932. Nach einem Schreiben von Emil Winter vom 18. August 1942 sind die Unterlagen des Bundes nach der vorübergehenden Beschlagnahmung durch die Geheime Staatspolizei nicht vollständig zurückgekehrt (ADE, CA 709 Band III). Auf welche Weise der Bestand in das Archiv gelangte und ob Kassationen vorgenommen wurden, ist unbekannt. Eine redaktionelle Bearbeitung der Verzeichnung erfolgte im Frühjahr 2013 durch Johannes Röhm.
Der Bestand ist ADE, KSB zu zitieren.
Abkürzungen
AG Aktiengesellschaft
CSVD Christlich-Sozialer Volksdienst
DNVP Deutsch-nationale Volkspartei
dt. deutsch
ev. evangelisch
luth. lutherisch
Nr. Nummer
PGZ Politisch-gewerkschaftlicher Zeitungsdienst
u.a. unter anderem
v.a. vor allem
Vorwort: Der Kirchlich-Soziale Bund wurde am 28. April 1897 von Hofprediger Adolf Stoecker und seinen Mitstreitern Martin Friedrich von Nathusius, Ludwig Weber und anderen in Kassel gegründet. Er entstand als Abspaltung vom Evangelisch-Sozialen Kongress und trug anfänglich die Bezeichnung Freie Kirchlich-Soziale Konferenz. Auf dem 21. Kongress vom 2. bis 4. April 1918 in Dresden wurde die Bezeichnung Kirchlich-Sozialer Bund angenommen.
Im Gegensatz zur praktischen sozialen Arbeit sah es der Bund als seine Hauptaufgabe an, auf die Bildung eines neuen Bewußtseins hinzuwirken, das von gesellschaftlichem Verantwortungsgefühl getragen einen sozialen Ausgleich hervorbringen und zur Schaffung einer neuen Gemeinschaft in Kirche, Staat und Wirtschaft führen sollte. Mitglieder waren Frauen und Männer jeden Standes oder Partei, die mithelfen wollten, die Gesellschaft im Geiste eines tätigen evangelischen Christentums zu durchdringen. Er verstand sich als Initiator z.B. für den Zusammenschluß der christlichen Arbeiterschaft, die Schaffung von Arbeitersekretariaten oder auch bei der Organisierung der Heimarbeiterinnen. Der Bund bildete deutschlandweit ein Netz von Landes-, Provinzial- und Ortsgruppen.
Die jährlich stattfindenden Kirchlich-Sozialen Kongresse beschäftigten sich mit sozialethischen, gewerkschafts- und sozialpolitischen Grundfragen, deren Behandlung in die Gesellschaft hineinwirken sollte. Eine weitere wichtige Tätigkeit des Bundes war die nach berufsständischen Gesichtspunkten gegliederte Schulungsarbeit an Pfarrern, Lehrern, Studeten, Arbeiterführern, Arbeitern und anderen. Gerade nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches und den damit verbundenen gesellschaftlichen Verunsicherungen und Umwälzungen bestand ein hoher Bedarf an Schulungen und Informationsaustausch. Eine rege Publikationstätigkeit diente der Verbreitung der behandelten wissenschaftlichen Themen. Die Monatsschrift des Verbandes trug den Titel "Kirchlich-soziale Blätter". Daneben wurden kirchlich-soziale Broschüren herausgegeben.
Hauptorgan des Bundes war die Generalversammlung der Mitglieder. Die allgemeine Vertretung oblag dem Hauptvorstand (auch weiterer Vorstand genannt), in dem nach Möglichkeit die verschiedenen Berufe und Landeskirchen vertreten sein sollten. Der geschäftsführende Ausschuss, der die Berliner Vorstandmitglieder umfaßte, erledigte die laufenden Geschäfte.
Präsident war in den 1920er Jahren Geheimrat Reinhold Seeberg, geschäftsführendes Vorstandsmitglied Reinhard Mumm (Mitglied des Reichstages), Schatzmeisterin M. Neumann (Vorsitzende der Kirchlich-Sozialen Frauengruppe Berlin) und Generalsekretär Herbert Jagow.
Der Kirchlich-Soziale Bund gehörte als Fachverband zum Central-Ausschuss für Innere Mission und war in der Fachgruppe IX Soziale Arbeit organisiert. Bereits 1926 gab es Überlegungen zu einer Übernahme der Mitarbeiter der Geschäftsstelle in den Central-Ausschuss. Ab als es 1932 erneut um die Frage ging, wurde sie seitens des Central-Ausschusses abgelehnt. Vorausgegangen waren langjährige Verhandlungen um finanzielle Unterstützung, die der Central-Ausschuss wegen seiner angespannten Finanzsituation im Zusammenhang mit der Bewältigung des Devaheim-Skandals nicht leisten konnte. (vgl. ADE, CA 709 Band III)
Die Geschäftsstelle befand sich nach 1918 in Berlin-Moabit in der Tile-Wardenberg-Str. 28 und ab 1927 im Stöckerhaus des Johannesstiftes in Berlin-Spandau und bildete wohl gleichzeitig die Geschäftstelle der Landesgrupppe Groß-Berlin.
