Nachlass Klaus Mehnert (1906-1984) (Bestand)

Verzeichnungsstufe:
Bestand
Bestandssignatur:
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Q 1/30
Kontext:
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Archivtektonik) >> Nachlässe, Verbands- und Familienarchive >> Politische Nachlässe
Bestandslaufzeit:
1914-1984, mit Vorakten ab 1873
Bestandsbeschreibung:
Einleitung: Die Unterlagen, die der im vorliegenden Band erschlossene Nachlass umfasst, - Korrespondenzen, Materialsammlungen, Manuskripte, Bilder, Filme, Tondokumente -, bilden den Niederschlag und zugleich den Fundus der publizistischen und wissenschaftlichen Tätigkeit von Klaus Mehnert. In der Aufgabe des Publizisten sah Klaus Mehnert seinen Beruf, ja seine Berufung. Dazu gehörten Beobachten, Berichten, Analysieren und Vermitteln der hieraus gewonnenen Erkenntnisse an andere Interessierte - Leser, Hörer, Zuschauer. Gegenstand seines Beobachtens war die Politik in Europa und in der Welt. Was trieb ihn in diese Rolle eines Beobachters der Politik? Er nennt im Vorwort seiner Erinnerungen "eine unbezähmbare Neugier, die politischen Entwicklungen an Ort und Stelle zu erkennen und in ihren Zusammenhängen zu verstehen". Fast ebenso stark sei sein Bedürfnis gewesen, "das Beobachtete zu verarbeiten und weiterzugeben in Aufsätzen, Kommentaren und Vorträgen, in Büchern und Universitätsvorlesungen, stets in möglichst verständlichen Worten". Dass ihm dies in seltener Weise gelang, zeigt der Erfolg, den er erzielte. Achtzehn Bücher erlebten allein in deutscher Sprache eine Gesamtauflage von rund zweieinhalb Millionen Exemplaren, die meisten Titel dazu mehrere, manche bis zu einem Dutzend Auslandsausgaben. In Rundfunk- und Fernsehkommentaren erreichte Mehnert über drei Jahrzehnte hinweg ein ebenso großes oder noch größeres Publikum. Öffentliche Vorträge zogen Hunderte, zuweilen Tausende von Besuchern an. Die Presseberichterstattung über Veranstaltungen mit ihm nahm einen solchen Umfang an, dass er zwecks Dokumentation Sammelaufträge an spezielle Ausschnittdienste erteilte. Worin die Bedeutung von Klaus Mehnerts publizistischem Erfolg möglicherweise lag, umreißt der Verleger und Schriftsteller Wolfgang Altendorf so: "Daß die Bücher weltweit zu Bestsellern wurden ist weniger wichtig, als daß sie die Weltpolitik konsolidieren halfen" (Artikel zum 75. Geburtstag von Klaus Mehnert in der Freudenstädter Kreiszeitung vom 10./11. Oktober 1981, Fundort: HStASt Q 3/23 Nachlass Max Rehm, Büschel 87).

1. Zur Biografie: Klaus Mehnert wurde am 10. Oktober 1906 in Moskau geboren. Die Eltern Hermann Mehnert und Luise geb. Heuss entstammten angesehenen und wohlhabenden, unternehmerisch tätigen Familien des Moskau-Deutschtums. Die Vorfahren Heuss waren aus dem nördlichen Schwarzwald eingewandert, die Mehnerts aus Frohburg im Altenburgischen (an der Thüringer Grenze). Frank und Lars, die jüngeren Brüder von Klaus, kamen 1909 und 1911 auf die Welt. "Die Moskau-Deutschen", lesen wir in Mehnerts Erinnerungen, "erfreuten sich des Besten in zwei Welten, ohne gezwungen zu sein, sich für eine von beiden zu entscheiden". "In ihrer Gesinnung waren sie deutscher als die Deutschen daheim und in vielen Beziehungen fühlten sie sich den Russen überlegen; kulturell aber, vor allem was Literatur und Musik betraf, waren sie so russisch wie ihre Umgebung". Von klein auf erlebte Klaus Mehnert somit beide Kulturen, wurde von beiden nachhaltig geprägt. Die deutsche und die russische Sprache wurde im Elternhaus gleichermaßen gepflegt, so dass Klaus beide als Muttersprache lernte und beherrschte, dabei auch russisch akzentfrei sprach, was später von großer Bedeutung für ihn sein sollte. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs beendete abrupt die Kindheit in Moskau. Der Vater - Offizier der Reserve - reiste umgehend nach Deutschland und stand alsbald an der Front in Belgien. Die Mutter und die drei Söhne verließen das nun feindlich gewordene Russland im Oktober 1914. Stuttgart, wo eine verheiratete Schwester der Mutter lebte, wurde zur neuen Heimat der Familie. Der Soldatentod des Vaters im Sommer 1917 bedeutete einen schweren Verlust und einen tiefen Einschnitt in der Entwicklung des jungen Klaus. "In einer Zeitspanne von wenigen Minuten verwandelte ich mich, wie nie wieder. Plötzlich war ich kein zehnjähriges Kind mehr, sondern ein zehnjähriger Mann, der von Stund an für Mutter und Brüder zu sorgen hatte", meint er aus der Rückschau. Das Abitur am Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasium bestand er im Frühjahr 1925 als Jahrgangsbester. Anschließend studierte er als Stipendiat der neuerrichteten "Studienstiftung des Deutschen Volkes" zunächst je ein Semester in Tübingen und München, dann in Berlin, wo er vor allem russisch-osteuropäische Geschichte betrieb und bei dem Ostexperten Otto Hoetzsch im Sommersemester 1928 promovierte. Hoetzsch wirkte nachhaltig auf Klaus Mehnert. "Bis in mein Alter habe ich Hoetzsch nachgeeifert. Mir imponierte nicht nur, was er sagte, sondern auch wie er es tat. Also bemühte ich mich bei Publikationen und Vorträgen die jeweiligen Themen in weltpolitische Zusammenhänge zu stellen, und Vorlesungen nicht abzulesen, sondern frei zu halten". Auf das Studium in Deutschland folgte 1928/29 ein Studienjahr an der University of California in Berkeley. Es vermittelte Klaus Mehnert erstmals die Bekanntschaft mit den Vereinigten Staaten und sollte zu einer der entscheidenden Stationen seines Lebens werden, privat und beruflich. Unter den Studentinnen lernte er seine spätere Frau Enid geb. Keyes kennen ("Enid war das größte Geschenk, das mir das Leben gewährte", Erinnerungen S. 136) und es war der Beginn einer wachsenden lebenslangen Verbundenheit mit Amerika. Sie führte Mehnert zu seinen ersten Gastprofessuren in Berkeley 1936 und 1937, zu seiner ordentlichen Professur an der University of Hawaii 1937-1941 wie später zu Gastprofessuren und Einzelvorträgen an zahlreichen Universitäten von Boston über New York und Harvard bis Stanford und wieder Berkeley in Kalifornien. Die Aufenthalte vertieften Mehnerts Kenntnis und machten Amerika zum zweiten Eckpunkt in dem "Großen Dreieck", in das er die Weltpolitik wie auch