Mauser (Bestand)
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Stadtarchiv Oberndorf am Neckar (Archivtektonik) >> Nichtamtliches Archivgut >> Parteien, Vereine, Verbände und Firmen
Geschichte des Bestandsbildners
Die Ursprünge des Rüstungsunternehmens Mauser liegen in der Entstehung der Königlich Württembergischen Gewehrfabrik in Oberndorf am Neckar. Das während der napoleonischen Kriege gegründete Königreich Württemberg entwickelte im Zusammenhang mit den eigenen Bündnisverpflichtungen zu Frankreich einen hohen Bedarf an Schuss- und Blankwaffen für seine neu gegründete Armee. Dazu bildete das seit seiner Säkularisierung im Jahr 1806 leerstehende und im Neckartal vor der Oberstadt Oberndorfs befindliche Augustinerkloster mit seinen für die Zeit sehr großen Räumlichkeiten einen idealen Ausgangspunkt für die Einrichtung einer Waffenfertigung. 1811 zogen mit einer württembergischen Ouvrier-Kompanie die ersten Militärhandwerker in die neue Fabrik ein und begannen im Folgejahr mit der Herstellung von Steinschlossmusketen und zugehörigen Bajonetten.
Mit der Ouvrier-Kompanie zog auch der gelernte Schuhmacher Andreas Mauser nach Oberndorf am Neckar. Zunächst mit der Herstellung von Lederscheiden für Blankwaffen betraut, erlernte Andreas Mauser schließlich auch das Handwerk des Büchsenmachers. Mit dem Ende der napoleonischen Kriege im Jahr 1818 wurde die Ouvrier-Kompanie aufgelöst und die Waffenproduktion auf einem geringeren Niveau aufrechterhalten. Andreas Mauser verblieb in Oberndorf am Neckar als Arbeiter der Gewehrfabrik. Nach Hochzeit mit seiner Ehefrau Maria Agnes am 20. September 1819 gründeten beide eine Familie, aus welcher insgesamt 13 Kinder hervorgingen. Unter den insgesamt 7 Söhnen befanden sich auch die Brüder Wilhelm (02.05.1834-13.01.1882) und Paul (27.06.1838-14.05.1914) Mauser, deren Lebenswerk besondere Auswirkungen auf sowohl die Stadt Oberndorf am Neckar als auch über zahlreiche Landesgrenzen hinaus entfalten sollte.
Nach Abschluss der Volksschule begannen beide Brüder eine Lehre in der Waffenfabrik, gefolgt vom Wehrdienst in der württembergischen Armee. Zurück in Oberndorf am Neckar verarbeiten Wilhelm und Paul ihre Erfahrungen in Büchsenmacherei und Militär mit der Entwicklung eigener Verschlusskonstruktionen für die in der Zeit verbreiteten Zündnadelgewehre. Alle Versuche der beiden Brüder ihre Erfindungen an die Kriegsministerien der deutschen Staaten zu verkaufen blieben jedoch ohne Erfolg. In Stuttgart wurde allerdings der amerikanische Vertreter der Firma Remington Samuel Norris auf ein dem österreichischem Botschafter ausgehändigtes Mustergewehr der Brüder Mauser aufmerksam und erkannte sofort die bestechende Einfachheit der Konstruktion mit dem zugleich besonders leistungsfähigen Zylinderverschluss. Am 13. September 1967 nahm Norris Kontakt mit den Brüdern in Oberndorf am Neckar auf, sicherte sich die Rechte an dem Verschlusssystem gegen eine Zahlung von 60.000 Francs und vereinbarte weitere Geschäftsbeziehungen mit den Brüdern. Wilhelm und Paul begleiteten Norris nach Lüttich um dort die Entwicklung und den Vertrieb des patronengestützten ”Mauser-Norris-Gewehrs“ voranzutreiben. Unklare Vertragsbestimmungen und ausbleibende Zahlungen führen allerdings zwischen Norris und den beiden Brüdern sowie der Firma Remington nach drei Jahren zu erheblichen Zerwürfnissen und endeten in einem vorzeitigen Abbruch der gemeinsamen Geschäftsbeziehungen. Wilhelm und Paul kehrten daraufhin mittellos nach Oberndorf am Neckar zurück, wo sie sich wieder eigenen Entwicklungen widmeten.
Die Kriegsereignisse um den Deutsch-Französischen Krieg zeigten trotz der Überlegenheit der verbündeten Streitkräfte der deutschen Staaten auch die Schwäche der Infanteriebewaffnung gegenüber dem französischen Chassepot-Gewehr. Das 1871 im Spiegelsaal von Versailles ausgerufene Deutsche Reich zeigte deswegen im unmittelbaren Ausgang des Krieges großes Interesse an der Einführung eines neuen Ordonnanzgewehres, welches die veralteten Zündnadelgewehre ablösen sollte. Die Brüder Mauser reichten daraufhin ihre eigenen Konstruktionsvorschläge in den Wettbewerb ein und konnten sich im Auswahlprozess schließlich gegenüber der Konkurrenz durchsetzen: Das von den Brüdern Mauser entwickelte Gewehr Mod. 71 wurde das erste Ordonnanzgewehr des Deutschen Reichs. Da die kleine Werkstatt der 1872 gegründeten Firma ”Gebrüder Wilhelm und Paul Mauser“ nicht ausreichte um einen Auftrag dieser Größenordnung abzufertigen, durften Brüder trotz raschem Ausbau ihrer Oberndorfer Produktionsverhältnisse durch Errichtung des sogenannten ”Oberen Werks“ nur einen kleinen Teil der Lieferung selbst herstellen. Der geringe Erlös durch den Auftrag zwang die Brüder Mauser zu einer Kreditaufnahme bei der Württembergischen Vereinsbank um 1874 die Königliche Württembergische Gewehrfabrik im ehemaligen Augustinerkloster zu erwerben und so ihre Kapazitäten zu erweitern. Durch Annahme eines Gesellschaftervertrages mit der Vereinsbank firmierte man nun unter der Bezeichnung ”Gebrüder Mauser & Cie“.
