Nachlass Wilhelm Simpfendörfer, Kultusminister, CDU-Politiker (* 1888, + 1973) (Bestand)

Verzeichnungsstufe:
Bestand
Bestandssignatur:
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Q 1/14
Kontext:
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Archivtektonik) >> Nachlässe, Verbands- und Familienarchive >> Politische Nachlässe
Bestandslaufzeit:
1915-1973
Bestandsbeschreibung:
Inhalt und Bewertung

Simpfendörfer, Wilhelm (25.05.1888 - 04.05.1973), Lehrer, CSVD- und CDU-Politiker; bis 1953 Lehrer in Korntal, 1924 Mitbegründer des Christlich-Sozialen Volksdienstes (CSVD), 1929-1933 dessen Reichsvorsitzender, 1930-1933 Mitglied des Reichstages (CSVD), nach 1945 Mitbegründer der CDU in Nordwürttemberg, 1946-1947 Kultusminister von Württemberg-Baden und 1953-1958 Kultusminister von Baden-Württemberg, 1946 Präsident der Verfassunggebenden Landesversammlung von Württemberg-Baden, 1946-1952 Mitglied des Landtages von Württemberg-Baden (CDU), 1950-1952 dessen Vizepräsident, 1952-1960 Mitglied des Landtages von Baden-Württemberg (CDU); Vorsitzender der CDU Nordwürttemberg und Mitglied des Parteivorstandes der CDU, 1971 Austritt aus der CDU.
Enthält: Politische Tätigkeit vom Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges (1915-1945), Unterlagen aus der Zeit als Kultusminister und Mitglied des Landtages (1945-1958): Politische Vorträge vor allem zur Bildungs- und Kulturpolitik sowie zu Fragen der allgemeinen Bundes- und Landespolitik, öffentliche Ansprachen und Festreden; Politisches Wirken 1958-1973; persönliche Papiere; Druckschriften vor allem des CSVD und der CDU, Typoskripte von Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln zur Bildungs- und Kulturpolitik