sich und seinen Lebensweg gestellt sah (Erinnerungen S. 430). Den ersten Eckpunkt bildete Russland und die Sowjetunion. Hier hatte er die Kinderjahre verbracht, reiste als junger Mann während der Sommermonate im Lande umher und berichtete von 1934-1936 als Korrespondent deutscher Zeitungen aus Moskau. Als dritter Eckpunkt kam China hinzu. China war neben Japan und der Sowjetunion eine der Stationen Mehnerts auf der Rückreise von Kalifornien nach Deutschland im Jahr 1929. Zusammen mit Enid bereiste er das Land im Jahr 1936. In den Jahren 1941-1946 lebte das Ehepaar in Schanghai. Von dort gab Klaus Mehnert im Auftrag des Auswärtigen Amts in Berlin die Zeitschrift "The XXth Century" heraus, nahm an drei in der Stadt befindlichen Hochschulen Lehraufträge wahr, nutzte die Chance, sein chinesisches Gastland näher kennen zu lernen, und hatte mehrmals Anlass, Japan zu besuchen. Nach der Kapitulation Japans wurde Mehnert wie andere Reichsdeutsche in Schanghai im Herbst 1945 interniert, zunächst bis Sommer 1946 im Lager Kiangwan bei Schanghai, dann auf dem Repatriierungsschiff "Marine Robin", schließlich im Lager 76 auf dem Hohenasperg bzw. im Lager 74 in Ludwigsburg-Oßweil, aus dem er Ende 1946 entlassen wurde. Nunmehr frei, war Klaus Mehnert eine Persönlichkeit, auf die im Nachkriegsdeutschland sofort neue, anspruchsvolle Aufgaben warteten. Von Eugen Gerstenmaier erhielt er das Angebot, beim "Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland" mitzuarbeiten. Theodor Bäuerle, Ministerialdirektor im Kultministerium von Württemberg-Baden, der Klaus Mehnert in den zwanziger Jahren Förderung aus der Markelstiftung hatte zukommen lassen, gewann ihn für Vorlesungen an der Lehrerfortbildungsakademie auf der Comburg bei Schwäbisch Hall. Im "Deutschen Büro für Friedensfragen", das in Stuttgart unter der Leitung des späteren Rundfunkintendanten Fritz Eberhard gegründet wurde, konnte Mehnert neben der Arbeit im Hilfswerk als Referent für Ostfragen tätig sein. Ein besonderes Anliegen Mehnerts in der Nachkriegszeit war der Wiederaufbau einer deutschen Ostforschung. Mehnert war von 1931-1934 in Berlin Generalsekretär der "Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas" und zugleich Redakteur der Zeitschrift "Osteuropa" gewesen. In Stuttgart fand er einige alte "Osteuropäer", unter ihnen den nunmehrigen Stadtdirektor Hans Schumann. Ihrer beider Initiative glückte die Gründung einer neuen "Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde", die ab 1950 die Zeitschrift "Osteuropa" herausgab, bis 1975 wieder von Klaus Mehnert redigiert. Für Zeitungen und Zeitschriften schrieb Mehnert seit 1929-1930 eine große Zahl von Artikeln und Aufsätzen, außerdem veröffentlichte er in Berlin seine ersten beiden Bücher ("Ein deutscher Austauschstudent in Kalifornien", 1930, und "Jugend in Sowjetrußland", 1932). Ab 1949 entfaltete sich Mehnerts journalistische und publizistische Tätigkeit in der jungen Bundesrepublik. Im Februar des Jahres übernahm er die Chefredaktion der Wochenzeitung "Christ und Welt", im Juli 1949 starteten seine Wirtschaftskommentare im Bayerischen Rundfunk, ab Januar 1950 sprach er jeden zweiten Samstag im Süddeutschen Rundfunk den Kommentar "Zur Politik der Woche". Von Januar 1962 an gab ihm der neuerrichtete Deutschlandfunk Gelegenheit zu regelmäßigen weltpolitischen Kommentaren und damit die Möglichkeit, Hörer in anderen Teilen Deutschlands, vor allem in der DDR, aber auch im Ausland zu erreichen, anfangs vierzehntägig, dann alle vier Wochen am ersten Sonntag des Monats. Doch "die goldenen Rundfunkjahre" gingen zu Ende. Dafür kündigten sich "goldene Fernsehjahre" an. In Werner Höfers "Frühschoppen" war Klaus Mehnert etwa zwei Dutzend Mal zu Gast, Sendungen, die ihm nach eigenem Bekunden "großes Vergnügen bereiteten". So stimmte er gerne zu, als das Zweite Deutsche Fernsehen ihn zu regelmäßigen Kommentaren aufforderte, wobei er im Wechsel mit drei anderen Kommentatoren jeden vierten Samstagabend an die Reihe kam. Bei den Rundfunk- und Fernsehkommentaren schätzte Mehnert besonders die Regelmäßigkeit der Sendungen. Wer sie hören oder sehen wollte, kannte die Sendezeit ohne ins Programm zu schauen. Sie wurden Bestandteil des Samstagabend- oder des Sonntagsablaufs in Millionen Haushalten. Das eiserne Gleichmaß der Sendefolge sicherte ihnen, davon war Klaus Mehnert überzeugt, die große Resonanz bei den Hörern. Verlass musste freilich auch auf ihn als Kommentator sein, die Beiträge mussten rechtzeitig zu den Sendungen eintreffen, wenn er auf Reisen war, "aus Moskau, Peking, Vietnam und von den Fidschi-Inseln, kurzum aus allen Teilen der Welt und über große Entfernungen hinweg". Dies sei nicht einfach gewesen, aber - mit einer Ausnahme - immer gelungen. Hörer, Zuschauer und Leser waren seine Familie, deren Treue zu ihm er keinesfalls enttäuschen wollte. "Die wenigsten kenne ich persönlich, viele freilich aus ihren Briefen" (Erinnerungen S. 326). Er antwortete ihnen durchweg individuell und persönlich. Eingehende Post sowie Durchschläge seiner ausgehenden Schreiben wanderten in die Ordner der allgemeinen oder speziellen Korrespondenz. Sie galten ihm als "Privatschatz" (Erinnerungen S. 326), den er sorgsam wahrte. Um frei zu sein für ausgedehnte Reisen in das außereuropäische Ausland und für die daraus erwachsenden Buchpublikationen übergab Mehnert im Herbst 1954 die Chefredaktion von "Christ und Welt" an seinen Freund und bisherigen Redakteur des Blattes Dr. Giselher Wirsing. Einer Südasienreise von 1953 folgten nun eine Weltreise 1954-1955, zwei Reisen in die Sowjetunion 1955 und 1956, eine Asienreise 1957 und eine zweite Weltreise 1959-1960, letztere mit Stationen in Teheran, Afghanistan, Pakistan, Indien, Nepal, Ceylon, Kambodscha, Laos, Taiwan, Korea, Japan, USA. Früchte dieser Reisen waren die Bücher "Asien, Moskau und wir" (1956), "Der Sowjetmensch" (1958), das ein Bestseller wurde, und "Peking und Moskau" (1962). Daneben schrieb Mehnert Artikel und Artikelserien für Zeitungen und Zeitschriften, lieferte seine Kommentare für die verschiedenen Sendereihen und hielt unzählige Vorträge, bei denen er mitunter riesige Säle füllte, zweimal seinen Erinnerungen (S. 335) zufolge