Schreiben von Gustel Bauermeister, einer Lehrerin, aus Osnabrück an Oswald Stallmann
Show full titleKommunalarchiv Minden - Archiv der Stadt Minden und des Kreises Minden-Lübbecke
Data provider's object view
Stadt Minden WN 27 Nachlass Oswald Stallmann, Nr. 23
Stadt Minden WN 27 Nachlass Oswald Stallmann Nachlass Oswald Stallmann
Nachlass Oswald Stallmann
1939 - 1940
Enthält u.a.: "Für Ihren lb. Gruß haben Sie herzl. Dank. Ich freute mich sehr, vor allem, daß es Ihnen noch gut geht. Wie Ihre Gedanken immer in der Heimat weilen, so eilen die unsern immer wieder zu unseren lb. Feldgrauen hinaus, die da draußen so tapfer allem Unbill standhalten und die Heimat beschützen. Mir geht es wie Ihnen: es will mir wie eine Ewigkeit vorkommen, daß wir uns zuletzt sahen. Und es ist mir, als ob wir schon lange, lange Krieg hätten. Dabei sind erst 6 Wochen vergangen. Eigentlich will es meine Seele noch garnicht [!] so recht fassen, daß Krieg sein soll. Ich meine immer, Sie müßten bald alle wieder heimkommen, die Sie da draußen liegen. Wie schön wäre das! - Ob Ihr Schwager [Otto Koch] und Ihre Neffen [Otto, Kurt und Karl-Oswald Koch] auch eraußen [!] sind? Ob Sie gute Nachrichten von Ihnen haben? Wie gern wüßte ich es. - Uns allen hier geht es gut. Es hat sich natürlich mancherlei geändert. Herr Heers u. ich unterrichten nicht mehr an unserer geliebten […]brinkschule. Dorthin hat man die Kleinen aus der Marienschule gesteckt. Letztere ist Hilfslazarett geworden u. vollkommen ausgeräumt. Wir unterrichten teils an der Lutherschule - teils an der Kreuzschule. Der Unterricht wird morgens u. nachmittags gegeben. [es folgen Informationen über weitere Lehrer] Aber das alles ist ja so unwichtig dem Großen u. Ganzen gegenüber. Alles wollen wir gern ertragen, wenn nur bald der Krieg ein Ende nähme, daß wir Sie alle wieder in der Heimat begrüßen können. […] Ist es nicht eigentlich unglaublich, daß England dieses unerbittliche "Nein" gesprochen hat!! Ich hatte immer noch gehofft, daß die Vernunft über alle Kriegshetze siegen würde!! Gott schütze unser geliebtes Vaterland und uns alle! Seien Sie gewiß, daß wir immer mit unseren besten Wünschen u. Gedanken bei Ihnen allen da draußen sind.", 15. Okt. 1939; "Sie dürfen nicht denken, daß ich Sie vergessen hätte. Nein, meine Gedanken sind immer wieder zu Ihnen u. all den tapferen Soldaten gegangen u. es war immer die Verbindung zwischen Heimat und Front da. Aber wenn ich Ihnen nun erzähle, daß mich die Sorge um einen leeren Kokskeller u. das Rennen, Laufen u. Anstehen um Kohlen einfach nur zum allernötigsten Schreiben kommen ließ, so werden Sie das verstehen. Wie Sie gewiß schon wissen, haben wir ja seit dem 11. Jan. Kohlenferien. Das war aber durchaus keine Erholungszeit, denn für mich waren es Kohlenferien im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe fast tagtäglich darum kämpfen müssen, daß mir meine 3 alten Leutchen im Hause nicht im Kalten saßen. Der Winter meint es in diesem Jahr wirklich besonders gut. Wenn nicht Krieg wäre und die Kohlenknappheit nicht so schlimm, dann müßten wir glücklich sein über diesen herrlichen Winter. […] Wie schön ist es, daß Sie ein eigenes Zimmer haben. So können Sie doch mal "allein" sein. Das ist es, was ich immer wieder höre von mir lb. Menschen, die ich draußen weiß: Dieses "Nie-allein-Sein-Können", das ist schwer. Es ist oft so "laut" bei den Soldaten. Wir wollen nur hoffen u. wünschen, daß der Krieg nicht mehr so lange dauert u. daß einmal irgendwie alles zum schnellen Ende führt. Gebe Gott nur, daß es nicht allzuviel Opfer mehr kostet. […] Am Montag beginnt der Unterricht wieder, d.h. nur provisorisch, 4 Schulen sollen in 1 Gebäude unterrichtet werden.", 10. Febr. 1940; "Mög nach Ostergeläut und Frühlingsblühn / Auch bald der Friede ins Land wieder ziehn!", Ostern 1940; Krankschreibung wegen eines Sturzes: "Ein kleiner Trost besteht nur darin, daß ich nun ganz genau all das große Geschehen in der Weltgeschichte jede Minute am Radio miterleben kann. Es entgeht mir nichts. Und mit heißem Herzen verfolgt man all die großen Taten unserer siegreichen Soldaten. Wie stolz u. dankbar können wir sein! "Ein großer Maitag wird anbrechen", so schreiben Sie in Ihren letzten Grüßen. Ich meine, es hat sich schon manches erfüllt von dem, was Sie andeuten u. es liegt