Die geringe Auftragslage aus dem Deutschen Reich zwang die Firma sehr früh in den Export zu gehen. Während Paul die Leitung über die Werksanlagen in Oberndorf am Neckar ausübte, ging sein Bruder Wilhelm auf Reisen um Aufträge zu gewinnen. Im Jahr 1881 gelang es ihm mit dem Königreich Serbien einen Liefervertrag über 120.000 Gewehre abzuschließen. Die langen und zähen Verhandlungen mit den serbischen Regierungsvertretern zogen sich über fast drei Jahre und hatten schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit von Wilhelm. Wieder in die Heimat zurückgekehrt, starb er bereits ein Jahr später im Alter von 47 Jahren. Paul Mauser übernahm in dieser Folge die gesamten Geschäfte der anschließend als ”Waffenfabrik Mauser“ bekannten Firma. Nach erfolgreichem Abschluss des Auftrags mit Serbien halten zahlreiche weitere Auslandsaufträge die Waffenfabrik finanziell über Wasser. Insbesondere ein Abkommen mit dem Osmanischen Reich über 500.000 Gewehre sicherte Mauser über viele Jahre die Auslastung der eigenen Produktionskapazitäten sowie langfristige Geschäftsbeziehungen zum Bosporus.
Trotz der vielversprechenden Entwicklung stieß die Württembergische Vereinsbank ihre Anteile an der Firma zwischenzeitlich aus unbekannten Gründen ab. Die Firma Ludwig Loewe & Co. Berlin wurde neuer Mehrheitseigentümer der Waffenfabrik Mauser und fügte damit dem Firmennamen den Zusatz ”AG“ hinzu.
Die Entdeckung des rauchlosen Pulvers führte im deutschen Militär zu der Entscheidung ein neues Ordonnanzgewehr unter Berücksichtigung der neuen und erheblich leistungsstärkeren Patronen einzuführen. Mit dem Gewehr Mod. 88 fiel die Wahl auf eine Waffe, an deren Entwicklung und Produktion die Firma Mauser in keiner Weise beteiligt war. Stattdessen erhielt die Firma Ludwig Loewe & Co. Berlin den Auftrag. Das Einbüßen des prestigeträchtigen Geschäfts mit dem deutschen Militär stellte für Paul Mauser zunächst einen erheblichen Rückschlag dar. Nach Auslieferung des neuen Gewehrs an die Truppe wurden allerdings technische Mängel am Mod. 88 offenbar. Waffensprengungen führten bei zahlreichen, bedienenden Schützen zu schweren Verletzungen. Die Probleme konnten auch mit Abänderungen der Waffe nicht zufriedenstellend gelöst werden, weswegen das deutsche Kriegsministerium schon bald auf die Einführung eines neuen Gewehrs hinwirkte. Im Jahr 1898 konnte sich Paul Mauser mit seinem eingereichten Muster durchsetzen. Mit der Einführung des Gewehrs Mod. 98 im deutschen Militär gelang der Firma Mauser sowohl in waffentechnischer als auch wirtschaftlicher Hinsicht der eigentliche Durchbruch. Das Gewehr Mod. 98 begleitete deutsche Truppen durch den Ersten Weltkrieg und bildete in weiterentwickelter Form als Karabiner 98k auch die Ordonnanzwaffe der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Das Verschlusssystem des Mod. 98 fand und findet sich zudem in zahllosen Varianten in Exportmodellen sowie auf dem Zivilmarkt im Bereich der Jagdwaffen wieder.
Zum 60. Betriebsjubiläum der Firma Mauser im Jahr 1912 erhielt Paul Mauser zur Auszeichnung seines Lebenswerks den Orden der Württembergischen Krone und wurde damit in den persönlichen und nicht vererbbaren Adelsstand erhoben. Zwei Jahre später, am 29. Mai 1914, verstarb Paul von Mauser im Alter von 76 Jahren. Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und den damit verbundenen Masseneinsatz seiner erfolgreichsten Erfindung erlebte er nicht mehr.
Der Kriegsausbruch sah zunächst den massiven Ausbau der Fabrikanlagen in Oberndorf am Neckar um den erhöhten Waffenbedarf zu bedienen und neue Entwicklungen voranzutreiben. Mit dem Waffenstillstand im Jahr 1918 und dem anschließenden Friedensvertrag von Versailles im Folgejahr, verband sich für die Firma Mauser der Zusammenbruch des eigentlichen Kerngeschäfts. Die Produktion von Kriegswaffen wurde durch die siegreichen Nationen unterbunden und lediglich Zivilmodelle durften weiter gefertigt werden. Mauser eröffnete vor diesem Hintergrund neue Geschäftszweige im Bereich der Rechenmaschinen- und Messwerkzeugherstellung. Außerdem versuchte sich Mauser in der Produktion von Automobilen und brachte dazu zwei verschiedene Modelle auf den Markt. Die neue Diversifizierung der Produktpalette ging mit einer erneuten Namensänderung einher. Die Bezeichnung ”Waffenfabrik Mauser AG“ entsprach nicht mehr den existierenden Gegebenheiten und man entschied sich deswegen im Jahr 1922 für den Namen ”Mauser-Werke AG“. Wirtschaftlich konnte Mauser mit seinen neuen Produkten allerdings nicht an den Erfolg des vorherigen Kerngeschäfts anknüpfen. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise verschlechterten die Situation weiter.
Der Beginn der nationalsozialistischen Diktatur im Jahr 1933 und die Ausrufung der Wehrmacht zwei Jahre später, führte die Mauser-Werke AG zurück in die Gewehrproduktion. Mit dem neuen Ordonnanzgewehr Karabiner 98k brachte Mauser seine nach produzierten Stückzahlen bemessene, erfolgreichste Waffe auf den Markt. Bis zu 11,5 Millionen Gewehre wurden bis 1945 für deutsche Soldaten und verbündete Nationen hergestellt.