Mit dem Tod von Reinhard Mumm am 25. August 1932 verlor der Bund seinen eigentlichen Mittelpunkt, der die Arbeit bis dahin in einer speziell auf ihn zugeschnittenen Art und Weise geführt und bestimmt hatte. Auch finanzielle Probleme erschwerten eine Neuorganisation des Bundes. Daneben gab es einen Richtungsstreit über die zukünftige Gestaltung der Arbeit zwischen den älteren Vorstandsmitgliedern (u.a. Seeberg) und dem Geschäftsführer Jagow, der dazu führte, dass letzterer ab 1. Januar 1934 Referent für soziale Diakonie in der Reichskirchenregierung wurde und gleichzeitig die stellvertretende Leitung des Männerwerks wahrnahm. Ursprünglich war geplant, daß er ehrenamtlich die Reichsgeschäftsführung des Bundes weiterführen sollte, doch in einem Brief vom 31. Dezember 1933 entband ihn Friedrich Brunstäd von der Geschäftsführung (vgl. ADE, KSB 8 und 12). Mitglied des Hauptvorstandes blieb er wohl, denn im Juni 1933 wandte er sich - mittlerweile als Leiter des Unterreferats Kirchlich-soziale Arbeit und Kirche und soziale Verbände in der Reichsleitung der Deutschen Christen - an andere Deutsche Christen und Mitglieder des Hauptvorstandes mit der Bitte, ihn bei der Sitzung am 19. Juni 1933, auf der Äußerungen von Brunstäd zur kirchenpolitischen Lage erwartet wurden, zu unterstützen (ADE, KSB 492).
Da auch die "Kirchlich-sozialen Blätter" 1933 ihr Erscheinen einstellten und es keinen Akten gibt, läßt sich zur Arbeit des Bundes während der Zeit des Nationalsozialismus keine Aussage treffen.
Auf einer Mitgliederversammlung am 21. Februar 1940 wurden eine Satzungs- und Namensänderung beschlossen. Außerdem wurde der Landesbischof Johnsen zum neuen Präsidenten gewählt. Der neue Name des Kirchlich-Sozialen Bundes lautete Adolf-Stoecker-Gesellschaft, doch erhob der Polizeipräsident von Berlin in einem Schreiben vom März 1940 aus staatspolizeilichen Gründen Einspruch gegen die Satzungsänderung. Der Kämmerer Gustav Hülser teilte dem Central-Ausschuß am 3. Oktober 1941 telefonisch mit, daß der Kirchlich-Soziale Bund aufgelöst und sein Vermögen beschlagnahmt wurde. Zum 23. Mai 1942 wurde die Liquidation des Bundes eingeleitet und ein Jahr später rechtskräftig. Seine Vermögenswerte fielen satzungsgemäß dem Central-Ausschuss zu. (vgl. ADE, CA 709 Band III)
Präsidenten:
1897-1908 [?] Adolf Stoecker
1908-1933 Reinhold Seeberg
1933-1940 Friedrich Brunstäd
1940-1941 Helmuth Johnsen
Den Schwerpunkt des Bestandes bilden Unterlagen aus der Zeit von 1918 bis 1932. Nach einem Schreiben von Emil Winter vom 18. August 1942 sind die Unterlagen des Bundes nach der vorübergehenden Beschlagnahmung durch die Geheime Staatspolizei nicht vollständig zurückgekehrt (ADE, CA 709 Band III). Auf welche Weise der Bestand in das Archiv gelangte und ob Kassationen vorgenommen wurden, ist unbekannt. Eine redaktionelle Bearbeitung der Verzeichnung erfolgte im Frühjahr 2013 durch Johannes Röhm.
Der Bestand ist ADE, KSB zu zitieren.
Abkürzungen
AG Aktiengesellschaft
CSVD Christlich-Sozialer Volksdienst
DNVP Deutsch-nationale Volkspartei
dt. deutsch
ev. evangelisch
luth. lutherisch
Nr. Nummer
PGZ Politisch-gewerkschaftlicher Zeitungsdienst
u.a. unter anderem
v.a. vor allem
Bestand
Information on confiscated assets
Additional information
BZK no.
The Bundeszentralkartei (BZK) is the central register of the federal government and federal states for completed compensation proceedings. When a claim is entered into the BZK, a number is assigned for unique identification. This BZK number refers to a compensation claim, not to a person. If a person has made several claims (e.g. for themselves and for relatives), each claim generally has its own BZK number. Often, the file number of the respective compensation authority is used as the BZK number.
This number is important for making an inquiry to the relevant archive.
This number is important for making an inquiry to the relevant archive.
Delict according to Nazi judicial system
Conduct that was first criminalized under National Socialism (e.g. the Treachery Act, ‘Judenbegünstigung’) or which the Nazi judiciary prosecuted more severely (e.g. high treason).
Reason for persecution
The reasons provided here are based on the wording in the reasons for persecution stated in the sources.
Role in the proceeding
‘Verfolgt’ refers to a person or organization that was persecuted under National Socialism. They could file a claim for compensation or restitution as part of the Wiedergutmachung policy. If the application was submitted by another person or organization than the persecutee (for example, their son or daughter), this other person or organization is designated as ‘antragstellend’ and their relationship to the persecutee is noted, if known. In the sources, the persecutee is sometimes referred to as ‘Geschädigter’ (aggrieved party) and the applicant as ‘Anspruchsberechtigter’(claimant).
Search in Archivportal-D
You may find additional archival material on this person or organization not related to Wiedergutmachung in the Archivportal-D.
Additional information on reason for persecution
Additional or more specific information on membership and group affiliation which were the reason for the persecution.
22.04.2025, 11:01 AM CEST