1. Biographische Skizze von Wilhelm Simpfendörfer: Wilhelm Simpfendörfer, ev. , wurde am 25. Mai 1888 in Neustadt an der Hardt/Pfalz als Bauernsohn (Vater: Kurt Simpfendörfer) geboren, wuchs aber in Brettach, Kreis Heil. bronn, auf. Er besuchte die dortige Volksschule 1895 - 1902 und von 1905 - 1910 das Lehrerseminar in Lichtenstern, worauf er 1910 Lehrer für. die Fächer Mathematik und Physik an der Höheren Knabenschule in Korntal bei Stuttgart wurde. Dort hat er bis 1953 ununterbrochen als Lehrer gewirkt und1945 die Leitung der Schule übernommen. Zu Beginn seiner Lehrertätigkeit besuchte er Vorlesungen an der Technischen Hochschule Stuttgart 1911 - 1913 und 1913 einen Sprachkurs an der Universität Besançon, Außerdem betätigte er sich 15 Jahre lang als Erzieher an Korntaler Internaten der Brüdergemeinde. Wilhelm Simpfendörfer heiratete am 22. 5. 1918 Helene Kallenberger, Tochter des Kaufmanns Eugen Kallenberger aus Santiago/Chile. Aus der Ehe gingen vier Söhne hervor: Gotthold (11. 10. 1919, in Russland seit 1. 2. 1945 vermisst), Jörg (22 4. 1922, wohnhaft in Stuttgart-Sillenbuch), Gerhard (17. 12. 1924, Dekan in Heilbronn) und Werner (12. 2. 1927, wohnhaft in Genf). Nach dem Ersten Weltkrieg, der Simpfendörfer weitere wissenschaftliche Pläne zunichte machte (1916 - 1918 als Soldat an der Westfront, 1918: Dolmetscherprüfung), war er von 1919 bis 1930 Gemeindevertreter in Korntal. Er gründete 1924 den "Christlich-Sozialen Volksdienst" (CSV) mit, wurde dessen Landesvorsitzender und von 1929 - 1933 Reichsvorsitzender dieser Partei. Von 1930 bis Herbst 1933 (Auflösung des Reichstags) vertrat er den CSV als Fraktionsvorsitzender im Reichstag. Dieser Reichstagsfraktion hatten sich u. a. auch Graf Westarp und Minister Treviranus angeschlossen. Nach Auflösung des Volksdienstes kehrte Simpfendörfer wieder als Lehrer der Mathematik in den Schuldienst zurück. Am 28. 4. 1941 wurde Simpfendörfer zum Reallehrer, am 9. bzw. 16. 7. 1946 zum Studienrat, am 15. bzw. 23. 9. 1948 zum Studienrat auf Lebenszeit und am 2. 3. 1949 zum Oberstudiendirektor an der Ulrich-von-Hutten-Oberschule für Jungen in Korntal ernannt. Außerdem redigierte er das Organ des CSV, die "Christlich Sozialen Blätter" von 1925 - 1930. Nach dem zweiten Weltkrieg gehörte Simpfendörfer zu den Gründern der CDU in Nordwürttemberg und war von 1949 bis 1958 deren Landesvorsitzender (danach Ehrenvorsitzen. der). 1946 wurde er von der Verfassunggebenden Landesversammlung zum Präsidenten gewählt. Bis 1960 hat er allen württemberg-badischen und baden-württembergischen Landtagen angehört. 1949 wurde er Mitglied des Parteivorstandes der Gesamt-CDU. Als Mitglied des kulturpolitischen Ausschusses des Landtags fungierte er gleichzeitig als Sprecher der CDU in kulturpolitischen Fragen; auch war er Vorstandsmitglied des Bundes der Deutschen Landjugend. Von Dezember 1946 bis März 1947 war Simpfendörfer erstmals Kultminister in Württemberg-Baden (Regierung Reinhold Maier). Das Auftauchen eines Briefes, in dem Simpfendörfer gemeinsam mit drei anderen Abgeordneten des ehemaligen Christlich Sozialen Volksdienstes den damaligen Reichsminister des Innern Frick um Zulassung als Hospitant bei der Reichstagsfraktion der NSDAP gebeten hatte, veranlasste Simpfendörfer im, Februar 1947 sein Amt nieder. zulegen. Mehrfache Spruchkammer-Verfahren führten aber zu dem Ergebnis, dass Simpfendörfer im Februar 1948 als "nicht betroffen" eingereiht wurde. Nach Bildung des Südweststaates übernahm Simpfendörfer im 1. Kabinett Gebhard Müller im Herbst 1953 erneut das Kultusministerium. In den fünf Jahren seiner Amtszeit hat er die Kulturpolitik der CDU und des Landes wesentlich geprägt. Unter ihm wurden das Privatschulgesetz, das Förderschulgesetz und die Ordnung für das Lehramt an Mittelschulen, neue Prüfungsordnungen (z. B. Aufnahmeprüfung an weiterführende Schulen), und das Gesetz über die Förderung des Schulbaus geschaffen, andere Schulgesetze vorbereitet. Im April 1956 wurden Vorwürfe aus der Öffentlichkeit gegen Simpfendörfer im Zusammenhang mit dem Professorenmangel an der Universität Heidelberg erhoben, an der damals 22 Lehrstühle unbesetzt waren. Simpfendörfer vertrat die Auffassung, dass das Hindernis bei der Besetzung der Lehrstühle in Heidelberg darin lag, dass bei jeder Besetzung eines LehrstuhIs zugleich ein Beamter, der unter das 131er Gesetz fiel, eingestellt werden musste (Vordermann). Da auch alle anderen Ministerien für ihre Beamtenernennungen solche Vordermänner benötigten, standen dem Kultusministerium zeitweilig nicht genügend "Vordermänner" zur Verfügung. Nach entsprechenden Bemühungen gelang es Simpfendörfer, eine Lockerung des Gesetzes zu erreichen, so dass - noch zu seiner Amtszeit - alle offenen Lehrstühle in Heidelberg besetzt werden konnten. Die medizinische Fakultät der Universität Freiburg verlieh Simpfendörfer am 24.6.1957 die Würde eines Dr. med. h. c. Im Oktober 1957 erkrankte Simpfendörfer schwer und konnte erst zu Ostern 1958 seine Tätigkeit in beschränktem Umfang wieder aufnehmen. Anfang Juli 1958 erklärte er dann aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt, blieb aber noch bis zum Amtsantritt seines Nachfolgers, Gerhard Storz, im Amt. So wurde sein Hauptwerk, das gegen starke Widerstände durchgesetzte Lehrerbildungsgesetz, noch unter seiner Amtsführung vom Landtag verabschiedet. Im November 1965 legte Simpfendörfer sein Amt als Ehrenvorsitzender der CDU von Nordwürttemberg mit der Begründung nieder, die Haltung der CDU in der Frage der Oder-Neiße-Linie decke sich nicht mit einer Politik aus christlicher Verantwortung. Diese Grenze sei gegen die Front der Gegner und Verbündeten nicht zu ändern. Regierung, Parteien und Funktionäre der Vertriebenen seien sich über diese Tatsachen klar, aber niemand habe den Mut, dem Volk die Wahrheit zu sagen. Simpfendörfer bekannte sich ohne Vorbehalt zu der Denkschrift der Evangelischen Kirche zur Frage der Ostgrenzen. Daraufhin er. hielt Simpfendörfer neben Dank und Zustimmung viele unfreundliche Zuschriften. In einem "SPIEGEL-Interview". (SPIEGEL Nr. 51/65) erläuterte Simpfendörfer seine Ansichten zur deutschen Ostpolitik, die auf eine scharfe Kritik an der Regierungspolitik hinausliefen. In Konsequenz dieser Haltung trat Simpfendörfer nach der Wahl Rainer Barzels zum Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten im Oktober 1971 aus der CDU aus, wobei vor allem auch die Haltung in der Ostpolitik eine Rolle spielte. 1958 erhielt Simpfendörfer das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik. Am 4. Mai 1973 ist er im Alter von nahezu 85 Jahren in Heilbronn gestorben, er wurde in Korntal beigesetzt. Nachweise: 1) Munzinger-Archiv Internat. Biograph. Archiv 23. 8. 1973 - Lieferung 33 - 34/73 - P - 8818l 2) Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Q 1/14 Nachlass Wilhelm Simpfendörfer, Bü 354 - 357 3) Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Zeitgeschichtliche Sammlung "Wilhelm Simpfendörfer" 4) Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Kanzleiakte C VII Wilhelm Simpfendörfer. 5) Heinrich Brüning, Memoiren 1918 - 1934, 2 Bände, (dtv 860/861) 1972