die Karlsruher Schwarzwaldhalle mit 4 200 Sitzen. Mitten in die Weltreise 1959-1960 und die Arbeit an dem geplanten Buch "Peking und Moskau" fiel das Angebot der RWTH Aachen, dort Professor zu werden und ein Institut für politische Wissenschaft aufzubauen. Nach einigem Zögern sagte Klaus Mehnert zu und nahm im Wintersemester 1961/62 die Tätigkeit in Aachen auf. Die Hochschule hatte einer ungewöhnlichen Regelung zugestimmt, die ihm neben den Aachener Verpflichtungen Zeit für eigene Reisen und Arbeiten ließ. Die RWTH gab ihm jedes vierte Semester frei. Dafür stellte Mehnert für diese Semester auf eigene Kosten einen Ersatzmann, möglichst einen, der Themen behandelte, die er selbst vernachlässigte, so dass nicht nur er, sondern auch, wie er fand, die Studenten daraus Nutzen zogen. Seine ersten sechs Jahre an der RWTH galten ihm später als die "goldenen Aachener Jahre". Dies änderte sich mit Ausbruch der Studentenunruhen in den Jahren 1967-1968. Mehr und mehr vermisste er die Bereitschaft der Studenten zu sachlicher, an nachprüfbaren Fakten orientierter Analyse und darauf aufbauender Urteilsfindung, für ihn eine wesentliche Voraussetzung seiner Lehrtätigkeit in Aachen. So fiel ihm der Entschluss nicht schwer, zum Ende des Wintersemesters 1971/1972 um seine Emeritierung zu bitten, nachdem er am 10. Oktober 1971 sein 65. Lebensjahr vollendet hatte. Er blieb aber Hochschullehrer mit Leib und Seele. Gerne übernahm er in den 1970er Jahren Gastprofessuren, insbesondere in den USA. Dank der erwähnten Freisemester-Regelung schrieb Mehnert auch während der Aachener Jahre neue Bücher zur Weltpolitik. Es erschienen "Maos zweite Revolution" (1966), "Der deutsche Standort" (1967), "Peking und die Neue Linke" (1969) sowie "China nach dem Sturm" (1971). Letzteres wurde ein überwältigender Erfolg mit zahlreichen Auslandsausgaben wie seinerzeit "Der Sowjetmensch". Mehnert hatte im März 1971 das kommunistische China besuchen und das Land im Verlauf von vier Wochen ungehindert bereisen können, zum ersten mal wieder seit 1957 und vor allem als erster deutscher Journalist nach den chaotischen Jahren der Kulturrevolution. Im Frühjahr 1972 nutzte Mehnert den neu gewonnenen zeitlichen Spielraum umgehend, griff seinen "stets reisefertigen roten Koffer und flog nach Asien, um sämtliche dreizehn Nachbarstaaten Chinas zu besuchen, von Korea bis Afghanistan und Sowjet-Zentralasien" (Erinnerungen S. 346). Der Ertrag dieser Reise fand alsbald Aufnahme in eine Neuauflage von "China nach dem Sturm". China blieb das zentrale Thema Mehnerts in den 1970er Jahren. Bei fünf weiteren Aufenthalten hatte er Gelegenheit das Land zu erleben, dreimal als Mitglied deutscher Regierungsdelegationen (1975 mit Bundeskanzler Helmut Schmidt, 1977 mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger und 1979 mit dessen Nachfolger Lothar Späth), einmal mit dem Südwestfunk Baden-Baden, einmal mit einer Gruppe deutscher Ostforscher. "Kampf um Maos Erbe" (1977) und "Maos Erben machen¿s anders" (1979) sind die Bücher, in denen Mehnert seine Eindrücke und Erfahrungen verarbeitet hat. Dazwischen liegen zwei Bücher, die Themen der Sowjetunion und der westlichen Welt behandeln. "Moskau und die Neue Linke" (1973) ist das eine. Unter der "Neuen Linken" versteht Mehnert hierbei die Gesamtheit der revolutionären Bewegungen und Gruppen westlicher Studenten, die unter sozialistischen Parolen die Welt verändern wollten und sich dabei von der alten, moskautreuen Linken distanzierten. Das Buch gilt der Frage: Was denkt die Sowjetführung über eine radikale Bewegung auf der Linken, die ihr nicht unterstehen will? Wie reagiert Moskau auf die unerwartete Entwicklung? Was erfahren die Menschen in der Sowjetunion über sie? "Jugend im Zeitbruch", das andere der beiden Bücher, ist der Versuch, die in den sechziger Jahren in vielen Ländern der Welt aufgeflammte Revolte der Jugend, allen voran der Studenten, zu beschreiben und zu deuten. Der Titel erschien 1976, hatte Mehnert aber seit über einem Jahrzehnt beschäftigt. Das Buch, in dem Klaus Mehnert über sich selber schrieb, kam im Mai 1981 und damit rechtzeitig zu Mehnerts 75. Geburtstag auf die Büchertische. Es handelte sich um die lange erwartete Lebensrückschau "Ein Deutscher in der Welt. Erinnerungen 1906-1981". Es wurde wieder ein Bestseller. Wichtigster Fundus für das Buch war Mehnerts Privatarchiv. Relevant erscheinende Unterlagen zog er heraus, um sie als Materialien geplanter Buchabschnitte zu neuen Einheiten zusammenzuführen. Im Sommer 1980 lag das Gesamtmanuskript in erster Fassung vor. Das Durchforsten der eigenen Bestände förderte weit mehr zu Tage, als Mehnert für das Buch verwenden wollte. Er entschloss sich daher, einen Teil des Materials, vor allem Briefe und Manuskripte im Dissertationsdruckverfahren zu vervielfältigen und in dieser Form führenden Bibliotheken zur Verfügung zu stellen. Zwei von vier geplanten Archivbänden wurden fertiggestellt und versandt: Archivband I Berichte aus der Sowjetunion 1925, 1929-1936 (1982) und Archivband II Ein Deutscher auf Hawaii 1936-1941 (1983). Entgegen der ursprünglichen Planung, die vorsah, auch das Jahrfünft in Schanghai 1941-1946 in Band II zu berücksichtigen, wurde dies auf Band III verschoben, der dann infolge Mehnerts Tod nicht mehr realisiert worden ist. Doch liegt wenigstens eine Zusammenstellung einschlägiger Dokumente vor (vgl. unten Nr. 309-310). Sogleich nach Abschluss des Manuskripts zum Erinnerungsbuch widmete sich Mehnert der Arbeit an seinem nächsten - und letzten - Buch mit dem Titel "Über die Russen heute. Was sie lesen, wie sie sind". Die Russen, meint Mehnert, sind ein Volk von Lesern. Ihre Liebe zum Buch ist groß. Ihre Lesegewohnheiten sagen daher über sie mehr aus als über Völker, die einen geringeren Teil ihrer Freizeit dem Lesen einräumen. Analysiert werden die Prosawerke von vierundzwanzig meistgelesenen Autoren aus den Jahren 1960-1981. Ihnen nachzuspüren lässt erhoffen, mehr und anderes über die Menschen in der Sowjetunion, vor allem die eigentlichen Russen, zu erfahren, ihre wirkliche Stimmung zu erkunden. Von Interesse ist dabei nicht nur das Bild, das der Leser vom Denken und Fühlen der Russen gewinnt. Spannend