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Schreiben von Anneliese Nielsen, einer Lehrerin, aus Osnabrück an Oswald Stallmann
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Stadt Minden WN 27 Nachlass Oswald Stallmann, Nr. 28
Stadt Minden WN 27 Nachlass Oswald Stallmann Nachlass Oswald Stallmann
Nachlass Oswald Stallmann
Apr. - Okt. 1944
Enthält u.a.: Luftangriffe auf Osnabrück, 7. Mai 1944; "Wenn ich nicht irre, kehrten Sie heute vor einem Jahr aus dem Urlaub sich wieder der Front zu. Wenn auch einige Sommerwochen in Berlin einige Abwechslung brachten, ist doch schon wieder eine lange Zeit Frontleben für Sie vergangen. Können Sie sich überhaupt vorstellen nach fast 5 Jahren Soldaten- und Frontleben, daß Sie einmal wieder vor kleinen Imännchen [!] in der Schule stehen werden? Der Gedanken kommt Ihnen sicher sonderbar vor. Aber wenn es nur erst soweit wäre, daß alles Leben wieder geregelt in friedensmäßigen Bahnen sich abwickeln könnte, wie gern wollten sich alle darauf einstellen. Ich finde, es ist ein gutes Zeichen und ein sicherer Beweis für unsern Lebenswillen, den auch kein Tommy bricht, daß man sich gelegentlich ausmalt, wie es nach dem Kriege sein wird. Wir stellen uns manchmal vor, was dann getan werden muß, wir schmieden Pläne für Reisen, wenn wir uns auch sagen, daß vielleicht alles anders kommt. Luftschlösser darf man ja bauen und die Vorfreude war immer schon die größte Freude. Hoffen wir, daß wir beim Endsieg dabei sind!", 8. Mai 1944; Luftangriffe auf Osnabrück, 9. Mai 1944; "obwohl wir bei dem Angriff am Sonnabendmittag nicht betroffen wurden, findet man kaum Zeit. Es galt viele Volksgenossen aus dem Schinkel unterzubringen und zu verpflegen. Vater konnte dabei auch meine Hilfe bei der NSV wohl gebrauchen. Die Opfer sind diesmal zahlreicher und die Schäden größer als sonst. Es traf hauptsächlich Schinkel und Bahnhofsgebiet. Die Bahnverbindungen sind z.T. wieder hergestellt. Mit der Gasversorgung wird es noch einige Zeit dauern, doch kochen wir auf einem kleinen elektrischen Wärmofen, den wir für den Luftschutzkeller haben. Oft kochen 4-5 Familien auf einem Herd, sofern sich einer in der Nachbarschaft findet. Man behilft sich gut, und das geht leichter, als es sich die meisten Leute früher träumen ließen. In Notzeiten rückt die Menschheit räumlich und auch innerlich näher zusammen. "Steinbrüche" haben wir jetzt allerdings reichlich genug in der Stadt, aber "Seelentrümmer" lassen wir nicht entstehen, gegen die wehren wir uns. Sie wundern sich, daß das kulturelle Leben so weitergeht. Sonntag vor 8 Tagen begann die Gaukulturwoche hier, zur Zeit ihrer Eröffnung fielen die Bomben, dann in der Nacht zum Dienstag wieder und Sonnabend. Das Programm wurde aber bis auf Störungen durch Alarm abgewickelt. […] Auch die Kinos halten ihren Betrieb aufrecht, die Gasthäuser versuchen, möglichst schnell wieder zur Aufnahme der Gäste bereit zu sein. Lehrkräfte, die z.Z. nicht in der Schule arbeiten können, weil die Schulen mehr oder weniger beschädigt sind, beschäftigt man auf dem Kriegsschädenamt.", 16. Mai 1944; "Während der Tag des Angriffs hochsommerlich war, ist es seitdem kühl und zeitweise naß. Der Flieder steht in voller Blüte, die Maiglöckchen sind nun auch so weit, doch man kann die Pracht nur vom Fenster aus genießen, froh sind wir ja, daß wir das noch können. Der erste Spinat und die ersten Radieschen sind bereits geerntet, eine gute Zugabe zu der etwas knappen Gemüsezuteilung augenblicklich. Sonderzuteilungen an Alkohol, Kaffee, Rauchwaren + 2 Tageslebensmittelkarten gelangen in der nächsten Woche zur Ausgabe. Man sieht daran doch, daß die Regierung darauf bedacht ist, den Menschen in den besonders gefährdeten Gebieten etwas Besonderes zukommen zu lassen. Das findet allgemein Anerkennung. Es ist überhaupt bewunderungswürdig, wie gefaßt die Menschen sind. Da stehen sie plötzlich vor einem Nichts, beißen die Zähne zusammen und beginnen, wenn auch unter großen Schwierigkeiten, neu, es gehört schon eine ziemliche Portion Energie dazu. Ihnen, lieber Herr Stallmann, geht es hoffentlich auch noch gut; einmal wird ja auch dieser Krieg der Vergangenheit angehören.", 21. Mai 1944; "Leider haben die "Mordbrenner" hier einige hundert Opfer auf dem Gewissen [Schäden und deren Behebung in Osnabrück]. Nach dem Angriff hatten wir nicht viel Alarm aber in der letzten Woche 5 Tage + Nächte je 5 Std, seit 48 Std. nun wieder keine Störung. Heute genießen wir den ersten Sommerabend im Garten und freuen uns der beiden vor uns liegenden Feiertage. Ferien sind weggefallen, wir kommen ja sowieso nicht viel zur Arbeit und in 5 Wochen ist Versetzungstermin. Sie wissen doch, daß seit 3 Jahren in den Sommerferien Schuljahrswechsel ist? Es werden in der Stadt immer mehr Schulen geschlossen, jetzt