Nachlass Immanuel Herrmann, Kriegsminister, Universitätsprofessor, SPD-Politiker (* 1870, + 1945) (Bestand)

Verzeichnungsstufe:
Bestand
Bestandssignatur:
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Q 1/38
Kontext:
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Archivtektonik) >> Nachlässe, Verbands- und Familienarchive >> Politische Nachlässe
Bestandslaufzeit:
1872-1945 (1987)
Bestandsbeschreibung:
Inhalt und Bewertung

Herrmann, Immanuel (29.07.1870 - 22.05.1945), Elektroingenieur; 1901-1933 Professor für Elektrotechnik an der Technischen Hochschule Stuttgart, im Ersten Weltkrieg technischer Offizier in Flandern, 1919 letzter württembergischer Kriegsminister; Vorsitzender des württembergischen Freidenker- und Monistenbundes, Vorstandsmitglied der deutschen Friedensgesellschaft
Enthält: Persönliche Papiere; biographische Aufzeichnungen und Zeitungsartikel über Immanuel Herrmann; Manuskripte und Drucke von Veröffentlichungen Herrmanns über Weltanschauungsfragen, Religion, Politik, Technik, Mathematik, Wirtschaft; Zeitungsausschnittsammlung zum Ersten Weltkrieg, private Korrespondenzen, Manuskripte von politischen Reden, Fotos

1. Zur Biographie Immanuel Herrmanns: Immanuel Herrmann wurde am 29. Juli 1870 in Rommelshausen bei Waiblingen als Sohn des Lehrers Jakob Herrmann geboren. Er legte das Landexamen ab, besuchte die evangelisch-theologischen Seminare in Schöntal und Urach und studierte als Angehöriger des Evangelischen Stifts in Tübingen Theologie. Rationalistische Zweifel unter dem Einfluss von David Friedrich Strauß und Ludwig Feuerbach veranlassten ihn, nach dem Examen im Sommer 1892 und einjährigem Militärdienst seine theologische Laufbahn aufzugeben. Eine Zeitlang soll er - nach der späteren Erinnerung seines Sohnes - Redakteur bei der sozialdemokratischen Zeitung "Münchner Post" gewesen sein (Bü 9). Dann entschloss sich Herrmann, dessen mathematische Ausnahmebegabung schon in der Schule aufgefallen war, zu einer zweiten Ausbildung: Er studierte 1894 - 1898 an der Technischen Hochschule in Stuttgart Maschinenbau und Elektrotechnik. Nach einer etwa einjährigen Assistententätigkeit in Stuttgart wurde er Elektroingenieur an der Zentralstelle für wissenschaftlich-technische Untersuchungen in Neubabelsberg bei Berlin. Aber schon 1901 erhielt er eine außerordentliche, später eine ordentliche Professur für Elektrotechnik an der Technischen Hochschule in Stuttgart. Er spezialisierte sich auf die damals neuen Gebiete der Fernmeldetechnik: die Telegraphie, Telephonie und schließlich die Radiotechnik. Im Ersten Weltkrieg wurde Herrmann als technischer Offizier in Flandern eingesetzt. Die Kriegserlebnisse veranlassten ihn, sich den Ideen des friedlichen Fortschritts, des Pazifismus und des Sozialismus zu nähern und sie immer entschiedener zu verfechten. Nach der Novemberrevolution schloss er sich der Sozialdemokratie an und wurde im Januar 1919 in den Landtag gewählt. Am 15. Januar 1919 berief ihn der sozialdemokratische Ministerpräsident Blos als Kriegsminister in sein Kabinett, ein Amt, dessen Aufgabe Herrmann vor allem in der Demobilisierung sah. Das Bündnis mit rechten Kräften gegen die radikale Linke und vor allem der Einsatz württembergischer Truppen gegen die Münchener Räteregierung widersprach der politischen Auffassung Herrmanns. Nach Konflikten innerhalb der Regierung trat er am 28. Juni 1919 zurück, ohne einen Nachfolger zu erhalten. Wilhelm Keil charakterisiert in seinen "Erlebnissen eines Sozialdemokraten", II. Band, Stuttart 1948, S. 143 den letzten württembergischen Kriegsminister mit den Worten: "Soweit Entscheidungen militärischer Art nötig wurden, wie beim Münchener Räteputsch, traf sie Blos oder das gesamte Kabinett. Dem lauteren Idealisten Herrmann fielen hauptsächlich die Aufräumungs- und Liquidierungsarbeiten zu. In den folgenden Jahren beteiligte sich Herrmann außerhalb von Parteien engagiert in pazifistischen und freidenkerisch - fortschrittlichen, antiklerikalen Verbänden. Er wurde Vorsitzender des württembergischen Freidenker- und Monistenbundes und Vorstandsmitglied der "Deutschen Friedensgesellschaft" und trat offen gegen militärische und nationalsozialistische Tendenzen auf. Am 23. März 1933, wenige Wochen nach der Machtübernahme, wurde Herrmann in "Schutzhaft" genommen. Nach seiner Entlassung, die er vorwiegend dem Eintreten von Müller-Payer zu verdanken hatte, verlor er seinen Lehrstuhl. Die Anfeindung in Stuttgart und die politische Überwachung veranlassten ihn, sein Anwesen in Stuttgart zu verkaufen und nach Finkenkrug bei Berlin zu ziehen. Dort konnte er nur noch wissenschaftlich-literarisch, ohne eigentliche Berufsausübung, tätig sein. Er erlebte den Kriegsausbruch 1939 und den Einmarsch der Russen am Kriegsende. Am 22. Mai 1945 starb er.