2. Der Bestand und seine Verzeichnung: Die Witwe von Wilhelm Simpfendörfer, Frau Helene Simpfendörfer geborene Kallenberger, schloss am 23. bzw. 30. Oktober 1973 mit der Archivdirektion Stuttgart einen Vertrag über die Verwahrung des politischen Nachlasses ihres verstorbenen Gatten im Hauptstaatsarchiv Stuttgart, den sie am 18. Oktober 1974 Dr. Paul Sauer vom Hauptstaatsarchiv übergeben hatte. Mehrfertigungen dieses Vertrages befinden sich in der Kanzleiakte des Hauptstaatsarchivs Stuttgart: C VII Wilhelm Simpfendörfer. Vereinbarungsgemäß wurden politische Schriftstücke, die die Familie weiterhin als Originale behalten wollte, im Hauptstaatsarchiv fotokopiert und danach zurückgegeben; die Kopien wurden in den Nachlass von Wilhelm Simpfendörfer im Hauptstaatsarchiv Stuttgart Q ,1/14 eingegliedert. Unter Leitung von Oberstaatsarchivrat Dr. Paul Sauer verzeichnete Staatsarchivassessor Dr. Günther Bradler zwischen November 1973 und Januar 1974 den Nachlass Simpfendörfer. Herr Dr. Helmuth Stahleder (Presseabteilung der Daimler-Benz AG Stuttgart-Untertürkheim) wurde während seines Archivpraktikums am Hauptstaatsarchiv Stuttgart in der 2. und 3. Dezemberwoche 1973 in die Ordnungsarbeiten an diesem Nachlass eingeführt. Der Nachlass Simpfendörfer besteht zum größten Teil aus Typoskripten von Reden und Vorträgen Wilhelm Simpfendörfers, die dieser als Kultusminister von Baden-Württemberg und als Vorsitzender des CDU-Landesverbandes Nordwürttemberg gehalten hatte. Im Zuge der Verzeichnung wurden zunächst ca. 500 Büschel angelegt, da der Nachlass bei seiner Übernahme durch das Hauptstaatsarchiv sich in keiner archivischen Prinzipien entsprechenden Ordnung befand. Die Gliederung erfolgte im Wesentlichen nach den politischen Tätigkeiten10 von Wilhelm Simpfendörfer, Doubletten der Manuskripte und Typoskripte konnten jeweils einem Büschel zugeordnet werden. Wegen fehlender Daten musste eine relativ umfangreiche Unterabteilung (3) undatierte Fragmente (Bü 224 - 348) nach sachthematischen Gesichtspunkten an. gelegt werden. Der Nachlass Simpfendörfer umfasst 373 Büschel in 1 lfd. Meter. Die 6 Bände des von Wi1he1m Simpfendörfer redigierten Zeitschrift "Christlicher Volksdienst. Evangelisch. soziales Wochenblatt Süddeutschlands" (1927 - 1932) wurden der Dienstbibliothek des Hauptstaatsarchivs Stuttgart überstellt. Stuttgart, 22. Januar 1974 (Dr. Günther Bradler)

Abkürzungsverzeichnis: bad. baden-, badisch BRD Bundesrepublik Deutschland CDU Christlich Demokratische Union CVJM Christlicher Verein Junger Männer DAAD Deutscher Akademischer Austauschdienst DGF Deutsche Forschungsgemeinschaft DGB Deutscher Gewerkschaftsbund DRK Deutsches Rotes Kreuz DVP Deutsche Volkspartei EVG Europäische Verteidigungsgemeinschaft FDP Freie Demokratische Partei Deutschlands GEW Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft MdB Mitglied des Bundestags MdL Mitglied des Landtags MdR Mitglied des Reichstags MP Member of Parliament NATO North Atlantic Treaty Organization OB Oberbürgermeister PH Pädagogische Hochschule PI Pädagogisches Institut SDR Süddeutscher Rundfunk Stuttgart SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands SWF Südwestfunk Baden-Baden TH Technische Hochschule WEU Westeuropäische Union WMF Württembergische Metallwarenfabrik württ. württembergisch
Umfang:
373 Nummern
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