sind auch die Begegnungen und Wege Mehnerts, die zu diesem Ergebnis führen - Besuche in Buchhandlungen und Bibliotheken, Gespräche mit den Autoren und vielen russischen Menschen auf Eisenbahnfahrten, in Restaurants, in Hotels, in Moskau, in Provinzhauptstädten und Dörfern, im europäischen Russland und in Ostsibirien. Als das Buch ab August 1983 in den Buchhandlungen auflag, ahnte außer engsten Vertrauten niemand, dass Mehnert schwer erkrankt war und seine Tage als gezählt ansah. In einem postum zu versendenden Brief vom 8. November 1983 nahm er Abschied von Verwandten, Freunden, Bekannten, Mitarbeitern, sonstigen ihm verbundenen Persönlichkeiten und Institutionen: "Der indische Wahrsager, der mir 1952 ein Leben bis 1990 prophezeihte, hat also doch nicht recht gehabt. Wenn Ihr diesen Brief lest, bin ich nicht mehr unter den Lebenden. Seit dem Sommer 1983, als ein Leberkrebs festgestellt wurde, wusste ich, daß meine Uhr rasch ablief. Hätte ich mich in die Klinik gelegt, wäre es vielleicht möglich gewesen, mein Leben um ein paar Wochen oder auch Monate zu verlängern. Aber ich wollte - soweit dies von mir abhing - mein Leben so zu Ende bringen, wie ich es gelebt hatte: Ich habe mein letztes Buch, "Über die Russen heute" abgeschlossen, und - wenn auch mit wachsender Anstrengung - fast alle von mir zugesagten Vorträge mit Buchhandlungen landauf-landab in der Bundesrepublik gehalten. Jetzt aber geht es zu Ende. Natürlich wäre mir die Erfüllung der indischen Prophezeihung lieber gewesen. Ich habe sehr gern gelebt, alles Schöne dankbar genossen und das Schwere ohne viel Klagen ertragen, und sterbe als zufriedener Mensch. (...). Alle, die diesen Brief erhalten, muss ich um Vergebung bitten, weil ich mich in aller Stille und ohne mich, außer in diesem vervielfältigten Brief, zu verabschieden, aus dem Leben scheide. So ist es mir lieber. Meine irdischen Dinge habe ich so gut wie möglich geregelt, "mein Haus bestellt". (...). Angst empfinde ich keine, eher Neugier - wenn dieses mein ganzes Leben bestimmende Wort in solchem Zusammenhang gestattet ist. Was steht mir bevor? Ein traum- und bewusstloser Schlaf, wie ich ihn nach einem anstrengenden Tag stets dankbar genoss? Ein Wiedersehen mit Eltern und Brüdern und mit meiner geliebten Enid, die mir im Sterben als letztes Wort "Auf morgen" zuhauchte? Oder etwas ganz Unvorhergesehenes, ein Totaliter aliter? Wenn Ihr diesen Brief in den Händen haltet, werde ich es vielleicht wissen. Klaus Mehnert" (Vollständiger Abdruck des Briefs in: Mitteilungen des Vereins der ehemaligen Schüler des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums Heft Nr. 40/November 1984, S. 43-44). Klaus Mehnert starb am 2. Januar 1984 in einem Freudenstädter Krankenhaus. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Waldfriedhof in Stuttgart an der Seite seiner bereits 1955 verstorbenen Frau Enid.

2. Zum Nachlass: "Meine irdischen Dinge habe ich so gut wie möglich geregelt", schrieb Mehnert im oben erwähnten Abschiedsbrief. Dies galt auch für sein Privatarchiv, das er als Nachlass erhalten wissen wollte. Institute im In- und Ausland bekundeten Interesse an den Unterlagen. Nach Abwägen verschiedener Möglichkeiten entschied er im April 1981 kurz vor der Abreise zu einem mehrmonatigen Aufenthalt an der Stanford-Universität in Kalifornien, dass die Akten und Materialien, die in seinem Haus in Schömberg verwahrt wurden, im Falle seines Ablebens dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart zu übergeben seien. Im Testament setzte er ein entsprechendes Vermächtnis aus. Am 9. Oktober 1984 wurde das Archiv in Mehnerts Haus in Schömberg abgeholt und in den Räumen des Hauptstaatsarchivs eingelagert. Der Bestand umfasste drei von Mehnert in einem Schreiben an das Hauptstaatsarchiv vom 26. September 1983 wie folgt gekennzeichnete Gruppen: 1. Privatkorrespondenz (in Leitzordnern) seit 1946, im Dachgeschoss 2. Schachteln mit sonstigem Material, inklusive Fotos aus den letzten Jahren, im Dachgeschoss 3. Im Wohnzimmer befindliche Schachteln, "die mir bei der Abfassung meiner Memoiren dienten und aus Briefen und anderen Unterlagen bestehen". Außer in seinem Haus in Schömberg wurden auch Teile des schriftlichen Nachlasses Mehnerts im Institut für Politische Wissenschaft der RWTH Aachen verwahrt. Diese in Aachen verbliebenen Unterlagen, von denen das Hauptstaatsarchiv Stuttgart erst nach Fertigstellung des Repertoriums zum Hauptbestand erfuhr, wurden im August 2000 von dem bereits erwähnten Institut an das Hauptstaatsarchiv abgegeben, wo sie als Nachtrag in den Bestand Q 1/30 integriert wurden. Dieser Nachtrag enthält Schriftgut, das aus der Tätigkeit Mehnerts als Professor für Politische Wissenschaft in den Jahren 1961-1972 an der genannten Hochschule erwuchs, aber auch Material aus Mehnerts publizistischer Arbeit und vereinzelt auch private Schreiben, die im selben Zeitraum in Aachen entstanden sind. Den weitaus größten Teil des Nachtrages stellt die Korrespondenz dar, welche das Kapitel 1.2 des vorliegenden Online-Findbuches bildet. Damit schließt sich die Korrespondenz des Nachtrages unmittelbar an diese des Hauptbestandes (Kapitel 1.1 Vom Wohnort aus geführte Korrespondenz) an. Darüber hinaus finden sich im Nachtrag auch Unterlagen zu Vorlesungen, Seminaren, Übungen, Kolloquien sowie wissenschaftlichen und politischen Tagungen, die in den Kapiteln 5.1 und 5.2 des Online-Findbuches zusammen mit den Archivalien des Hauptbestandes aufgeführt werden. Mehnerts Bibliothek ging an das Frankfurter Antiquariat Keip (heute Auvermann & Keip), das große Teile derselben an die Bibliothek der Bundeswehrhochschule bzw. -universität in Hamburg verkaufte. Dem Nachlass wurde ein Exemplar des im Antiquariat Keip erstellten Verzeichnisses angefügt (Nr. 622). Zurück im Schömberger Haus blieben Auslandsausgaben der Bücher von Klaus Mehnert. Sie wurden dem Hauptstaatsarchiv im Herbst 1999 übergeben und hier in die Bibliothek des Hauses eingereiht, in Ergänzung bereits vorhandener, durch Kauf oder Schenkung erworbener deutscher Ausgaben (vgl. die Liste am Ende dieses Inventars). Der schriftliche Nachlass enthielt und enthält keine Exemplare der Buchveröffentlichungen Mehnerts.