Nach Kriegsende ließ die französische Besatzungsmacht die Gewehrproduktion aus Eigenbedarfsgründen noch für ein Jahr weiterlaufen und beschloss anschließend die vollständige Liquidation der Firma Mauser in Verbindung mit dem Abbau bzw. der Sprengung aller Werksanlagen. Lokale Einsprüche sowie die veränderte politische Lage führten im Jahr 1953 zum vorzeitigen Stopp des französischen Plans. Die wenigen verbliebenen Fabrikhallen wurden an die Mauser-Werke AG zurückgegeben. Obwohl Mauser nach kurzer Zeit wieder in die Waffenherstellung zurückkehrte, blieb der Firma der Wiedereinstieg in das (west-)deutsche Ordonnanzwaffengeschäft verwehrt. Dieses hatte die in Oberndorf am Neckar von ehemaligen Mauserangestellten neu gegründete Firma Heckler & Koch für sich gewinnen können. Mauser konzentrierte sich daraufhin auf vermehrt auf die Herstellung von Präzisions- und Jagdwaffen für den Polizei- und Zivilmarkt sowie auf Revolvermaschinenkanonen für die Bundeswehr.
1975 erfolgte die letzte Namensänderung hin zu ”Mauser-Werke Oberndorf GmbH“. Vier Jahre später übernahm die Diehl GmbH & Co. GmbH Nürnberg die Anteile an Mauser von der Industriewerke Karlsruhe-Augsburg AK (IWKA). 1995 wechselten die von Diehl gehaltenen Firmenanteile zu Rheinmetall. Mit der im Jahr 2004 vollzogenen Verschmelzung der Mauser-Werke Oberndorf GmbH, Buck Neue Technologien GmbH, Pyrotechnik Silberhütte GmbH und der NICO-Pyrotechnik Hanns-Jürgen Diederichs GmbH & Co. KG zur Rheinmetall Waffe Munition GmbH endete nach 132 Jahren die Existenz des Rüstungsunternehmens Mauser.
Bestandsgeschichte
Die vorliegenden Unterlagen wurden im Jahr 2005 in den Geschäftsräumen der Firma Rheinmetall Waffe Munition GmbH Niederlassung Oberndorf aufgefunden und dem Stadtarchiv Oberndorf am Neckar zur Übernahme angeboten. Bei den Dokumenten handelt es sich um Originalunterlagen der Firma Mauser, welche im Zuge der Verschmelzung des Unternehmens in den Besitz der Rheinmetall Waffe und Munition GmbH gelangt sind. Aufgrund von Personalwechseln und mangelnder Dokumentation lässt sich nicht mehr rekonstruieren, wer an diesem Prozess teilgenommen hat. Da ein Depositalvertrag beiderseitig nicht vorliegt, wird davon ausgegangen, dass die Unterlagen dem Stadtarchiv ohne gesonderte Vereinbarungen als Eigentum überlassen wurden. Bis zum Beginn seiner Erschließung im September und Oktober 2020 lagerte der Bestand in mehreren, offen stehenden Umzugskartons im Magazin des Stadtarchivs. Eine noch vorhandene vorarchivische Ordnung der Unterlagen konnte bei der ersten Begutachtung nicht festgestellt werden. Dem äußeren Erscheinungsbild nach waren die Akten und Geschäftsbücher schon zum Zwecke ihres Abtransports ins Magazin ohne Sicherstellung ihrer ehemaligen Ordnungszustands auf die Kartonagen verteilt worden.
Inhalt und innere Ordnung
Ein deutlicher, inhaltlicher Schwerpunkt des Bestandes bildet sich vor allem in der Überlieferung von Patentangelegenheiten aus dem Bereich der Rechen- und Addiermaschinen. Die Überlieferung vermag damit einen exemplarischen Einblick in die Bestrebungen des Unternehmens zu vermitteln seine Produktpalette in Geschäftsbereiche außerhalb des Rüstungswesens zu erweitern. Die Geschäftsbücher des Unternehmens reichen als weitere Dokumentengruppe von 1874 bis in die frühen dreißiger Jahre und behandeln vor allem Aspekte aus dem Rechnungs- und Personalwesen. Daneben existiert auch eine umfangreiche Überlieferung der geschäftlichen Korrespondenz der Gebrüder Mauser. Aus der Nachkriegszeit nach 1945 finden sich einzelne Akten zu den Bestrebungen der französischen Besatzungsmacht die Firma Mauser zu liquidieren sowie eine Reihe von Baugesuchen und Grundstücksgeschäften im Bestand. Darunter befindet sich auch die für die Stadtentwicklung sehr bedeutende Veräußerung des Augustinerklosters mitsamt der Klosterkirche von der Firma Mauser an die Stadt Oberndorf am Neckar als neuer Sitz der städtischen Verwaltung.
Dem Bestand gehören noch ca. 200 Fotografien aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an, die noch in Zukunft erschlossen und verzeichnet werden sollen. Darüber hinaus konnte im Oktober 2020 eine Holzkiste mit ca. 50 Glasplattennegativen aus der Provenienz Mauser innerhalb der Erschließungsrückstände des Stadtarchivs entdeckt werden. Es liegen keine Informationen vor bezüglich wann und von wem diese an das Archiv übergeben worden sind, bzw. welche Eigentumsverhältnisse hierbei vorliegen. Auch diese Stücke sollen in Zukunft dem Bestand hinzugefügt werden, sofern keine neu auftretenden Informationen hierzu Einwände erheben sollten.
Bis auf ein paar Mehrfachexemplare wurde der gesamte Bestand übernommen. Weitere Kassationen sind nicht vorgenommen worden.