die im Schinkel, ein Teil der Lehrkräfte wird zunächst im Kriegsschädenamt beschäftigt, das habe ich vor 2 Jahren auch mal 6 Wochen mitgemacht. Jetzt bin ich in Hellern gut aufgehoben. Sie sehen, es geht uns, die Verhältnisse berücksichtigend, noch recht gut", 27. Mai 1944; "Die Pfingsttage sind in einer Stunde beendet, sie brachten uns eine wahre Hundstagshitze. Im Bett ist es jetzt 22 45 doch noch zu warm, da werde ich Ihnen nochmal eben schreiben. […] Zunächst sage ich Ihnen mal meinen allerherzlichsten Dank für Ihren hübschen Pfingststrauß, er kam gestern ganz pünktlich hier an. Zwischen Flakschießen und Fliegergebrumm nahm ich ihn in Empfang. Es ist wirklich nett von Ihnen, mich so zu beschenken und ich staune mit welchem Geschick Sie die Blumen so aus dem Gedächtnis zu Papier bringen, da kann ich nicht mit. Ihre guten Wünsche bezüglich der Pfingstruhe sind nur in sofern [!] in Erfüllung gegangen, als kein Angriff war. Die Feiertage begannen in der vorletzten Nacht 0 Uhr mit Alarm, der allerdings nach kurzer Zeit in Vorentwarnung überging, die dann 3 Std. dauerte. Es waren immer nur weniger als 10 Flugzeuge in unserem Raum. Am Mittag um 12 ging es dann wieder los und dauerte bis 16 20 mit starken Durchflügen und viel Schießerei. Das Mittagessen wurde im Keller eingenommen, was bei dem immerhin etwas üppigeren Festtagsbrätchen mehr Schwierigkeiten machte als bei dem sonst üblichen Eintopf. Mutter hatte aber auch was Feines bereitet und wir haben es uns trotz Kanonendonner gut schmecken lassen. Unsere letzte Weinzuteilung und einige Eier, gegen Rauchwaren eingetauscht, eine Kalbszunge reel [!] auf Marken erworben ließen ein kräftiges Hauptgericht und eine leckere Nachspeise erstehen. Ich will Ihnen nicht den Mund wässerig machen, doch gehört das zum Stimmungsbericht über "Pfingsten". Sie sollen sehen, daß wir die Feste doch feiern, wie sie fallen, wenn wir auch manchmal schwere Stunden erleben. Außerdem haben wir den Tag und Abend im Garten verbracht, wo wir in der "Soldatenwirtschaft" (Laube) guten Kaffee und Kuchen einnahmen, denn auch Bohnen und sogar Schnaps haben wir bekommen nach den Angriffen. 2mal flogen feindliche Aufklärer über uns hin und bekamen Flakbegrüßung vor deren Splitter wir kurz in Deckung gingen. Die Nacht war ruhig und heute ging der gleiche Zauber wie gestern nur etwas früher von 10 45 bis 15 10. Auch sonst haben wir uns so wie gestern eingerichtet, es war herrlich, sich mal so richtig auszuruhen, rundum strahlende Sonne, alles blüht und duftet und keine Trümmer zu sehen. Wie sehr gönnte ich Ihnen auch mal solche Tage! Ferien haben wir nicht, morgen geht es wieder zur Schule. Für 2 Tage bin ich nicht über die Grenzen unseres Gartens und des Nachbargartens hinausgekommen, selbst das "beste Kleid", mit dem man sich sonst Pfingsten gern präsentierte, ist nicht zu Ehren gekommen, wir haben "einfach und luftig" vorgezogen. Da erzähle ich Ihnen allerlei und weiß gar nicht mal ob Sie das überhaupt interessiert. Sie erkennen daraus aber hoffentlich, daß wir, sobald die Entwarnungssirene ertönt, den Krieg und seine Schrecken zu vergessen suchen, soweit das nur irgend möglich ist, im Alltag werden wir ja doch immer darauf gestoßen. Man wird ja den Gedanken an die Verwandten und Freunde, die draußen im Kampf stehen, nie los und will das auch nicht, im Gegenteil, fühlt man sich selbst in seinen bescheidenen Verhältnissen glücklich, gleich gehen die Gedanken zu all den Nahestehenden und Unbekannten, denen es nicht vergönnt ist, so glücklich daran zu sein und dann ermisst man erst, wie wohl einem das Schicksal noch ist.", 29. Mai 1944; Luftangriffe und Schäden, u.a.: In die Richard Wagner-Straße ging eine Luftmine, von deren Luftdruck auch wir unser Teil bekamen. Die westliche Dachseite war ganz[,] die Nordseite teilweise weg, an einigen Fenstern und Türen Scheiben zerbrochen und Schlösser ausgerissen. Ein immerhin geringer Schaden, wenn man andere Häuser sieht! […] Das waren wieder einige Schreckminuten, an denen wir alle an der Erde lagen. [Bunker] Beide Sammelräume sind sehr überfüllt; seit den ersten Maiangriffen hat der Andrang begreiflicherweise zugenommen. Die Luft ist sehr schlecht, ein Bekannter konnte nach längerem Alarm kein Streichholz mehr zur Entzündung bringen. Das Verstauen der schutzsuchenden Massen dauert sehr lange, es fielen schon mehrere Male Bomben oder standen Kaskaden am Himmel, bevor alle Schutz gefunden hatten. Dies alles sind Gründe für uns, die wir doch ziemlich entfernt wohnen, daheim zu bleiben, wie alle in der Nachbarschaft. Unser Keller ist ebensowenig bombensicher wie jeder andere Keller, das gibt es nicht, einen Volltreffer hält keiner aus. Sollten wir das Pech haben so einen Treffer direkt zu bekommen, bleibt und [!] nur der Wunsch, das