2.1 Die Korrespondenz: Es handelt sich um die Korrespondenzen der Nachkriegszeit, auf die mehr als ein Drittel des Nachlasses entfällt. Sie setzen mit Mehnerts Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1946 ein und endet mit dessen Tod zu Anfang des Jahres 1984. Die Korrespondenzen gliedern sich - wie bereits oben aufgeführt - in zwei Hauptgruppen: Die vom Wohnort aus geführte Korrespondenz des Hauptbestandes (Kapitel 1.1) und die vom Lehrstuhl in Aachen aus geführte Korrespondenz des Nachtrages (Kapitel 1.2). Die einzelnen einen bestimmten Zeitraum umfassenden Ordner sind alphabetisch untergliedert, eingekommene Schreiben nach den Namen der Absender an entsprechender Stelle eingereiht. Zweifel, welcher Buchstabe des Alphabets maßgebend sein sollte, ergaben sich, wenn Freunde oder Bekannte sowohl im eigenen Namen wie auch als Repräsentanten einer Institution mit Mehnert korrespondierten. In solchen Fällen ist immer damit zu rechnen, dass Briefe ein- und desselben Schreibers teils nach dessen persönlichem Namen, teils nach dem der Institution eingeordnet sind. Die chronologische Reihung der Korrespondenzen hatte zur Folge, dass ein über längere Zeiträume laufender Schriftwechsel mit einem Partner auf zahlreiche Ordner verteilt ist. Zu Eugen Gerstenmaier, Prinz Norodom Sihanouk und Giselher Wirsing, alle drei enge Freunde Mehnerts und zugleich prominente oder zumindest bekannte Persönlichkeiten, gibt es in der Korrespondenz jeweils über drei Dutzend Fundstellen. Eine große Zahl weiterer führender Persönlichkeiten tauchen ein bis zwei dutzend Mal auf. In Ihre Reihe gehören die Staatsmänner und Politiker Willy Brandt, Hans Filbinger, Henry A. Kissinger, Helmut Schmidt, die Diplomaten Gerd Berendonck, Gustav Hilger, George F. Kennan, Erwin Wickert, als hochrangige Offiziere die Generäle James Maurice Gavin und Hans Speidel. Im journalistischen Bereich begegnen vor allem Persönlichkeiten aus Funk und Fernsehen, die Intendanten Hans Bausch und Fritz Eberhard, daneben Fritz Malburg, Rudolf Mühlfenzl und Werner Höfer. Zur Gruppe der häufiger auftretenden Absender rechnen auch Swetlana Allilujewa, die Tochter Josef Stalins, sowie Prinz Louis Ferdinand von Preußen, endlich die Damen Mechtild Petri, Bettina Ostarhild, Ingeborg Klaiber-Würz, allesamt Klaus Mehnert seit den 1920er oder 1930er Jahren verbunden. Unter den nur gelegentlich erscheinenden Persönlichkeiten finden wir aus der Politik die noch nicht genannten Bundeskanzler Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Helmut Kohl, die Bundespräsidenten Theodor Heuss, Heinrich Lübke, Walter Scheel, Carl Carstens, dazu Bundesminister und Bundestagsabgeordnete. Nicht minder reichten Mehnerts Kontakte in Kreise der Wirtschaft, der Kirchen, der Wissenschaft, vor allem der geisteswissenschaftlichen Fächer mit deutschen und amerikanischen Politologen, Soziologen, Historikern, Ostexperten, schließlich der Publizistik und der Literatur. Eine spezielle Gruppe bilden sowjetische Schriftsteller, unter ihnen Tschingis Aitmatow, Boris Pasternak, Alexander Solschenizyn, Julian Semjonow. Die Begegnung mit Pasternak schildert Mehnert in den Memoiren, den dort (S. 415) abgebildeten eigenhändigen Brief in deutscher Sprache, den er von Pasternak als Dank für seine Besprechung des "Doktor Schiwago" erhielt, betrachtete Mehnert als besonders kostbares Stück seines Privatarchivs. Schließlich bietet der Nachlass verschiedentlich Schreiben an und von Chinadeutschen, zu denen Mehnert in der Nachkriegszeit Kontakt hielt oder wieder suchte. Bei den Institutionen zeigen sich als regelmäßige Partner der Korrespondenz das Auswärtige Amt in Bonn, der Süddeutsche Rundfunk, Redaktion und Verlag von "Christ und Welt", die Deutsche Verlagsanstalt, die Universität in Berkeley, die Hoover Institution on War, Revolution and Peace in Stanford. Unter Botschaften und diplomatischen Vertretungen erscheinen am häufigsten die deutschen Botschaften in Neu-Delhi, Moskau, Washington und Tokio sowie das Generalkonsulat in Hongkong, dazu die sowjetische und die chinesische Botschaft in Bonn. Mag die Aufsplitterung der Briefe eines Partners auf viele oder zumindest mehrere Ordner als Nachteil empfunden werden, so bietet das Prinzip der chronologischen Serie auch Vorteile. Vor allem gewährt es Einblick in Mehnerts vielfältige parallel laufende oder ineinandergreifende, in einen Zusammenhang gehörende Aktivitäten. Bezüglich der Inhalte und Korrespondenzpartner der Korrespondenzen, die im Nachtrag (Kapitel 1.2) und im Hauptbestand (Kapitel 1.1) vorkommen, gibt es kaum Unterschiede. Die meisten Korrespondenzpartner, die im Kapitel 1.1 vorkommen, sind auch im Kapitel 1.2 vertreten und umgekehrt. So finden sich teilweise eingehende Schreiben eines Korrespondenzpartners im Kapitel 1.1 und die dazugehörigen Antwortschreiben im Nachtrag bzw. Kapitel 1.2 und vice versa. Eine Umordnung der entsprechenden Schreiben war angesichts des damit verbundenen Arbeits- und Zeitaufwandes nicht vertretbar. Aufgrund dieser Überschneidungen sind die Korrespondenzen in den Rubriken 1.1 und 1.2 daher parallel zu benutzen. Leider wurde die von Mehnert vorgegebene Ordnung bei der von Aachen aus geführten Korrespondenz am Institut in Aachen teilweise zerstört, indem Teile der Allgemeinen Korrespondenz (in Kapitel 1.2.1) entnommen wurden und zu einer Korrespondenzserie (Kapitel 1.2.2.1) zusammengefasst wurden. Möglicherweise stand hinter dieser Umordnung die Absicht, die jahrgangsweise geführte Korrespondenz komplett nach dem Alphabet der Korrespondenzpartner umzusortieren. Diese Umsortierung ist jedoch auf halbem Wege eingestellt worden. Auch muss davon ausgegangen werden, dass Teile der Korrespondenz kassiert wurden. Als Folge dieser Maßnahmen weisen einzelne Jahrgänge der von Aachen aus geführten allgemeinen Korrespondenz zum Teil Lücken auf. Mancherlei Korrespondenz zu speziellen Themen und Fragen oder mit einzelnen bestimmten Partnern findet sich außerhalb der chronologischen Hauptserien. In einigen Fällen waren in sich abgeschlossene Faszikel vorhanden (jetzt in den Untergruppen 1.1.1 und 1.1.2. Spezielle Korrespondenz). In anderen Fällen sind die Briefe Bestandteil größerer Einheiten, meist in der umfangreichen Gruppe der Materialien zu Mehnerts Büchern, insbesondere zu "Ein Deutscher in der Welt", daneben in den Abschnitten "Reisen, Reiseberichte", "Politischer Berater" und "Familienangehörige". (In Enthält- oder Darin-Vermerken erwähnen die Titelaufnahmen ihr Vorhandensein, der Index weist unter Mehnert, Korrespondenz, auf über vierzig Fundstellen dieser Art hin).