Da keine vorhandene Ordnung mehr feststellbar war, wurde ein neues Klassifikationsschema entworfen, welches sich sowohl nach sachthematischen Aspekten als auch unternehmerischen Aufgabenbereichen gliedert. Aufgrund der überschaubaren Stückzahl, wurde für die Klassifikation eine Gliederung ausgewählt, die sich nur über drei Ebenen erstreckt. Im Regelfall wurde für jede Akte und jeden Band eine Verzeichnung gebildet. In seltenen Fällen mussten Akten allerdings aufgrund ihres Umfangs und damit zusammenhängender konservatorischer Bedenken in zwei Verzeichnungseinheiten aufgeteilt werden. Entsprechende Hinweise zu diesen Teilungen wurden den Verzeichnungen hinzugefügt.
Für die Verzeichnung wurde sich an den Grundsätzen von ISAD(G) orientiert. Für die Titelvergabe wurden die angebrachten Originaltitel gewählt. Im Falle von nicht beschrifteten Akten wurde ein neuer Titel aus den Inhalten der Betreffzeilen gebildet. Dies ist insbesondere bei den Patentakten der Fall. Zur Durchführung der Verzeichnung und zur anschließenden Ausgabe des Findbuchs wurde auf die Archivsoftware ACTApro der Firma Startext zurückgegriffen. Nach Stand Oktober 2020 besitzt der verzeichnete Bestand einen Umfang von ca. 13 lfm.
Zugangs- und Benutzungsbestimmungen
Für die Nutzung des Bestandes gelten die Bestimmungen des Landesarchivgesetzes von Baden-Württemberg (LArchG). Die nach Stand der geänderten Fassung vom 17. Dezember 2015 geltenden Schutzfristen wurden bei den Verzeichnungseinheiten eingetragen. Es steht zu erwarten, dass sich zukünftig weitere Nutzungsbeschränkungen in Hinsicht urheberrechtlicher und personenbezogener Belange für die Fotografien ergeben können, sobald diese für den Bestand erschlossen und verzeichnet worden sind.
Der Bestand ist überwiegend in deutscher Sprache gehalten und liegt sowohl in hand- als auch maschinenschriftlicher Form vor. Davon abweichend finden sich in den Akten bezüglich der versuchten Liquidation des Unternehmens und seiner Fabrikhallen sowie in den Patentangelegenheiten auch vereinzelte Dokumente in französischer, italienischer, schwedischer und englischer Sprache.
Durch ihre lange Lagerung waren die Akten sehr verstaubt und wurden deswegen während der Erschließung mithilfe eines Pinsels mechanisch gereinigt und anschließend in Jurismappen und Archivkartonagen umgebettet. Die Geschäftsbücher weisen kaum Bindeschäden auf und wurden nach ihrer Erschließung je nach Format entweder in liegender oder stehender Aufbewahrung in die Magazinregale eingereiht. Abgesehen von ein paar wenigen Rostfraßspuren, welche von den metallenen Bügeln der Schnellhefter herrührten, befinden sich die Akten in einem sehr guten Zustand. Die bereits aufgeführten Verzeichnungen können ohne besondere Hilfsmittel genutzt werden. Für die zukünftig noch zu erschließenden Glasplattennegative wird für die anschließende Nutzung die Verwendung von Baumwollhandschuhen notwendig sein.
Sachverwandte Unterlagen
Nach Kriegsende sind viele Unterlagen der Firma Mauser verlorengegangen. Kurz vor dem Einmarsch französischer Truppen nach Oberndorf am Neckar sollten mit dem sogenannten ”Mauser-Zug“ u. a. die Firmenunterlagen des Unternehmens nach Österreich abtransportiert werden. Sowohl der Zug als auch die noch in Oberndorf verbliebenden Dokumente fielen den alliierten Streitkräften in die Hände und wurden ins Ausland abtransportiert.
Auch der Verbleib des nach 1945 entstandenen Schriftguts ist überwiegend unklar. Die wenigen Überlieferungen zum Unternehmen befinden sich vor allem in Privathand. Ein Teil der Akten und Geschäftsbücher der Firma Mauser mit wehrtechnischen Inhalten sind in den Besitz des Autoren und Mauserexperten Jon Speed übergegangen, welcher im Jahr 2007 eine Veröffentlichung zu derartigen ”previously unpublished company documents“ herausbrachte. Darüber hinaus führt der Historiker Mauro Baudino ein eigenes Archiv mit Unterlagen des Unternehmens bis zum Jahr 1980 und aus dem persönlichen Besitz von Paul von Mauser. Die Mauro Baudino Collection steht interessierten Besuchern nach Voranmeldung offen. Abseits dieses Bestandes sind keine weiteren Überlieferungen aus öffentlichen Archiven bekannt, die Unterlagen von der Provenienz Mauser aus Oberndorf am Neckar bereithalten.
Simon Zimmermann, M.A.
Oberndorf am Neckar, 16.12.2021
Die Ursprünge des Rüstungsunternehmens Mauser liegen in der Entstehung der Königlich Württembergischen Gewehrfabrik in Oberndorf am Neckar. Das während der napoleonischen Kriege gegründete Königreich Württemberg entwickelte im Zusammenhang mit den eigenen Bündnisverpflichtungen zu Frankreich einen hohen Bedarf an Schuss- und Blankwaffen für seine neu gegründete Armee. Dazu bildete das seit seiner Säkularisierung im Jahr 1806 leerstehende und im Neckartal vor der Oberstadt Oberndorfs befindliche Augustinerkloster mit seinen für die Zeit sehr großen Räumlichkeiten einen idealen Ausgangspunkt für die Einrichtung einer Waffenfertigung. 1811 zogen mit einer württembergischen Ouvrier-Kompanie die ersten Militärhandwerker in die neue Fabrik ein und begannen im Folgejahr mit der Herstellung von Steinschlossmusketen und zugehörigen Bajonetten.