Schicksal möge uns dann ein schnelles Ende bereiten. Bei Einschlägen in der Nähe hoffen wir uns befreien zu können oder von außen befreit zu werden, denn die abgestützte Decke soll die Hauslast tragen können. Für die vielen Male, wo bei Alarm nichts geschah, waren wir zu Hause sicher besser aufgehoben, bequemer, in besserer Luft, in Pausen kann man rausschauen, bei Tagesalarmen das Essen bereiten, essen etc. Es fehlt bei uns eben an der ausreichenden Zahl Bunker […] Wir müssen uns damit abfinden, ausreißen können wir nicht, auf dem Lande ist auch nicht sicher. Das hat nichts zu tun mit besonderem Heldenmut, es ist eben eine zwingende Notwendigkeit, der wir uns ohne Murren fügen. Ich möchte auch nach der letzten Nacht nicht gehen, denn der Gedanke, solch ein Stollenzugang könnte getroffen werden, läßt mich erschaudern, wenn ich mir nur die Panik bei der Menschenansammlung vorstellen muß ganz zu schweigen von einem Massenopfer. Wer weiß, was uns nun die nächsten Tagen [!] für Nachrichten aus dem Westen bringen! Eben hörte ich den ersten Fron[t]bericht, es war nur ein Stimmungsbild, Einzelheiten sollen am Abend bekannt gegeben werden. Hoffentlich bekommt der Feind die Hucke so voll, daß ihm die Lust einfürallemal [!] vergeht. Die Luftlandetruppen, Hunderte von Lastenseglern, sagte der Berichter eben, wären aufgerieben. Seit längerer Zeit war die Spannung am Siedepunkt angelangt, es mußte so oder so ein Ereignis eintreten. Unser Eisenbahnknotenpunkt ist immer noch wieder in Ordnung, darum müssen wir wohl mit weiteren Angriffen rechnen. Zwischen den letzten beiden Angriffen hatten wir keinen Alarm. Wir wollen stark sein und den kommenden Ereignissen tapfer ins Auge sehen, sie müssen, ganz gleich was sie uns persönlich bringen, dem Vaterland den Frieden näherrücken [!]. Jetzt 18 Uhr haben wir das Haus wieder ziemlich sauber, nach 1 Std. Bettruhe, wenn auch ohne Schlaf, gingen wir, als es hell wurde an die Arbeit. Am Morgen regnete es in Wolkenbrüchen, das fehlt grad zu den abgedeckten Häusern. Während Maurer neu aufdeckten, wir kamen schon um 9 Uhr dran, nahm ich auf dem Boden unentwegt auf, um zu verhüten, daß das Wasser durch die Decken lief, war mir auch gelang. Dann habe ich 36 Eimer Schutt nach unten getragen und den Boden gesäubert. Mutter saugte während der Zeit alle Zimmer durch und Vater vernagelte die Rahmen fest, die z.T. 10 cm vorgerückt waren. Da ich seit 8 Tagen einen schrecklichen Husten habe - ob das Stickhusten wird, ich glaube es fast --, war ich nach der Arbeit wie aus dem Wasser gezogen, so hatte ich geschwitzt, wie ich es im Bett nicht schaffe. Nach gründlicher Abreibung und Umkleidung hoffe ich, hat mir die Kur eher geholfen als geschadet. Meine fürchterliche Schrift bitte ich freundlichst entschuldigen zu wollen, ich weiß nicht ob ich sie mehr mit der schlaflosen Nacht begründen muß oder mit meinen Fäusten, die heute mehr auf Dachziegel, Schutteimer und Scheuerlappen trainiert sind. Jedenfalls ist mir dies Schreiben jetzt rechte Ausppannung [!] gegen die heutige Tagesbeschäftigung und ich konnte bei der Gelegenheit mal eben Rückschau halten. […] Ich möchte wünschen, daß dieser Brief nun nicht wieder so lange gebraucht, bis zu seinem Empfänger zu gelangen, denn Sie werden nach dem heutigen Heeresbericht gewiß warten. […] Die Opfer waren am 31.5. gering nur 20, obgleich der Schaden sonst erheblich, heute weiß ich nur erst 1 Privatbunker am Widerhall 10 Tote. Wenn ich auch kein Sonntagskind bin, hoffe ich doch weiterhin auf Glück, wenn es auch auf den Satz vom Unkraut gegründet ist. Es muß dieser Zeit doch mal eine andere und bessere folgen und die möchte ich gern miterleben! Morgen geht's wieder in die Schule und der gewöhnliche Alltag nimmt seinen Fortgang.", 6. Juni 1944; "Meine Eilkarte vom 7. ist hoffentlich schon in Ihrem Besitz. Diesmal hat es ganz nett "gerumscht". Eine Mine landete westlich unseres Hauses kurz vor der Richard-Wagner-Straße. Da der Zwischenraum zu uns etwa 350m unbebaut ist, bekamen wir noch allerlei Druck mit. Das Dach an der Westseite war abgedeckt, die Nordseite beschädigt. Fenster an der Westseite waren 10cm nach innen vorgerutscht[,] Flügel in den Garten gefallen und einige Scheiben zerbrochen, Türen aus den Schlössern gerissen und überall Staub und Schmutz von herabgefallenem Kalk. Die ganze Sache war aber mit vereinten Kräften bis zum folgenden Abend leidlich wieder in Ordnung. Glücklicherweise schickte unser Maurermeister gleich morgens um 9 Uhr Dachdecker. Wir waren schon seit 5 Uhr in Betrieb, die Bomben waren 1 20 gefallen, genau zur Stunde des Invasionsbeginns. Da fürchterlicher Regen herrschte, hatte ich bis das Dach zugehängt war, zu tun, das Wasser auf dem Boden aufzunehmen, damit es nicht durch die Decke lief. Ich konnte so verhüten, daß