2.2 Sonstiges Material: Unter dieser Bezeichnung fasste Mehnert alles zusammen, was an sonstigen Unterlagen im Lauf der Jahrzehnte bei ihm angewachsen war und nicht für die Memoiren benötigt wurde, Materialien und Vorarbeiten zu allen Formen seiner publizistischen Aktivitäten, Manuskripte verschiedener Entstehungsstufen zu den Büchern, Druckfahnen, Rezensionen, Ausschnittsammlungen der Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften. Inhaltlich Zusammengehöriges war aktenmäßig in Umschlägen oder Mappen formiert, die ihrerseits in Schachteln gepackt lagerten, mit Angabe der Inhalte auf der nach vorne weisenden und somit sichtbaren Stirnseite der Schachtel. Die Schachteln enthielten auch älteres Material aus Mehnerts Jahren auf Hawaii und in Schanghai, außerdem die in seinem Nachlass ruhende Überlieferung zur Familiengeschichte Heuss und Mehnert einschließlich familiärer Korrespondenz. Zur Gruppe rechnete endlich das gesamte audiovisuelle Material, darunter umfängliche Serien an Schwarz-Weiß-Bildern (Negativen, z.T. Kontaktabzügen oder Rückvergrößerungen) aus China und Japan 1936 (1200 Aufnahmen), Hawaii 1937-1941 (ca. 3700 Aufnahmen) sowie Süd- und Südostasien in den 1950er Jahren (ca. 3100 Aufnahmen), dazu rund 70 Tonbänder von den Reisen der zuletzt genannten und späterer Jahre. Das in diesen Serien enthaltene Bildgut konnte bislang nicht näher analysiert werden. Zu vermuten ist, dass die Aufnahmen aus China, Japan und Hawaii auch oder vielleicht sogar überwiegend von Enid Mehnert stammen. Im übrigen hat sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1955 die Negative geordnet und nummeriert, die Umhüllungen beschriftet, Kontaktabzüge in Hefte eingeklebt und diese ebenfalls so beschriftet, dass gesuchte Aufnahmen rasch zu finden waren. Anders als bei der Korrespondenzserie bestand bei den diversen Materialien kein durchgehend angewandtes Ordnungssystem. Die Unterlagen waren zu unterschiedlich, nicht selten gab es auch Verschiebungen und Überschneidungen. Häufig z.B. entnahm Mehnert Teile eines Manuskripts, um sie in anderem Kontext weiterzuverwenden, mit Änderungen, Kürzungen, Zusätzen usw. Die Urfassung eines Reiseberichts etwa ging ihren Weg durch verschiedene Stadien der Verarbeitung, zunächst relativ nahe am Erleben und Geschehen in aktuellen Kommentaren und Artikelserien in Zeitungen, Funk und Fernsehen mit den dem jeweiligen Medium angepassten Variationen, später in größere systematische Zusammenhänge gebracht in den Büchern. An sie knüpften dann die Vorträge an, oft als Begleitveranstaltung zum Erscheinen eines neuen Buchs gehalten. Ausgearbeitete Redemanuskripte gibt es kaum. Meist genügte Mehnert ein Blatt mit Stichworten, im übrigen sprach er frei. Von vielen Vorträgen, die er hielt, kennen wir nur die Berichterstattung in der Presse, die Mehnert sorgsam sammeln ließ. 2.3. Unterlagen zur Abfassung der Memoiren "Ein Deutscher in der Welt" Aus dem großen Fundus, den das soeben beschriebene Material darstellte und das zwei Drittel des Privatarchivs ausmachte, zog Mehnert zur Vorbereitung seiner Memoiren alle für diese irgendwie dienlich erscheinenden Unterlagen (insgesamt ca. 2,5 lfd. m) heraus und bildete die im Schreiben vom 26. September 1983 bezeichnete 3. Gruppe, mit Einheiten, die er mehr oder weniger nach den Kapiteln des geplanten Buchs formierte. Ein großer Teil des älteren Materials ist, soweit der Nachlass solches enthält, hier versammelt (vgl. Nr. 238-272). Einiges wurde möglicherweise in einem weiteren Schritt auch dort wieder herausgezogen und speziell für die geplanten Archivbände zusammengeführt (vgl. Nr. 302-311). In beiden Teilgruppen befinden sich Papiere, die man sonst vergebens sucht, etwa Briefe von Klaus Mehnert an seine Mutter und an seine Frau Enid während der Zeit auf Hawaii und in Schanghai, sodann Notizen betreffend Vorlesungen, Vorträge und politische Gesprächsrunden Mehnerts an den genannten beiden Orten, einige wenige Unterlagen zur Zeitschrift "The XXth Century", endlich Unterlagen zum Internierungslager Kiangwan und zur Rückführung nach Deutschland. Der Versuch, dieses für die Memoiren zusammengeführte Schriftgut aufzulösen und die ursprünglichen Einheiten wiederherzustellen, verbot sich von selbst. Abgesehen davon, dass ältere Ordnungsansätze nicht erkennbar waren, hätte es bedeutet, den von Mehnert bewusst hergestellten Zusammenhang zu zerstören. Um dennoch den Zugang zu dem auch als Primärquelle wichtigen Material zu ermöglichen, werden im nachfolgenden Inventar die Ursprungslaufzeiten in runden Klammern angegeben und im Enthält-Vermerk zumindest die wichtigeren Papiere aufgeführt. An dieser Stelle erhebt sich die Frage, was von Mehnerts Privatarchiv aus der Zeit vor 1945 erhalten ist. Fest steht, dass es Enid gelang, eine größere Anzahl Kisten mit Schiffstransporten aus Schanghai herauszubringen (vgl. Nr. 310). Ein Teil der Kisten enthielt laut maschinenschriftlicher Listen Bücher aus Klaus Mehnerts Bibliothek sowie familiäre Korrespondenz, andere enthielten Möbel, Hausrat und persönliche Habe. So darf vermutet werden, dass private Unterlagen, die Mehnert sichern wollte, gerettet werden konnten. Offen ist das Schicksal des Redaktionsarchivs der Zeitschrift "The XXth Century". Im Nachlass fanden sich bislang keine Hinweise, was mit dem seit Beginn von Mehnerts Herausgebertätigkeit doch wohl entstandenen Schriftgut geschah. Die wenigen Unterlagen, die über die Zeitschrift vorhanden sind (vor allem in Nr. 250 und 253), stellen allenfalls einen Bruchteil desselben dar. Sie befanden sich möglicherweise in der privaten Wohnung und gelangten hier mit in die oben erwähnten Kisten. 