Mit der Ouvrier-Kompanie zog auch der gelernte Schuhmacher Andreas Mauser nach Oberndorf am Neckar. Zunächst mit der Herstellung von Lederscheiden für Blankwaffen betraut, erlernte Andreas Mauser schließlich auch das Handwerk des Büchsenmachers. Mit dem Ende der napoleonischen Kriege im Jahr 1818 wurde die Ouvrier-Kompanie aufgelöst und die Waffenproduktion auf einem geringeren Niveau aufrechterhalten. Andreas Mauser verblieb in Oberndorf am Neckar als Arbeiter der Gewehrfabrik. Nach Hochzeit mit seiner Ehefrau Maria Agnes am 20. September 1819 gründeten beide eine Familie, aus welcher insgesamt 13 Kinder hervorgingen. Unter den insgesamt 7 Söhnen befanden sich auch die Brüder Wilhelm (02.05.1834-13.01.1882) und Paul (27.06.1838-14.05.1914) Mauser, deren Lebenswerk besondere Auswirkungen auf sowohl die Stadt Oberndorf am Neckar als auch über zahlreiche Landesgrenzen hinaus entfalten sollte.
Nach Abschluss der Volksschule begannen beide Brüder eine Lehre in der Waffenfabrik, gefolgt vom Wehrdienst in der württembergischen Armee. Zurück in Oberndorf am Neckar verarbeiten Wilhelm und Paul ihre Erfahrungen in Büchsenmacherei und Militär mit der Entwicklung eigener Verschlusskonstruktionen für die in der Zeit verbreiteten Zündnadelgewehre. Alle Versuche der beiden Brüder ihre Erfindungen an die Kriegsministerien der deutschen Staaten zu verkaufen blieben jedoch ohne Erfolg. In Stuttgart wurde allerdings der amerikanische Vertreter der Firma Remington Samuel Norris auf ein dem österreichischem Botschafter ausgehändigtes Mustergewehr der Brüder Mauser aufmerksam und erkannte sofort die bestechende Einfachheit der Konstruktion mit dem zugleich besonders leistungsfähigen Zylinderverschluss. Am 13. September 1967 nahm Norris Kontakt mit den Brüdern in Oberndorf am Neckar auf, sicherte sich die Rechte an dem Verschlusssystem gegen eine Zahlung von 60.000 Francs und vereinbarte weitere Geschäftsbeziehungen mit den Brüdern. Wilhelm und Paul begleiteten Norris nach Lüttich um dort die Entwicklung und den Vertrieb des patronengestützten ”Mauser-Norris-Gewehrs“ voranzutreiben. Unklare Vertragsbestimmungen und ausbleibende Zahlungen führen allerdings zwischen Norris und den beiden Brüdern sowie der Firma Remington nach drei Jahren zu erheblichen Zerwürfnissen und endeten in einem vorzeitigen Abbruch der gemeinsamen Geschäftsbeziehungen. Wilhelm und Paul kehrten daraufhin mittellos nach Oberndorf am Neckar zurück, wo sie sich wieder eigenen Entwicklungen widmeten.
Die Kriegsereignisse um den Deutsch-Französischen Krieg zeigten trotz der Überlegenheit der verbündeten Streitkräfte der deutschen Staaten auch die Schwäche der Infanteriebewaffnung gegenüber dem französischen Chassepot-Gewehr. Das 1871 im Spiegelsaal von Versailles ausgerufene Deutsche Reich zeigte deswegen im unmittelbaren Ausgang des Krieges großes Interesse an der Einführung eines neuen Ordonnanzgewehres, welches die veralteten Zündnadelgewehre ablösen sollte. Die Brüder Mauser reichten daraufhin ihre eigenen Konstruktionsvorschläge in den Wettbewerb ein und konnten sich im Auswahlprozess schließlich gegenüber der Konkurrenz durchsetzen: Das von den Brüdern Mauser entwickelte Gewehr Mod. 71 wurde das erste Ordonnanzgewehr des Deutschen Reichs. Da die kleine Werkstatt der 1872 gegründeten Firma ”Gebrüder Wilhelm und Paul Mauser“ nicht ausreichte um einen Auftrag dieser Größenordnung abzufertigen, durften Brüder trotz raschem Ausbau ihrer Oberndorfer Produktionsverhältnisse durch Errichtung des sogenannten ”Oberen Werks“ nur einen kleinen Teil der Lieferung selbst herstellen. Der geringe Erlös durch den Auftrag zwang die Brüder Mauser zu einer Kreditaufnahme bei der Württembergischen Vereinsbank um 1874 die Königliche Württembergische Gewehrfabrik im ehemaligen Augustinerkloster zu erwerben und so ihre Kapazitäten zu erweitern. Durch Annahme eines Gesellschaftervertrages mit der Vereinsbank firmierte man nun unter der Bezeichnung ”Gebrüder Mauser & Cie“.
Die geringe Auftragslage aus dem Deutschen Reich zwang die Firma sehr früh in den Export zu gehen. Während Paul die Leitung über die Werksanlagen in Oberndorf am Neckar ausübte, ging sein Bruder Wilhelm auf Reisen um Aufträge zu gewinnen. Im Jahr 1881 gelang es ihm mit dem Königreich Serbien einen Liefervertrag über 120.000 Gewehre abzuschließen. Die langen und zähen Verhandlungen mit den serbischen Regierungsvertretern zogen sich über fast drei Jahre und hatten schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit von Wilhelm. Wieder in die Heimat zurückgekehrt, starb er bereits ein Jahr später im Alter von 47 Jahren. Paul Mauser übernahm in dieser Folge die gesamten Geschäfte der anschließend als ”Waffenfabrik Mauser“ bekannten Firma. Nach erfolgreichem Abschluss des Auftrags mit Serbien halten zahlreiche weitere Auslandsaufträge die Waffenfabrik finanziell über Wasser. Insbesondere ein Abkommen mit dem Osmanischen Reich über 500.000 Gewehre sicherte Mauser über viele Jahre die Auslastung der eigenen Produktionskapazitäten sowie langfristige Geschäftsbeziehungen zum Bosporus.