2. Übergabe und Verzeichnung des Bestandes: Dr. Werner Herrmann, der älteste Sohn des Nachlassers, übergab mit Zustimmung seiner Schwester Manuela Plessner den vorliegenden Bestand im Mai 1987 dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Der Nachlass umfasst nur noch einen Teil der von Prof. Herrmann in seiner Finkenkruger Wohnung verwahrten umfangreichen Korrespondenzen, Niederschriften und Sammlungen. Der größte Teil der Materialien wurde nach seinem Tod in der Bedrängnis der Nachkriegszeit aus Platzmangel vernichtet. Der schon von Dr. Werner Herrmann vorgeordnete Nachlass wurde im September 1987 von Dr. Peter Schiffer geordnet und verzeichnet. Die Fotografien identifizierten Dr. Werner Herrmann und seine Frau im April/Mai auf Bitten des Hauptstaatsarchivs hin. Der schwerpunktmäßig aus Material über Immanuel Herrmann und aus Reden und Veröffentlichungen bestehende Nachlass dokumentiert auch als Restbestand das Leben und das wissenschaftliche, weltanschauliche und politische Denken des letzten württembergischen Kriegsministers. Damit ergänzt er die im Hauptstaatsarchiv verwahrten Bestände des Kriegsministeriums von der persönlichen Seite her, die ihrerseits mit ihrem politischen Material den nur wenig auf die politische Tätigkeit Herrmanns eingehenden Restnachlass vervollständigen. Im Bestand EA 3/150 befinden sich Personalakten des Kultusministeriums zu Prof. Herrmann. Bis zum Jahre 2002 ist die Benutzung des Nachlasses durch Dritte, soweit sie sich zentral mit dem Leben und Wirken von Prof. Immanuel Herrmann befasst, an die Zustimmung der Familie (Frau Manuela Plessner oder Rechtsanwalt Dr. Bernhard Herrmann) gebunden, die Einsichtnahme für historische Sachfragen richtet sich nach der Benutzerordnung der staatlichen Archive in Baden-Württemberg. Die Fertigstellung des Findbuches erfolgte mit Hilfe des Programmpaketes MIDOSA der staatlichen Archivverwaltung Baden- Württemberg. Die Eingabe der Titel in den Computer besorgte Frau Filipitsch. Der Bestand umfasst 33 Verzeichnungseinheiten in 0,25 Regalmetern. Stuttgart, Oktober 1987 Peter Schiffer

3. Nachtrag: Als Ergänzung zu den bereits im Mai 1987 übergebenen Unterlagen, überließ Herr Dr. Bernhard Herrmann, Taunusstein, im Februar 1997 dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart weitere Unterlagen aus dem Nachlass seines Großvaters, des Kriegsministers Immanuel Herrmann. Darunter befinden sich vor allem persönliche Papiere - wie Schul-, Studien- und Arbeitszeugnisse (Bü 39), Arbeitsverträge (Bü 46 und 47) und ein Staatsangehörigkeits-Ausweis (Bü 41) - sowie Briefe I. Herrmanns an seine Eltern und Geschwister aus seiner Seminaristenzeit in Schöntal und Urach (Bü 35). Während die Briefe eine wertvolle Ergänzung zu den bereits in Bü 24 verwahrten Briefe aus der Seminaristenzeit sind, fehlten persönliche Papiere in dem 1987 eingekommenen Nachlassteil fast völlig. Außerdem gelangten u.a. eine Abhandlung über die frühe Kindheit I. Hermanns, verfasst von seinem Vater Jakob Herrmann (Bü 34), eine Fotografie vom Portlandzementwerk in Lauffen am Neckar (Bü 38) und Visitenkarten Herrmanns und seiner Frau (Bü 37) zu dem vorliegenden Bestand. Die Papiere wurden im Mai 1997 von Archivoberinspektor Eberhard Merk erschlossen und als Nachtrag dem Bestand Q 1/38 zugewiesen. Er umfasst die Bestellnummern 34-48 in 0,1 lfd. Metern. Stuttgart, im Mai 1997 Eberhard Merk
Umfang:
48 Nummern
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