2.4 Forschungsinteresse Der Nachlass erscheint für eine Vielzahl von Fragen relevant. Genannt seien - die Biographie von Klaus Mehnert - die deutsche Kolonie in Schanghai - die Geschichte der westdeutschen Osteuropa- und Ostasienforschung - die Geschichte der westdeutschen Wiederbewaffnung (Rolle Mehnerts im "Deutschen Büro für Friedensfragen" und bei den Plänen zum Aufbau einer französisch-deutschen Flugzeugindustrie) - der Einfluss Mehnerts auf die westdeutsche Außenpolitik (Osteuropa, Russland, Asien) - die Bedeutung Mehnerts für die politische Meinungsbildung in der Bundesrepublik - die Geschichte der Wochenzeitung "Christ und Welt" - die Entwicklung der "Deutschen Verlagsanstalt" Ein Thema, das die Forschung im Zusammenhang mit Klaus Mehnert bereits aufgegriffen hat, ist die Frage nach den Bedingungen publizistischen Wirkens während des Nationalsozialismus (vgl. Michael Kohlstruck: Der Fall Mehnert. In: Helmut König (Hrsg.): Der Fall Schwerte im Kontext, Wiesbaden 1998, S. 138-172). Kohlstruck stützt seine Analyse im Wesentlichen auf die zahlreichen Beiträge Mehnerts in Zeitungen und Zeitschriften der 1930er Jahre. Der Nachlass bot nur einzelne Dokumente, etwa Klaus Mehnerts bislang nicht veröffentlichte "Selbstklärung" vom Herbst 1945 (vgl. Nr. 250).

3. Zur Ordnung und Verzeichnung des Bestandes: Die Arbeiten gingen davon aus, dass Mehnert seine Unterlagen in einer ihm dienlichen Ordnung organisierte, deren Zusammenhang zunächst zu respektieren war. Dies gilt in erster Linie für die allgemeine Serie der Korrespondenz ab 1946. Wie oben dargelegt, wurde der Inhalt eines Ordners nach dem Alphabet der Absender eingereiht. Doch ergab sich bald, dass sich die Ordner sowohl zeitlich wie im Alphabet überlappten. Hier Korrekturen anzubringen, erschien weder möglich noch sinnvoll. Verzeichnungseinheit bei der Korrespondenz blieb daher der vorgefundene Inhalt eines Ordners unter Angabe der jeweiligen Laufzeit und Buchstabengruppe. Der Enthält-Vermerk bietet eine Auswahl der wichtigeren Korrespondenzpartner, seien es natürliche Personen oder Institutionen. Dabei entspricht die Reihenfolge der Nennung der Reihung im Ordner. Zu vielen Briefen sind mitübersandte Beilagen vorhanden. Um auch ihren Platz im Ordner rasch auffindbar zu halten, wurden sie, sofern erwähnenswert, im Anschluss an den Absender in runden Klammern genannt, nicht, wie sonst üblich, in einem Darin-Vermerk aufgelistet. Nicht in die Auswahl aufgenommen wurde rein private Korrespondenz mit Familienangehörigen und Verwandten. Die große zweite Gruppe des Nachlasses, die Materialien in Schachteln, war von Mehnert vorsortiert, in der Regel durch Ablage inhaltlich zusammengehöriger Unterlagen in Mappen. Diese Vorordnung wurde im Grundsatz ebenfalls respektiert und jede Mappe als eigene Verzeichnungseinheit behandelt, mit Enthält- und eventuell Darin-Vermerken zur Erschließung der Inhalte. Korrigierende Eingriffe, d.h. Ausgliederung oder Umordnung einzelner Dokumente in andere Mappen, wurden nur in wenigen Einzelfällen vorgenommen. Anders als bei den schriftlichen Unterlagen lagen die Dinge beim fotografischen Material. Zur Illustration seiner Bücher benötigte Mehnert aus der Fülle seiner Bilder meist nur einzelne Aufnahmen. Nach Verwendung für den Druck blieben die aus ihrer Folge herausgenommenen Negative verschiedentlich ohne Beschriftung in separaten Umschlägen, Filmtaschen u.ä. zurück. In solchen Fällen wurde stets versucht, die Stücke an ihrem ursprünglichen Platz wieder einzufügen, was im großen und ganzen gelang, teils im Vergleich mit Kontaktabzügen, teils aufgrund in den Ursprungsfilmen fehlender Aufnahmenummern, die sich dann unter den "herrenlosen" Negativen fanden. Der Nachlass wies - abgesehen von der Dreiteilung in Korrespondenz, Material aller Art (im Dachgeschoss) und Material für die Memoiren (im Wohnzimmer) keine weitergehende systematische Gliederung auf, die für das vorliegende Inventar hätte übernommen werden können. Es galt daher eine eigene, neue Klassifikation zu entwerfen. Sie orientiert sich an Mehnerts Tätigkeitsfeldern, gemäß der Struktur des Privatarchivs, die primär auf Mehnerts publizistische Tätigkeit ausgerichtet war, nicht an Lebensweg und Werdegang. Angesichts des Umfangs wie der Bedeutung, die Mehnert seiner Korrespondenz beimaß, lag es nahe, diesen Teil des Nachlasses als Kapitel 1 an den Anfang zu setzen. Es folgt in Kapitel 2 die Gesamtheit der Materialien als Grundlage und Niederschlag der publizistischen Tätigkeit, mit mehreren z.T. gewichtigen Untergruppen. Die erste Untergruppe (Kapitel 2.1.) gilt den in der Chronologie ihres Erscheinens berücksichtigten Buchveröffentlichungen. In sie waren auch die von Mehnert formierten Einheiten betreffend seine Memoiren sowie der erschienenen und geplanten Archivbände einzufügen. Als zweite, mit Abstand stärkste Untergruppe (Kapitel 2.2) folgen die Unterlagen zu unselbständigen Beiträgen aller Art. Hier finden sich die von