Des Teufels Regisseur - Veit Harlan und die juristische Bewältigung von Kunst unter dem Hakenkreuz

Verzeichnungsstufe:
Archivale
Archivaliensignatur:
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, R 20/005 23 A130081/103
Alt-/Vorsignatur:
J 25_R023_133
468
Kontext:
J 25 Sammlung Knilli: Ton- und Filmdokumente >> Tondokumente >> Tondokumente zum Film "Jud Süß"
Laufzeit:
1998
Enthältvermerke:
Enthält:
Tonmitschnitt
"Jud Süss" bot alles, was die NS-Propaganda brauchte: ausgefeilte Technik, eine melodramatische Liebesgeschichte und antisemitische Feindbilder - zusammen ein unheilvolles Gemisch aus Gewalt und Faszination. Regie führte die Symbolfigur des Unterhaltungskinos im NS-Staat, der Schauspieler und Goebbels-Liebling Veit Harlan.
Harlan erzählt in seinem am 5. September 1940 während der Internationalen Filmfestspiele in Venedig uraufgeführten Film die Geschichte des Juden Joseph Süss Oppenheimer, der im 18. Jahrhundert einen deutschen Fürsten zum Luxus verführt, um sich in die ständische Gesellschaft einzuschleichen.
In der Titelrolle Ferdinand Marian als Typus des finsteren, verschlagenen Juden, der laut NS-Ideologie eine Gefahr für Leib und Seele der Volksgemeinschaft darstellt. Ihm gegenüber Kristina Söderbaum, Harlans Ehefrau, die wie keine andere das Bild der arischen Frau verkörpert: blond, blauäugig und von nordischer Rasse.
So endet einer der bekanntesten Spielfilme des Nationalsozialismus: Joseph Süss Oppenheimer, der Finanzberater des Württembergischen Herzogs, wird vom Gericht der Landstände zum Tode verurteilt.
In der Presse durfte das judenfeindliche Machwerk nicht als "antisemitisch" bezeichnet werden. Das Verbot machte durchaus Sinn, denn der Film gibt vor, auf historischen Tatsachen zu beruhen, und viele Kinobesucher glaubten damals, dass sich die Geschichte des Joseph Süss Oppenheimer so zugetragen habe wie in Harlans Film.
Doch dieser verfälschte die Historie aufs Gröbste. Und auch mit Lion Feuchtwangers gleichnamigen Roman "Jud Süß" aus dem Jahre 1925 hatte Harlans Film keinerlei Ähnlichkeit. Harlan bediente sich nur der Elemente, die sich nahtlos in die antisemitische Propaganda des NS-Staates einfügen ließen. Zu denen, die damals im September 1940 "Jud Süss" im Kino sahen, gehörte auch der Journalist und Buchautor Ralph Giordano:
"Ich erinnere mich genau, wie zerschmettert ich aus diesem Kino herauskam. Aber was dann passierte, ist das eigentliche, was unverwindbar, unvergessen ist. Einer meiner Freunde, eigentlich den, den ich als den besten bezeichnet habe, der schwieg, als wir nach Hause gingen. Und es war irgendwie ein bedrückendes, unheilvolles Schweigen. Und dann hat er einen Satz ausgesprochen, der mich wirklich tief getroffen hat. Er sagte: 'Irgendetwas muss doch dran sein!'"
Für den nationalsozialistische Prestige- und Propagandastreifen "Jud Süss" erhielt Harlan von Goebbels nahezu unbegrenzte Mittel. In polnischen und tschechischen Ghettos durfte er sogar persönlich jüdische Komparsen aussuchen - und das in Zusammenarbeit mit dem Reichssicherheitshauptamt eines Adolf Eichmann.
"Meine Partei ist die Kunst, meine Politik heißt Vaterlandsliebe", hatte Harlan immer wieder beteuert. Gleichwohl dienten seine Filme politischen Zwecken. Dass er sich damit in NS-Verbrechen verstrickte, hat Harlan offensichtlich nie richtig begriffen. Von einem Unrechts- oder Schuldbewusstsein keine Spur. Sein beruflicher Ehrgeiz tat ein Übriges.
Der Regisseur Helmut Käutner: "Ich weiß von Harlan von langen Debatten nach dem Kriege, ich habe ihn vorher nicht gekannt, ich habe ihn ein-, zweimal gesehen. Und nach dem Kriege dachte ich, es ist meine Pflicht und nunmehr auch mein Recht, mich mit ihm zu unterhalten, warum er das gemacht hat. Und warum ein Mann, der ein so großer Künstler ist, eine solche niedere Gesinnung hat und wie das vereinbar ist. Und da ist mir völlig klar geworden, dass Harlan um seiner Karriere willen, etwas wichtiges, er wollte der wichtigste, der größte Mann in Europa sein auf dem Sektor des Films. Und da hat er nun zugegriffen und nun rücksichtslos alle Mittel eingesetzt."
Am 3. März 1949 eröffnete das Hamburger Landgericht den Prozess gegen ihn. Veit Harlan musste sich wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Er wurde beschuldigt, als psychologischer Wegbereiter der Judenvernichtung gewirkt zu haben. Den Einsatzkommandos in Osteuropa wurde ja vor ihren Erschießungsaktionen "Jud Süss" ebenso vorgeführt wie den Wachmannschaften der SS in den Konzentrations- und Vernichtungslagern.
Nach 52 Prozesstagen und zahllosen Zeugenvernehmungen wurde Harlan im April 1949 freigesprochen. Das Urteil wurde ein Jahr später im Revisionsprozess sogar mit dem Zusatz bestätigt, Harlan habe die Arbeit an "Jud Süss" "aus einem inneren Befehlsnotstand heraus begonnen".
Autor: Michael Marek
Umfang:
0'48
Archivalientyp:
AV-Materialien
Sonstige Erschließungsangaben:
Herkunft: Sammlung Knilli

Bild-/Tonträger: Kopie von Kompaktkassette
Digitalisat im Angebot des Archivs:
kein Digitalisat verfügbar
Bestand:
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, R 20/005 23 J 25 Sammlung Knilli: Ton- und Filmdokumente
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