nur die kurze Zeitspanne von 5 Wochen dazwischen. Manchmal faßt man all das Große kaum. Als gestern abend [!] die Siegesglocken durch die deutschen Lande klangen u. unsere Soldaten in Paris einzogen, war das Herz so tief bewegt u. dankerfüllt. - Die Glocken läuten tief und schwer - / sie tragen aus Frankreich die Kunde her, / daß wieder eine große Schlacht geschlagen - / von der man noch in fernsten Zeiten wird sagen, / daß Großes errungen und Kühnstes geschehen … / Einmalig wird sie in der Geschichte dastehn! / Von tapferstem Heldenmut wird sie künden - / für tapferstes […] der Lorbeer winken … / und heißer werden die Herzen schlagen, / Hört man von diesen Taten sagen! - - - Manches Schwere finden auch den Weg zu einem. Von lieben Freunden in Soest, Dr. Schulte-Braucks (Oberstudiendirektor am Realgymnasium) fiel der einzigste [!] Sohn von 20 Jahren als Leutnant in einem Art. Regt. im Westen. Ich war zuerst so erschüttert, daß ich garnicht [!] schreiben konnte u. fand erst die rechten Worte nach der mitternächtlichen Feierstunde nach der großen Flandernschlacht, als sie sangen: "Wir treten zum Beten ..." das war ein wenig erlösend. Als Dank kamen aus Soest die Worte: "Allen guten Freunden unseres gefallenen Jungen als Dank und Trost den Wahlspruch seines Lebens: ["]Dazu bist Du auf der Erde, / daß es durch Dich heller werde!" Er war ein hochbegabter Mensch u. die große Tragik liegt noch darin, daß mit ihm der Letzte seines Geschlechts, eines ganz alten Bauerngeschlechts aus der Soester Gegend dahingeht. - Ihr jungen Menschen, die ihr für uns gefallen, / euch gilt unser heißester Dank vor allen. / Ihr gabt euer Bestes, euer Leben dahin - das bleibt unvergessen in unserem Sinn! / Und die Liebe, die stets den Weg zu Euch geht, / Tief-dankerfüllt an euren Gräbern steht! / Und sind unsre Seelen auch schmerzerfüllt, / Gott und die Zeit, die gütige, heilt und stillt. - - - […] Aber stattdessen ging es am 10. Mai über die belgische Grenze und man ist mit seinen Gedanken u. Wünschen immer nur im Westen, wo so Großes geschehen. Mög[e] doch recht bald alles ein siegreiches Ende haben, damit es nicht noch so viele Opfer kostet.", 15. Juni 1940
Akten
Information on confiscated assets
Additional information
BZK no.
The Bundeszentralkartei (BZK) is the central register of the federal government and federal states for completed compensation proceedings. When a claim is entered into the BZK, a number is assigned for unique identification. This BZK number refers to a compensation claim, not to a person. If a person has made several claims (e.g. for themselves and for relatives), each claim generally has its own BZK number. Often, the file number of the respective compensation authority is used as the BZK number.
This number is important for making an inquiry to the relevant archive.
This number is important for making an inquiry to the relevant archive.
Delict according to Nazi judicial system
Conduct that was first criminalized under National Socialism (e.g. the Treachery Act, ‘Judenbegünstigung’) or which the Nazi judiciary prosecuted more severely (e.g. high treason).
Reason for persecution
The reasons provided here are based on the wording in the reasons for persecution stated in the sources.
Role in the proceeding
‘Verfolgt’ refers to a person or organization that was persecuted under National Socialism. They could file a claim for compensation or restitution as part of the Wiedergutmachung policy. If the application was submitted by another person or organization than the persecutee (for example, their son or daughter), this other person or organization is designated as ‘antragstellend’ and their relationship to the persecutee is noted, if known. In the sources, the persecutee is sometimes referred to as ‘Geschädigter’ (aggrieved party) and the applicant as ‘Anspruchsberechtigter’(claimant).
Search in Archivportal-D
You may find additional archival material on this person or organization not related to Wiedergutmachung in the Archivportal-D.
Additional information on reason for persecution
Additional or more specific information on membership and group affiliation which were the reason for the persecution.
09.01.2026, 11:45 AM CET
Kommunalarchiv Minden - Archiv der Stadt Minden und des Kreises Minden-Lübbecke
Data provider's object view