die unteren Zimmer beschädigt wurden. Vater besserte Türen + Fenster aus, nagelte Pappen an und Mutter und ich beseitigten mit vereinten Kräften den Dreck; allein 36 Eimer Schutt habe ich vom Boden heruntergetragen. Nun, der ganze Schaden war sehr gering im Vergleich zu vielen anderen Häusern. […] Seit dem 6. war eine Nacht Ruhe sonst immer von 12 30, gestern erstmalig 11 40 - 2 30 Alarm, meist flogen schnelle Flugzeuge nach Berlin oder in Braunschweiger oder Magdeburger Raum. Gestern ging es in Recklinghausen + Essen ziemlich her, wir hörten und sahen es. Mit Spannung verfolgt man täglich die Nachrichten von der Invasionsfront. Hoffentlich haben wir in allem genügend Vorräte dorthingeschafft [!], daß unsere Truppen es auch in den Stellungen die bereits hinter den feindlichen Linien liegen und nun den Feind auch von hinten bekämpfen, lange genug aushalten. Die Spannung der Nerven war ja fast an der Zerreißgrenze in dem Gedanken, kommt die Invasion nun oder kommt sie nicht. Als es nun soweit war, war man doch überrascht, hielt man den Atem an und sagte sich, was wird nun kommen! Der Kampf muß ganz außerordentlich hart sein, welche Unmengen wirft der Feind in die Front. Wir können nur mit allen Fasern unsers Seins hoffen und wünschen, daß es unseren tapferen Soldaten gelingt, den Ansturm auf dem Küstenstreifen aufzuhalten und zu vernichten. In der letzten Nach waren ja seit dem Invasionsbeginn auch erstmalig wieder Flugzeuge von uns über England.", 13. Juni 1944; "Ihr Schreiben klingt so etwas geheimnisvoll. Sind Sie etwa ganz woandershin gekommen? Etwa gar zum Einsatz im Westen? Aber ich kann mir allerdings auch nicht denken, daß das möglich ist, denn dort im Osten greift der Feind doch auch wieder stärker an. Es geht ja überhaupt zur Zeit überall hart her, ob uns im Westen der Kampf nicht auch mehr Schwierigkeiten macht, als wir erwartet hatten? Cherbourg ist wohl nicht mehr zu halten und der Feind erreicht dadurch ein Sprungbrett. Hoffentlich kann dann "V1" darauf gerichtet werden und vernichten. Die Waffe scheint ja furchtbar in ihrer Wirkung zu sein. Wenn nur der Gegner keine Gegenwaffe dafür findet, dann würde es für uns grausam werden. Zur Zeit belästigt er uns allnächtlich von 12 - 3 etwa mit Alarm, ein Angriff war seit dem 6. nicht, wenn wir auch einige Male es befürchteten, als es auf Bremen, Hannover und Rhein. Industriegebiet ging. Zu den Nachtalarmen kommt 3 - 4 mal wöchentlich noch Vormittagsalarm. In einer Woche schließen die Schulen für 4 Wochen ihre Tore. Wir haben 14 Tage Urlaub und müssen vorher mitteilen, wo wir einen Ferieneinsatz machen wollen. Ich werde dem Schulrat mitteilen, daß wir im Garten so und soviel Beerensträucher, 2 Kirschbäume, die über 2 Zentner bringen, etc. haben, und daß meine Mutter, die ohne Hilfe ist, froh ist mich dabei einspannen zu können. Ich werde jedenfalls versuchen, ob das nicht durchgeht, schließlich ist Mutter ja auch 59 Jahre und hätte wohl ein Anrecht auf eine Hausgehilfin. Reisepläne habe ich nicht […]. Ich schrieb Ihnen, glaube ich, schon mal von einem Vetter, Jagdflieger in Italien, der ist nun am 14. Mai vom Feindflug […] nicht zurück gekehrt [!]; er wurde den Eltern als vermisst gemeldet. Die Eltern sind untröstlich um ihr einziges Kind. Wir dürfen ja aber einstweilen die Hoffnung nicht aufgeben, daß er in Gefangenschaft ist und dereinst zurückkehrt.", 27. Juni 1944; "Glücklicherweise ist Ihr Aufenthaltsort vom heiß umkämpften Raum der Ostfront in die friedlicheren Gefilde des Harzes verlegt worden. Ich freue mich darüber, daß ich das gestern erfuhr, als Mutter mir von Ihrem Anruf berichtete. Hoffentlich unterstützt diese schöne Landschaft, die ja nicht mehr weit Ihrer Heimat ist, nun den Heilungsvorgang Ihrer Wunden und läßt Sie bald völlig genesen. Das sei mein Wunsch zu Ihrer Heimkehr ins Vaterland. [Postnachsendungen] Die Hauptsache ist jedenfalls, daß Sie schon auf dem Wege der Besserung sind. Was haben Sie für Glück gehabt! Man kann auch sagen, daß Sie "vorsichtig" gewesen sind, wenn daß [!] auch bei dem Unglück sicher unbewußt. Wie gut, daß bei allem Unglück auch noch immer ein gut Teil Glück dabei ist! Bei Sonntagskindern soll das ja besonders zuverlässig sein […]. Hier in Osna. ist soweit alles in Ordnung, in der letzten Nacht schien es fast, als ob wieder Unordnung und Zerstörung angerichtet werden sollten. Der Drahtfunk meldete nämlich, daß bereits im Norden vorbeigeflogene Flugzeuge nun von Nordosten unsere Stadt anflogen, gleichzeitig kamen von Nordwesten welche mit Südostkurs auf uns zu. Bei solcher Lage gab es neulich mehrere Male "Kleinholz" in unserer Stadt, diesmal besannen sich aber alle und nahmen wieder Ostkurs über uns hinweg. [Alarme in den Nächten] So verbringen wir unsere Ferien, am Tage holen wir den Schlaf, soweit das irgend geht, nach. Seit dem 3. Juli sind Ferien. Ich hatte gebeten, meinen Kriegseinsatz im elterlichen Hause machen zu dürfen, wegen der Obsternte und Einmacherei. Damit war man wohl einverstanden, von der Arbeit ist zwar noch nicht viel geworden, da die Früch[te] nur erst vereinzelt reif sind. Es ist alles 3-4 Wochen später in diesem Jahre als sonst. Vom 27.