Trotz der vielversprechenden Entwicklung stieß die Württembergische Vereinsbank ihre Anteile an der Firma zwischenzeitlich aus unbekannten Gründen ab. Die Firma Ludwig Loewe & Co. Berlin wurde neuer Mehrheitseigentümer der Waffenfabrik Mauser und fügte damit dem Firmennamen den Zusatz ”AG“ hinzu.
Die Entdeckung des rauchlosen Pulvers führte im deutschen Militär zu der Entscheidung ein neues Ordonnanzgewehr unter Berücksichtigung der neuen und erheblich leistungsstärkeren Patronen einzuführen. Mit dem Gewehr Mod. 88 fiel die Wahl auf eine Waffe, an deren Entwicklung und Produktion die Firma Mauser in keiner Weise beteiligt war. Stattdessen erhielt die Firma Ludwig Loewe & Co. Berlin den Auftrag. Das Einbüßen des prestigeträchtigen Geschäfts mit dem deutschen Militär stellte für Paul Mauser zunächst einen erheblichen Rückschlag dar. Nach Auslieferung des neuen Gewehrs an die Truppe wurden allerdings technische Mängel am Mod. 88 offenbar. Waffensprengungen führten bei zahlreichen, bedienenden Schützen zu schweren Verletzungen. Die Probleme konnten auch mit Abänderungen der Waffe nicht zufriedenstellend gelöst werden, weswegen das deutsche Kriegsministerium schon bald auf die Einführung eines neuen Gewehrs hinwirkte. Im Jahr 1898 konnte sich Paul Mauser mit seinem eingereichten Muster durchsetzen. Mit der Einführung des Gewehrs Mod. 98 im deutschen Militär gelang der Firma Mauser sowohl in waffentechnischer als auch wirtschaftlicher Hinsicht der eigentliche Durchbruch. Das Gewehr Mod. 98 begleitete deutsche Truppen durch den Ersten Weltkrieg und bildete in weiterentwickelter Form als Karabiner 98k auch die Ordonnanzwaffe der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Das Verschlusssystem des Mod. 98 fand und findet sich zudem in zahllosen Varianten in Exportmodellen sowie auf dem Zivilmarkt im Bereich der Jagdwaffen wieder.
Zum 60. Betriebsjubiläum der Firma Mauser im Jahr 1912 erhielt Paul Mauser zur Auszeichnung seines Lebenswerks den Orden der Württembergischen Krone und wurde damit in den persönlichen und nicht vererbbaren Adelsstand erhoben. Zwei Jahre später, am 29. Mai 1914, verstarb Paul von Mauser im Alter von 76 Jahren. Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und den damit verbundenen Masseneinsatz seiner erfolgreichsten Erfindung erlebte er nicht mehr.
Der Kriegsausbruch sah zunächst den massiven Ausbau der Fabrikanlagen in Oberndorf am Neckar um den erhöhten Waffenbedarf zu bedienen und neue Entwicklungen voranzutreiben. Mit dem Waffenstillstand im Jahr 1918 und dem anschließenden Friedensvertrag von Versailles im Folgejahr, verband sich für die Firma Mauser der Zusammenbruch des eigentlichen Kerngeschäfts. Die Produktion von Kriegswaffen wurde durch die siegreichen Nationen unterbunden und lediglich Zivilmodelle durften weiter gefertigt werden. Mauser eröffnete vor diesem Hintergrund neue Geschäftszweige im Bereich der Rechenmaschinen- und Messwerkzeugherstellung. Außerdem versuchte sich Mauser in der Produktion von Automobilen und brachte dazu zwei verschiedene Modelle auf den Markt. Die neue Diversifizierung der Produktpalette ging mit einer erneuten Namensänderung einher. Die Bezeichnung ”Waffenfabrik Mauser AG“ entsprach nicht mehr den existierenden Gegebenheiten und man entschied sich deswegen im Jahr 1922 für den Namen ”Mauser-Werke AG“. Wirtschaftlich konnte Mauser mit seinen neuen Produkten allerdings nicht an den Erfolg des vorherigen Kerngeschäfts anknüpfen. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise verschlechterten die Situation weiter.
Der Beginn der nationalsozialistischen Diktatur im Jahr 1933 und die Ausrufung der Wehrmacht zwei Jahre später, führte die Mauser-Werke AG zurück in die Gewehrproduktion. Mit dem neuen Ordonnanzgewehr Karabiner 98k brachte Mauser seine nach produzierten Stückzahlen bemessene, erfolgreichste Waffe auf den Markt. Bis zu 11,5 Millionen Gewehre wurden bis 1945 für deutsche Soldaten und verbündete Nationen hergestellt.
Nach Kriegsende ließ die französische Besatzungsmacht die Gewehrproduktion aus Eigenbedarfsgründen noch für ein Jahr weiterlaufen und beschloss anschließend die vollständige Liquidation der Firma Mauser in Verbindung mit dem Abbau bzw. der Sprengung aller Werksanlagen. Lokale Einsprüche sowie die veränderte politische Lage führten im Jahr 1953 zum vorzeitigen Stopp des französischen Plans. Die wenigen verbliebenen Fabrikhallen wurden an die Mauser-Werke AG zurückgegeben. Obwohl Mauser nach kurzer Zeit wieder in die Waffenherstellung zurückkehrte, blieb der Firma der Wiedereinstieg in das (west-)deutsche Ordonnanzwaffengeschäft verwehrt. Dieses hatte die in Oberndorf am Neckar von ehemaligen Mauserangestellten neu gegründete Firma Heckler & Koch für sich gewinnen können. Mauser konzentrierte sich daraufhin auf vermehrt auf die Herstellung von Präzisions- und Jagdwaffen für den Polizei- und Zivilmarkt sowie auf Revolvermaschinenkanonen für die Bundeswehr.