Mehnert ab den 1950er Jahren geführten Serien seiner Artikel in Zeitungen und Zeitschriften sowie der Kommentarreihen in Funk und Fernsehen. Weitere, kleinere Untergruppen bilden Materialien ohne Textbeiträge Mehnerts, d.h. ohne erkennbare Nutzung seinerseits (Kapitel 2.3.) sowie das im Nachlass befindliche Exemplar der Zeitschrift "The XXth Century" (Kapitel 2.4.). Obgleich Mehnerts Reisen und Reiseberichte in aller Regel Vorstufen seiner publizistischen Arbeiten sind und als solche auch zu den Materialien in Kapitel 2 gerechnet werden könnten, erschien es notwendig und sinnvoll, sie einem eigenen Hauptabschnitt (Kapitel 3) zuzuweisen. Denn unabhängig von ihrer weiteren Nutzung besitzen sie eigenständigen Aussagewert, was in der Gliederung zum Ausdruck kommen sollte. Der vierte Hauptabschnitt fasst Unterlagen zusammen, die Mehnert als "Politischen Berater" zeigen (Kapitel 4). Die dabei ins Blickfeld rückenden Angelegenheiten oder Tätigkeitsbereiche sind das "Deutsche Büro für Friedensfragen", sind Pläne zum Aufbau einer französisch-deutschen Flugzeugindustrie in Nordafrika, deutsche Entwicklungshilfe, Berlinfrage und deutsche Ostpolitik, deutsch-sowjetische und deutsch-chinesische Beziehungen. Um Mehnerts akademische Lehrtätigkeit greifbar werden zu lassen, wurden Unterlagen, die explizit der Vorbereitung von Vorlesungen, Seminaren, Colloquien und dgl. dienten, ebenfalls einem eigenen Hauptkapitel, getrennt von allen sonstigen Materialien zugeordnet (Kapitel 5.). Sie betreffen im wesentlichen die Arbeit an der RWTH Aachen, daneben finden sich einzelne Unterlagen aus Vorlesungen auf Hawaii und in Schanghai, in Harvard, vor Anwärtern des Auswärtigen Diensts sowie am Nato-Defense-College. Der gesamte Schriftwechsel zur Wahrnehmung der weitgespannten Lehrtätigkeit befindet sich in der allgemeinen oder speziellen Korrespondenz. "Persönliches" (Kapitel 6.) bildet schließlich den Abschnitt, der persönliche und familiäre Unterlagen nachweist, hierbei auch die Korrespondenz Mehnerts mit seinen Eltern, insbesondere die Briefe an die Mutter aus dem Zeitraum 1914-1941. Die noch folgenden Briefe von 1941-1944 finden sich im Material für Archivband III (vgl. Nr. 310). Im übrigen liegen Schrift- wie Bilddokumente zur Familiengeschichte vor allem bei den Materialien der Memoiren (vgl. Nr. 238-241). Die audiovisuelle Überlieferung mit Fotos, Negativen, Tonbändern und Schallplatten (Kapitel 7.) stellt materiell wie inhaltlich andere Anforderungen an Ordnung und Verwahrung als die schriftlichen Unterlagen. Bei Übernahme des Nachlasses war sie von allem anderen getrennt, bildete eine geschlossene Gruppe, die aber gleichzeitig gegenüber jeder anderen Einheit als zusätzliche, ergänzende Bild- und Tondokumentation offen stand und von Mehnert auch in dieser Weise genutzt wurde. In der Klassifikation war dem Material eine eigene Gruppe zuzuweisen, am besten im Anschluss an die anderen Gruppen und daher an letzter (7.) Stelle. Aus konservatorischen Gründen wurden sämtliche Negative, soweit es sich um in Streifen zerschnittene Filme handelte, aus ihren bisherigen Umhüllungen aus nicht säurefreiem Papier entnommen und einzeln in negativ-geeignete Klarsichthüllen eingelegt. Hiervon betroffen waren vor allem die Aufnahmen aus China, Japan und Hawaii der Jahre 1936-1940. Nicht in Streifen zerschnittene Filmrollen, hauptsächlich Aufnahmen von den Reisen Mehnerts in den 1950er Jahren, lagerten in Döschen und wurden hierin zunächst belassen. Schließlich wurden die Tonbänder, die auf diesen und späteren Reisen entstanden sind, auf DAT-Cassetten überspielt. Sie sind somit jetzt schon ohne weiteres nutzbar. Eine stärkere Nutzung der Negative hingegen wird erst nach Duplizierung möglich sein. Kassiert wurden Mehrfachexemplare von Manuskripten, wenn sie keine Korrekturen aufwiesen, ebenso nicht genutzte Korrekturfahnen, außerdem Fotos, deren Motiv in großer Stückzahl vorlag (mehr als 5-10), wie z.B. Passfotos. Im übrigen wurde von Kassationen abgesehen. Die Erschließung des Hauptbestandes erfolgte in den Jahren 1995-1999. Titelaufnahmen fertigten die Archivreferendare Dr. Andreas Weber, Dr. Gudrun Kling und Dr. Martin Furtwängler unter Anleitung von Frau Dr. Bull-Reichenmiller (Kapitel 2.-6.), Archivoberinspektor Eberhard Merk (Kapitel 1.) sowie Frau Dr. Bull-Reichenmiller (Kapitel 7.). Ihr oblagen auch Klassifikation, Redaktion und Einleitung. Die EDV-Erfassung besorgte Tanja Bürger. Der Nachtrag wurde im Jahr 2001 durch Eberhard Merk und Dr. Regina Keyler erschlossen. Dabei waren die Archivreferendare Dr. Benedikt Mauer und Frank Teske und die Archivreferendarin Alexandra Lutz sowie die Archivinspektoranwärter Matthias Schönthaler und Stefan Watzlawzik und die Archivinspektoranwärterin Antje Seif beteiligt. Die Klassifikation und Redaktion des Nachtrages oblag Eberhard Merk. Dr. Regina Keyler zeichnet für Endredaktion des Index des Gesamtbestandes, insbesondere die Zusammenfassung und die damit verbundene Angleichung der Indices des Hauptbestandes und des Nachtrages, verantwortlich. Diese Arbeiten erfolgten im Jahre 2005. Der Bestand umfasst ca. 50 lfd. m. Stuttgart, im Dezember 1999 Dr. Margareta Bull-Reichenmiller Stuttgart, im November 2005 Eberhard Merk
Umfang:
ca. 50 lfd. m.
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