-29. sind Schulungstage für die gesamte Lehrerschaft und am 1.8. beginnt der Unterricht wieder. Verreist bin ich diesmal nicht, man findet bei dem Gedanken an zu Hause doch nirgends rechte Ruhe, die Strapazen der Reise sind groß und die Verpflegung bei Muttern immer noch am besten. Neuerdings ist es ja auch sehr schwer eine Reiseerlaubnis über 100 km zu bekommen.", 19. Juli 1944; "Das Attentat auf den Führer hat wohl allen einen kalten Schrecken eingejagt, nur gut, daß es mißlang, und die Bande inzwischen beseitigt werden konnte. Da hat man immer Angst, weil soviel fremdes Volk im Reich herumläuft und aus den eigenen Reihen stehen die Verräter auf. Ob auch wohl die mehrfachen Flugzeugunfälle führender Männer mit dieser Clique in Verbindung zu bringen sind, denke ich grade?", 23. Juli 1944; "es war Hochbetrieb, der Ernteeinsatz im eigenen Haushalt forderte meine ganze Zeit. 110 Pfd. Erbsen in Westerkappeln gepflückt und hier verarbeitet war reichlich Arbeit für Mutter und mich, dazu 25 Pfd. Sauerkirschen entsteint eingekocht, laufend Himbeeren geerntet und Stachel- und Johannisbeeren. Hinzu kommen die Überlegungen, wie richtet man es ein, daß es für den Winter haltbar wird, ohne daß man den sonst üblichen Zuckerbedarf verfügbar hat. Im Winter, wenn man Vorräte aus dem Keller holen kann, hat man es ja um so besser und denkt nicht mehr an die Arbeitsleistung dieser Erntewochen. So nehme ich heute den Sonntagvormittag zum Schreiben, denn morgen ist schon wieder "Großkampftag" mit einer Riesenwäsche, deren "Beseitigung" uns mehre[re] Tage beschäftigen wird. So würden also die Ferien voll Arbeit zu Ende gehen, da gab es gestern noch eine kleine Überraschung, laut Zeitungsnotiz sind die Ferien im Landkreis um eine Woche verlängert. Grad im Augenblick, wo alle Kräfte zur äußersten Anspannung aufgerufen werden, bekomme ich Ferienverlängerung, eigentlich müßte man sich dieser Freizeit schämen, aber ich faulenze ja nicht. Mutter, ohne Hilfe, kommen die Tage gerade richtig. Ich habe noch allerlei zu nähen, Wäsche auszubessern etc. Ein Kleid habe ich mir schon genäht, eines verändert, denn die Schneiderinnen kommen ja auch nicht dazu, ihre Kunden zu befriedigen. […] Unsere Freitagsschulung wurde jäh abgebrochen [wegen Alarms], gestern fand sie wegen des Vormittagsalarms von 16 - 1830 Uhr statt. Es handelte sich in 4 Vorträgen um die politische Ausrichtung.", 30. Juli 1944; "Die Wäsche ist trocken[,] nun beginnt das Bügeln und das viel zeitraubendere Ausbessern. Aber nach 5 Kriegsjahren muß man sich ja nicht wundern, wenn die Wäsche schadhaft wird.", [31. Juli 1944]; "Zunächst gratuliere ich zu Ihrem neuen Geburtstag, denn als solcher ist der Tag Ihres Unfalls wohl zu werten, er hätte wahrhaftig schlimmere Folgen haben können. Die Sonntagskinder werden eben doch vom Schicksal mit besonderer Sorgfalt geschützt […]. Grad bekomme ich Ihren Luftpostbrief mit der neuen Feldpostnummer, da komme ich mir ganz klein vor mit meinen Schilderungen von dem leichten Sachschaden des letzten Angriffs. Ich schreibe davon so ausführlich und Sie hängen die Nachricht von Ihrer Verwundung nur so eben an in Ihrem Brief. Aber das ist wohl Soldatenart, Sie haben schon so viel Schreckliches erlebt, daß Sie um Ihr eigenes Schicksal bescheiden wenig Aufhebens machen. Auf jeden Fall freue ich mich mit Ihnen, daß der "Fehltritt" in seiner Auswirkung noch ziemlich gnädig war […]. Glück haben Sie auf alle Fälle gehabt, welch bange Sorge mögen Sie vor allem um Ihr Augenlicht gehabt haben, wie schön, daß das gesichert ist, wenn auch eines noch von Onkel Doktor verklebt ist. Der Fuß bessert sich hoffentlich auch weiterhin, nur nicht überanstrengen, weil Sie eine schnellere Heilung erzwingen wollen! […] Ihre Buchsendung "Vom Deutschen Osten" erhielt ich vorgestern mit herzlichem Dank! Es ist schön! Gibt es solche Bücher in Frontbüchereien noch zu kaufen? Schön, wenn so für die Soldaten gesorgt wird, daß sie auch in ihren Mußestunden etwas haben.", 29. Juni 1944 [zu 31. Juli 1944]; "Über die Tafel Schokolade habe ich mich ganz besonders gefreut und sie einstweilen in einen sicheren Koffer im Luftschutzkeller vergraben. In dieser Zeit gibt es im Garten soviel zu naschen, da hebe ich mir solchen Leckerbissen lieber für eine an Nascherei magere Zeit auf, außerdem ist es so ein angenehmes Gefühl noch solche Delikatessen zu besitzen. […] Zur Zeit wälze ich die "Kulturgeschichte der Deutschen Frau" von Scherr, sehr aufschlußreich zu lesen.", 7. Aug. 1944; Einschulung der I-Männchen: 29 Jungen und 18 Mädchen in einer Klasse: "Einige Tränen infolge der Trennung von Mutters Schürzenzipfel versiegten bald, als die Täubchen lustig ein- und ausflogen und die Häschen in der Grube munter hüpften. Heute horchte die kleine Gesellschaft gespannt meiner Erzählung vom Heiner im Storchennest und zog befriedigt heim mit einem Bezugschein für eine Tafel und mit einem Rechenbuch; die Bücher müssen sich jetzt von Jahr zu Jahr vererben, da auch dieser Artikel knapp ist. Sie können sich sicher kaum noch vorstellen, wie das so mit den kleinen Möpsen geht und werden sich schwer grad zu der Arbeit mit diesen Allerkleinsten zurückfinden. Allerdings, wenn es zeitlich erst so weit wäre, würde das wohl auch klappen. [… Lektüre …] Die "Meuterei von Galapagos" habe ich gelesen[,] es gefiel mir und gab Einblick in manch unbekanntes Gebiet, stellenweise war es direkt aufregend. Nun kommt "der Grossmast" an die Reihe. Gestern war ich im Kino "Träumerei" ein Robert Schumannfilm, sehr schön!", 12. Aug. 1944; "Gestern erhielt ich Ihre liebe Sendung als Abschiedsgruß von Wernigerode und heute kam Ihre Nachricht aus Berlin. Haben Sie vielen herzlichen Dank vor allem für den reichen Lesestoff und, ich habe gestaunt, für die Süßigkeiten. So was gibt's noch und dabei beginnt heute das 6. Kriegsjahr! Gewundert habe ich mich daß Sie nicht erst Urlaub bekommen haben. Als ich auf dem Paket als Aufgabeort "Minden" las, dachte ich, sie [!] wären auf Kurzurlaub dort gewesen um den Haupturlaub vorzubereiten. Aber es ist wohl so, jeder Mann wird heute gebraucht und da fällt es nicht ins Gewicht, ob man rechtlich noch soundsoviele Urlaubstage beanspruchen kann. Die Lage ist doch augenblicklich sehr ernst. Zur Zeit werden bei unseren Alarmen und wir haben deren Tag und Nacht mehr als genug, werden immer Feindtätigkeiten über Holland + Belgien gemeldet. Wenn nur die neue Waffe erst zum Einsatz gelangen könnte und entsprechend durchschlagend wirkte! An diese Hoffnung klammern wir uns doch sehr! Wie lange wird Ihr Aufenthalt in Berlin dauern? Es würde mich freuen, wenn Sie doch noch einige Tage für die Heimat bekämen, bevor Sie wieder zur Truppe fahren müssen, denn verdient hätten Sie es wirklich nach 1 ½ Jahren und der Verwundung! Sie fragten kürzlich an, wie es bei mir mit Ferien wäre, nun ich habe doch reichlich Freiheit genossen. Die oberen Jahrgänge werden Ende dieses Monats Kartoffelferien bekommen, in der Zeit müssen die Grundschulklassen umso nachhaltiger unterrichtet werden, da kann man dann etwas aufholen von der versäumten Zeit. Wir müssen uns ja überhaupt bei den Kleinsten sputen, mit 13 Wochenstunden zum Ziel zu kommen. Wir werden's schon schaffen! Bis jetzt ist unsere Stundenzahl noch nicht erhöht, was aber im Zuge der 60 Stunden Woche der anderen Berufe durchaus zu erwarten ist. Auch das kann mich nicht erschüttern, da ich nicht viel Vorbereitungen und Korrekturen habe, werde ich auch dann noch immer etwas Freizeit finden. Lesen tue ich jetzt besonders bei Alarm. Ich habe z.Zt. keine Lust, dann zu handarbeiten, man ist, glaube ich, zu müde dazu, weil man mit seinem Schlaf gar nicht mehr zurecht kommt. Wenn die Lage nicht gefährlich für uns ist, worüber uns ja der Drahtfunk dauernd unterrichtet, kann man beim Lesen ruhig mal etwas einduseln, das ruht auch schon aus. Die "Püttermanner" habe ich gestern in Angriff genommen und schon herzlich gelacht, solch eine Lektüre tut in heutiger Zeit mal richtig gut. Ihre Buchsendungen sind schon zu einem rechten Stapel angesammelt. Wenn der Druck solcher Bücher nun aufhört, so wird's auch ohne sie gehen, lesen wir, wenn uns das Zeitgeschehen noch ein Stündchen dafür übrig läßt, was vorhanden ist, erneut durch! Außerdem ist in befreundeten Bücherschränken noch allerlei Neues zu finden.", 1. Sept. 1944; "Für Ihren Blumengruß zum Sonntag haben Sie Dank! Sonntags gibt es ja nun keine Post mehr, es wird sich wohl noch manches ändern; wenn es sich nur um so nebensächliche Einschränkungen handelt, wollen wir zufrieden sein. Seit gestern ist bekannt, daß wieder einer unserer Verbündeten, der sicher viel von uns gehabt hat, abgesprungen ist. Wie gestaltet sich dadurch die Lage unserer Truppen in Norwegen, wenigstens im Nordteil, denn die kamen und gingen doch sicher über Finnland. Im Westen rückt der Feind auch in bedrohliche Nähe, Holland, das Aufnahmegebiet unserer Kinder und alten Leute, wird viel bombardiert, denn anders ist die Meldung "Feindtätigkeit über Holland" wohl nicht zu deuten. In Südfrankreich liegen im westlichen Teil unsere Truppen, ohne daß jedenfalls von meinem Vetter und einigen Bekannten recht Nachricht nach hier kommt seit den ersten