1975 erfolgte die letzte Namensänderung hin zu ”Mauser-Werke Oberndorf GmbH“. Vier Jahre später übernahm die Diehl GmbH & Co. GmbH Nürnberg die Anteile an Mauser von der Industriewerke Karlsruhe-Augsburg AK (IWKA). 1995 wechselten die von Diehl gehaltenen Firmenanteile zu Rheinmetall. Mit der im Jahr 2004 vollzogenen Verschmelzung der Mauser-Werke Oberndorf GmbH, Buck Neue Technologien GmbH, Pyrotechnik Silberhütte GmbH und der NICO-Pyrotechnik Hanns-Jürgen Diederichs GmbH & Co. KG zur Rheinmetall Waffe Munition GmbH endete nach 132 Jahren die Existenz des Rüstungsunternehmens Mauser.
Bestandsgeschichte
Die vorliegenden Unterlagen wurden im Jahr 2005 in den Geschäftsräumen der Firma Rheinmetall Waffe Munition GmbH Niederlassung Oberndorf aufgefunden und dem Stadtarchiv Oberndorf am Neckar zur Übernahme angeboten. Bei den Dokumenten handelt es sich um Originalunterlagen der Firma Mauser, welche im Zuge der Verschmelzung des Unternehmens in den Besitz der Rheinmetall Waffe und Munition GmbH gelangt sind. Aufgrund von Personalwechseln und mangelnder Dokumentation lässt sich nicht mehr rekonstruieren, wer an diesem Prozess teilgenommen hat. Da ein Depositalvertrag beiderseitig nicht vorliegt, wird davon ausgegangen, dass die Unterlagen dem Stadtarchiv ohne gesonderte Vereinbarungen als Eigentum überlassen wurden. Bis zum Beginn seiner Erschließung im September und Oktober 2020 lagerte der Bestand in mehreren, offen stehenden Umzugskartons im Magazin des Stadtarchivs. Eine noch vorhandene vorarchivische Ordnung der Unterlagen konnte bei der ersten Begutachtung nicht festgestellt werden. Dem äußeren Erscheinungsbild nach waren die Akten und Geschäftsbücher schon zum Zwecke ihres Abtransports ins Magazin ohne Sicherstellung ihrer ehemaligen Ordnungszustands auf die Kartonagen verteilt worden.
Inhalt und innere Ordnung
Ein deutlicher, inhaltlicher Schwerpunkt des Bestandes bildet sich vor allem in der Überlieferung von Patentangelegenheiten aus dem Bereich der Rechen- und Addiermaschinen. Die Überlieferung vermag damit einen exemplarischen Einblick in die Bestrebungen des Unternehmens zu vermitteln seine Produktpalette in Geschäftsbereiche außerhalb des Rüstungswesens zu erweitern. Die Geschäftsbücher des Unternehmens reichen als weitere Dokumentengruppe von 1874 bis in die frühen dreißiger Jahre und behandeln vor allem Aspekte aus dem Rechnungs- und Personalwesen. Daneben existiert auch eine umfangreiche Überlieferung der geschäftlichen Korrespondenz der Gebrüder Mauser. Aus der Nachkriegszeit nach 1945 finden sich einzelne Akten zu den Bestrebungen der französischen Besatzungsmacht die Firma Mauser zu liquidieren sowie eine Reihe von Baugesuchen und Grundstücksgeschäften im Bestand. Darunter befindet sich auch die für die Stadtentwicklung sehr bedeutende Veräußerung des Augustinerklosters mitsamt der Klosterkirche von der Firma Mauser an die Stadt Oberndorf am Neckar als neuer Sitz der städtischen Verwaltung.
Dem Bestand gehören noch ca. 200 Fotografien aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an, die noch in Zukunft erschlossen und verzeichnet werden sollen. Darüber hinaus konnte im Oktober 2020 eine Holzkiste mit ca. 50 Glasplattennegativen aus der Provenienz Mauser innerhalb der Erschließungsrückstände des Stadtarchivs entdeckt werden. Es liegen keine Informationen vor bezüglich wann und von wem diese an das Archiv übergeben worden sind, bzw. welche Eigentumsverhältnisse hierbei vorliegen. Auch diese Stücke sollen in Zukunft dem Bestand hinzugefügt werden, sofern keine neu auftretenden Informationen hierzu Einwände erheben sollten.
Bis auf ein paar Mehrfachexemplare wurde der gesamte Bestand übernommen. Weitere Kassationen sind nicht vorgenommen worden.
Da keine vorhandene Ordnung mehr feststellbar war, wurde ein neues Klassifikationsschema entworfen, welches sich sowohl nach sachthematischen Aspekten als auch unternehmerischen Aufgabenbereichen gliedert. Aufgrund der überschaubaren Stückzahl, wurde für die Klassifikation eine Gliederung ausgewählt, die sich nur über drei Ebenen erstreckt. Im Regelfall wurde für jede Akte und jeden Band eine Verzeichnung gebildet. In seltenen Fällen mussten Akten allerdings aufgrund ihres Umfangs und damit zusammenhängender konservatorischer Bedenken in zwei Verzeichnungseinheiten aufgeteilt werden. Entsprechende Hinweise zu diesen Teilungen wurden den Verzeichnungen hinzugefügt.
Für die Verzeichnung wurde sich an den Grundsätzen von ISAD(G) orientiert. Für die Titelvergabe wurden die angebrachten Originaltitel gewählt. Im Falle von nicht beschrifteten Akten wurde ein neuer Titel aus den Inhalten der Betreffzeilen gebildet. Dies ist insbesondere bei den Patentakten der Fall. Zur Durchführung der Verzeichnung und zur anschließenden Ausgabe des Findbuchs wurde auf die Archivsoftware ACTApro der Firma Startext zurückgegriffen. Nach Stand Oktober 2020 besitzt der verzeichnete Bestand einen Umfang von ca. 13 lfm.