Augusttagen. Im Osten und Süden sieht es auch nicht gut aus. Was bringen uns die nächsten Tage und Wochen? Ich kann mir nicht denken, daß die Opfer von 5 Kriegsjahren umsonst gewesen sein sollen und glaube bestimmt an die Wendung zum Guten für uns. Noch spüren wir hier in O[snabrück] ja wenig von der augenblicklichen Lage, aber es droht und das drückt auf die Gemüter. Mit Alarmen sind wir in letzten Tagen immer kurzfristig bedacht, meist kamen die Flugzeuge von Westen her nicht bis zu uns heran. Bei Ihnen war wohl einige Tage völlige Ruhe. Was macht der Dienst? Gewiß ist die Arbeit in Form von Unterricht erst ungewohnt und anstrengend, oder werden Sie auch im Gelände geschult. Nach 2 ruhigen Nächten haben wir heute nach langen Wochen erstmalig von 8-13 Uhr ohne Störung unterrichten können, die Stunden kamen mir direkt lang vor, man ist das gar nicht mehr gewohnt.", 4. Sept. 1944; "Jetzt, in der ersten Morgenstunde des heutigen Tages, kann ich sagen, daß wir am 13. bei allem Unglück, was über die Stadt gekommen ist, mal wieder Dusel gehabt haben. Zur Zeit sitze ich auf, um eventuellen neuen Alarm nicht zu überhören, denn die Sirenen gehen bei uns nicht, meine Eltern haben sich nach dem letzten Alarm 11 - Mitternacht hingelegt, ebenso die Nachbarschaft. Wir haben ja in den letzten Tagen 8mal in 24 Std Alarm gehabt, so war auch heute von 5-17 Uhr an Voralarm 1730 kam Alarm und etwa ½ Std später hieß es "einige Verbände im Anflug auf die Stadt", da kam der Segen auch schon herunter. In der Stadt muß es furchtbarer sein als je zuvor. Wir spürten einen Sprengbombeneinschlag in der Nähe und lagen alle am Boden. Als es nach langem Gedröhn und Gebumse ruhig wurde, sahen wir erst mal nach draußen und Vater und ich gingen dann durchs Haus, weil es draußen sehr qualmte, also Brände in der Gegend waren. Mein Bett stand in hellen Flammen, durch Dach + Mansarde war eine Brandbombe in mein Bett gefallen. Zum Glück war die Badewanne voll Wasser und reichlich Sandtüten vorhanden, so bekamen wir den Brand gelöscht, Bettenreste, Teppich etc warf ich aus dem Fenster, dort löschten Nachbaren [!] den Rest. […] Gas, Wasser, Telefon + Drahtfunk gehen nicht. Es ist also gnädig gegangen. Wären wir im Bunker gewesen, wäre möglicherweise die ganze Bude heruntergebrannt. Über der Stadt sind noch viele Feuerscheine, alle Augenblicke gehen noch Zeitzünder los. Die Altstadt, Rathaus, Bierstr. Lohstr., Klosterkaserne und das Bahnhofsviertel sind arg getroffen. Die Musenburg hier in unserer Nachbarschaft brennt noch lichterloh mit allen Vorräten. Lotterstr. zwischen Herder + Arndtstr. brennt. Das war der 13.9.1944, ein schwarzer Tag in der Geschichte unserer Stadt. […] Wie lange wird das nun so weitergehen und vielleicht noch schlimmer kommen? Sind die neuen Waffen und V 2, 3, 4 noch nicht fertig? Es hat in den letzten Tage viele viele Obdachlose und zahlreiche Tote in den Städten des Westens gegeben und der Feind fährt vor den Grenzen seine Massen zur Schlacht heran, wird unser Aufmarsch ihm gewachsen sein? Wir wollen hoffen, daß uns ein gütiges Geschick vor dem schlimmsten Unheil bewahrt!", 14. Sept. 1944; Artikel zu Luftangriffen auf Osnabrück, 16. Sept. 1944; "der Angriff am 13. war mehr als ein "Anpuff" wie Sie meinem Brief wohl entnommen haben. Ich war zwar in den Nachtstunden, als ich schrieb, noch gar nicht im Bilde über die Ausmaße des Luftterrors. Die "Stadt" Osnabrück ist nun ein wirkliches Ruinenfeld, man soll nicht meinen, daß in 10 Min solche Verwüstung angerichtet werden kann. [Auflistung der zerbombten Straßenzüge] Am Sonntag hörten wir von Westen her Geschützdonnern, doch scheinen nach den letzten Meldungen ja unsere Truppen die in ihrem Rücken gelandeten Truppen zu vernichten. Die Vorgänge dort in Holland brachten natürlich begreifliche Unruhe auch hier. Vielleicht tritt ja bald eine Wendung zum Guten ein, jedenfalls werden wir nicht von unserer Scholle weichen, haben wir uns vorgenommen und viele Nachbarn haben sich ebenso geäußert. Wohin sollten wir auch, es wird im Innern des Reiches ja übervoll von Flüchtlingen. Ich habe wie gesagt, auch immer noch die feste Zuversicht, daß es nicht so schlimm wird, wie viele Leute es voraussehen wollen. Wir sagen auch, daß wir unsere Pflicht tun wollen und damit zu unserm Teil am Gelingen beitragen. Augenblicklich wird "Arbeit" bei mir allerdings klein geschrieben. Scheinbar habe ich mich mit Aufräumungsarbeiten und Dachziegelschleppen bei Bekannten übernommen, jedenfalls habe ich gestern mit heftigen Kopf + Gliederschmerzen und Fieber im Bett gelegen, bin aber 6mal bei Alarm in den Keller gekrochen, mit dem Erfolg, daß das Fieber am Abend über 39 war. Heute ist es nun auf 365 gesunken, auch sind die Schmerzen besser, so bin ich am Mittag aufgestanden, habe nun aber ein gewisses Örtchen in Erbpacht. Wir haben deren zwei auf die wir drei Leutchen uns mit List und Tücken verteilen, denn meinen Eltern geht es darin wie mir. Denken Sie nicht, daß Pflaumenzeit ist, wir haben keine und diese Krankheit ist hier sehr verbreitet. Man geht nicht daran zu grunde [!], wird aber mächtig schlapp davon. Dies nur nebenbei und kein Grund zur Besorgnis! […] Auch wir wollen hart und zuversichtlich den kommenden Tagen entgegensehen. Es muß uns doch gelingen!", 20. Sept. 1944; "Nun liegen nur noch wenige freie Tage vor Ihnen bis zu Ihrer Rückkehr zum Dienst, zu den Kameraden und zum Fronteinsatz für das Vaterland und für uns alle in der Heimat. Ich wünsche Ihnen für Ihre neuen Aufgaben von Herzen alles Glück, mögen Sie gesund aus diesem Kampf zurückkehren! Bei allem Einsatz bleiben hoffentlich wie bisher mal Mußestunden, die dem eigenen Ich und der Geselligkeit im Kameradenkreis gehören. Wenn die[s] kleine Päckchen dann dazu beiträgt, Ihnen diese Stunden angenehm zu vertreiben, sollte es mich freuen! Die Spiele sind zwar nicht neu, ich habe sie schon einige Male gebraucht, was hoffentlich nicht schadet. Selbst bin ich aber auch noch damit versehen, das zu Ihrer Beruhigung.", 6. Okt. 1944; Wechsel vom Sie zum Du am 6. Okt. 1944; Alarm bei Abreise Oswald Stallmanns und seiner Schwester [Elisabeth Koch?] per Zug aus Osnabrück nach Minden: "denn den Angriff hat wohl Münster und später Dortmund bekommen nach Vaters Beurteilung. So freut man sich immer, wenn es mal wieder gut gegangen ist, das ist aber wirklich keine Schlechtigkeit und keine Schadenfreude sondern der reine Selbsterhaltungstrieb, der Wunsch verschont zu werden. […] Für die hübsche Brosche danke ich Dir noch sehr, sie gefällt mir gut, ich werde sie zur weißen Bluse und zwar oben am Kragen tragen, da wird sie sich gut machen.", 6. Okt. 1944; über die befreundete Familie Rost: "Die Familie hat außer einiger Kleidung, die im Keller war, am Schloßwall Donnerstag alles verloren. Heute, Montag, weiß ich nun auch schon, daß Du über das Wohl Deiner Schwester im Bilde bist. Eben war Deine Schwester hier bei meiner Mutter, während ich sie allerdings nicht traf, weil ich zur Haarwäsche war. Lach nicht, aber es war sehr nötig, denn wir haben am Donnerstag in Dreck und Qualm schwer gearbeitet und bis Sonnabend fehlten Wasser und Strom. Das Trümmerfeld ist größer geworden, ich habe noch nicht viel davon gesehen. Es war schrecklich, wie wir am Schloßwall dabeistanden und Rosts' Wohnung im 2. Stock Stück für Stück wegbrannte, weil kein Löschschlauch und keine Leiter da war und das Treppenhaus durch eine Sprengbombe eingestürzt war. Die vier Leutchen wohnen einstweilen bei uns. […] Einmal haben wir noch wieder Glück gehabt und ich bin dem Schicksal dankbar und will mit aller Kraft und Liebe den hartgetroffenen Freunden helfen ihr schweres Los zu tragen.", 16. Okt. 1944
Akten
Angaben zum entzogenen Vermögen
Sonstige Angaben
BZK-Nr.
Die Bundeszentralkartei (BZK) ist das zentrale Register des Bundes und der Länder zu den durchgeführten Entschädigungsverfahren. Bei der Aufnahme eines Verfahrens in die BZK wurde zur eindeutigen Identifizierung eine Nummer vergeben. Diese BZK-Nummer bezieht sich nicht auf eine Person, sondern auf ein Entschädigungsverfahren: Hat eine Person mehrere Ansprüche geltend gemacht (z.B. für sich selbst und für Angehörige), liegt im Normalfall für jedes Verfahren eine eigene BZK-Nummer vor. Häufig wurde als BZK-Nr. schlicht das Aktenzeichen der jeweiligen Entschädigungsbehörde übernommen.
Diese Nummer ist für eine Anfrage im entsprechenden Archiv wichtig.
Delikt nach NS-Justiz
Handlungen, die im Nationalsozialismus überhaupt erst kriminalisiert wurden (z.B. Heimtückegesetz, "Judenbegünstigung") oder die die NS-Justiz in verschärftem Maß verfolgte (z.B. Hochverrat).
Verfolgungsgrund
Die hier angegebenen Gründe orientieren sich am Wortlaut der in den Quellen genannten Verfolgungsgründe.
Rolle im Verfahren
„Verfolgte Person“ meint eine Person, die einen Entschädigungsanspruch für einen Schaden durch NS-Verfolgung geltend machte. Wenn der Antrag nicht von der verfolgten Person selbst, sondern von einer anderen Person gestellt wurde, so wird diese als „antragstellend“ angegeben und ihre Beziehung zur verfolgten Person, soweit vorhanden, vermerkt. In den Quellen wird die verfolgte Person mitunter als „Geschädigter“, die antragstellende Person als „Anspruchsberechtigter“ bezeichnet.
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Weitere Archivalien zu dieser Person über die Wiedergutmachung hinaus können Sie eventuell im Archivportal-D finden.
Nähere Angaben zum Verfolgungsgrund
Ergänzende oder spezifischere Angaben zu Mitgliedschaft, Gruppenzugehörigkeit bzw. Gruppenzuschreibung, die Anlass für die Verfolgung war.