Zugangs- und Benutzungsbestimmungen
Für die Nutzung des Bestandes gelten die Bestimmungen des Landesarchivgesetzes von Baden-Württemberg (LArchG). Die nach Stand der geänderten Fassung vom 17. Dezember 2015 geltenden Schutzfristen wurden bei den Verzeichnungseinheiten eingetragen. Es steht zu erwarten, dass sich zukünftig weitere Nutzungsbeschränkungen in Hinsicht urheberrechtlicher und personenbezogener Belange für die Fotografien ergeben können, sobald diese für den Bestand erschlossen und verzeichnet worden sind.
Der Bestand ist überwiegend in deutscher Sprache gehalten und liegt sowohl in hand- als auch maschinenschriftlicher Form vor. Davon abweichend finden sich in den Akten bezüglich der versuchten Liquidation des Unternehmens und seiner Fabrikhallen sowie in den Patentangelegenheiten auch vereinzelte Dokumente in französischer, italienischer, schwedischer und englischer Sprache.
Durch ihre lange Lagerung waren die Akten sehr verstaubt und wurden deswegen während der Erschließung mithilfe eines Pinsels mechanisch gereinigt und anschließend in Jurismappen und Archivkartonagen umgebettet. Die Geschäftsbücher weisen kaum Bindeschäden auf und wurden nach ihrer Erschließung je nach Format entweder in liegender oder stehender Aufbewahrung in die Magazinregale eingereiht. Abgesehen von ein paar wenigen Rostfraßspuren, welche von den metallenen Bügeln der Schnellhefter herrührten, befinden sich die Akten in einem sehr guten Zustand. Die bereits aufgeführten Verzeichnungen können ohne besondere Hilfsmittel genutzt werden. Für die zukünftig noch zu erschließenden Glasplattennegative wird für die anschließende Nutzung die Verwendung von Baumwollhandschuhen notwendig sein.
Sachverwandte Unterlagen
Nach Kriegsende sind viele Unterlagen der Firma Mauser verlorengegangen. Kurz vor dem Einmarsch französischer Truppen nach Oberndorf am Neckar sollten mit dem sogenannten ”Mauser-Zug“ u. a. die Firmenunterlagen des Unternehmens nach Österreich abtransportiert werden. Sowohl der Zug als auch die noch in Oberndorf verbliebenden Dokumente fielen den alliierten Streitkräften in die Hände und wurden ins Ausland abtransportiert.
Auch der Verbleib des nach 1945 entstandenen Schriftguts ist überwiegend unklar. Die wenigen Überlieferungen zum Unternehmen befinden sich vor allem in Privathand. Ein Teil der Akten und Geschäftsbücher der Firma Mauser mit wehrtechnischen Inhalten sind in den Besitz des Autoren und Mauserexperten Jon Speed übergegangen, welcher im Jahr 2007 eine Veröffentlichung zu derartigen ”previously unpublished company documents“ herausbrachte. Darüber hinaus führt der Historiker Mauro Baudino ein eigenes Archiv mit Unterlagen des Unternehmens bis zum Jahr 1980 und aus dem persönlichen Besitz von Paul von Mauser. Die Mauro Baudino Collection steht interessierten Besuchern nach Voranmeldung offen. Abseits dieses Bestandes sind keine weiteren Überlieferungen aus öffentlichen Archiven bekannt, die Unterlagen von der Provenienz Mauser aus Oberndorf am Neckar bereithalten.
Simon Zimmermann, M.A.
Oberndorf am Neckar, 16.12.2021
Bestand
Angaben zum entzogenen Vermögen
Weitere Angaben
BZK-Nr.
Die Bundeszentralkartei (BZK) ist das zentrale Register des Bundes und der Länder zu den durchgeführten Entschädigungsverfahren. Bei der Aufnahme eines Verfahrens in die BZK wurde zur eindeutigen Identifizierung eine Nummer vergeben. Diese BZK-Nummer bezieht sich nicht auf eine Person, sondern auf ein Entschädigungsverfahren: Hat eine Person mehrere Ansprüche geltend gemacht (z.B. für sich selbst und für Angehörige), liegt im Normalfall für jedes Verfahren eine eigene BZK-Nummer vor. Häufig wurde als BZK-Nr. schlicht das Aktenzeichen der jeweiligen Entschädigungsbehörde übernommen.
Diese Nummer ist für eine Anfrage im entsprechenden Archiv wichtig.
Diese Nummer ist für eine Anfrage im entsprechenden Archiv wichtig.
Delikt nach NS-Justiz
Handlungen, die im Nationalsozialismus überhaupt erst kriminalisiert wurden (z.B. Heimtückegesetz, "Judenbegünstigung") oder die die NS-Justiz in verschärftem Maß verfolgte (z.B. Hochverrat).
Verfolgungsgrund
Die hier angegebenen Gründe orientieren sich am Wortlaut der in den Quellen genannten Verfolgungsgründe.
Rolle im Verfahren
„Verfolgt“ meint eine Person oder Organisation, die im Nationalsozialismus verfolgt wurde. Sie konnte im Rahmen der Wiedergutmachung Entschädigung oder Rückerstattung beantragen. Wenn der Antrag nicht von dem oder der Verfolgten selbst, sondern von einer anderen Person (zum Beispiel dem Sohn oder der Tochter) oder einer Organisation gestellt wurde, so wird diese als „antragstellend“ bezeichnet und ihre Beziehung zu dem oder der Verfolgten soweit bekannt vermerkt. In den Quellen wird für die Verfolgten auch der Begriff „Geschädigte“ und für die Antragstellenden der Begriff „Anspruchsberechtigte“ verwendet.
Suche im Archivportal-D
Weitere Archivalien zu dieser Person oder Organisation über die Wiedergutmachung hinaus können Sie eventuell im Archivportal-D finden.
Nähere Angaben zum Verfolgungsgrund
Ergänzende oder spezifischere Angaben zu Mitgliedschaft, Gruppenzugehörigkeit bzw. Gruppenzuschreibung, die Anlass für die Verfolgung war.
10.06.2025, 08:12 MESZ