Weingarten, Benediktinerkloster, Amt Ausnang (Bestand)

Verzeichnungsstufe:
Bestand
Bestandssignatur:
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, B 519
Kontext:
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Archivtektonik) >> Neuwürttembergische Herrschaften vor 1803/1806-1810 >> Bistümer, Stifte, Klöster und Pfarreien >> Augustinerkloster Kreuzlingen - Restituierte Klöster
Bestandslaufzeit:
1342-1785
Bestandsbeschreibung:
Inhalt und Bewertung

Weingartener Archivalien über das Klosteramt Ausnang (Allgäu), die erst nach Abschluß der Neuordnung von B 515 im Bestand H 33 (Oberamt Leutkirch) gefunden wurden und die Abteilung "Amt Ausnang" in B 515 ergänzen.

1. Überlieferung: Das Weingartener Amt Ausnang bestand im Kern aus der 1359 von den Truchsessen von Waldburg erworbenen Pfarrei Ausnang (Kaufbrief: B 515 U 359), heute Teil der Gemeinde Hofs bzw. der Stadt Leutkirch im Allgäu. Die zum ehemaligen Amt gehörenden Orte liegen östlich der Stadt Leutkirch und reichen unmittelbar an die bayerische Landesgrenze. In der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde der Besitz ergänzt durch Erwerb der Herrschaft Rotis und der zugehörigen Mühle. Dazu kam die Pfarrei Herlazhofen südlich von Leutkirch, die nördlich gelegene Pfarrei Eschach und ein Komplex von Gütern in Richtung Bad Wurzach (Seibranz, Rippolzhofen, Hub, Steinental). Die niedere Obrigkeit lag beim Kloster, die hohe bei der Landvogtei Schwaben. Nach der Säkularisierung wurde das Amt von Nassau-Oranien 1804 an Österreich abgetreten. Es wurde 1806 bayerisch und kam 1810 an Württemberg. Die Urkunden dieses Bestandes waren bis zur Säkularisierung des Klosters Weingarten 1802 Teil des Klosterarchivs. Nach der Verbringung nach Stuttgart waren sie größtenteils zu denjenigen des Oberamts Leutkirch (H 33) gelegt worden. Da eine nachträgliche Einordnung in den Bestand B 515 nach der Verzeichnung nicht mehr möglich war, wurde ein eigener Bestand gebildet. Ein kleiner Teil von Urkunden des Ausnanger Amts befindet sich noch in B 515 (U 358-370). Bei der Neuverzeichnung wurde ein bisher bei den Akten des Bestands verwahrtes Libell mit Siegel zu den Urkunden umgelegt (jetzt U 535).

2. Verzeichnung: Der Bestand "Amt Ausnang" wurde um 1900/1910 von Eugen Schneider in einem handschriftlichen Bandrepertorium mit Personen- und Ortsregister (410 S.) verzeichnet. Dabei wurde das Material "nach Ortschaften und sonstigen Abteilungen" geordnet. Unter den "sonstigen Abteilungen" sind die am Schluß verzeichneten Rubriken "Leibeigene" und "Urfehden" zu verstehen (Nr. 491-519, 520-534). Innerhalb der Betreffe sind die Urkunden chronologisch geordnet. Im Jahr 2013 wurden die Urkunden im Rahmen eines von der Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg finanzierten Projekts unter Beibehaltung der vorgefundenen Ordnung neu verzeichnet. Die Verzeichnung erfolgte nach den Grundsätzen, die in den Findbüchern zu den Beständen B 522 I und III näher ausgeführt sind. Nach der Verzeichnung wurden die Urkunden im Rahmen des Landesrestaurierungsprogramms von Regina Eberhardt in säurefreie Taschen umverpackt und beschriftet

3. Inhalt: Der Urkundenbestand umfaßt 535 Urkunden mit einem Umfang von 6,4 laufenden Metern. Ein Drittel stammt aus der ersten Hälfte, ein weiteres Viertel aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Knapp 20 % entstanden in der zweiten Hälfte des 15., ein Zehntel in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Somit entfallen fast 90 % des Urkundenaufkommens auf die Zeit von 1450-1650. Aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts liegen 30 Urkunden vor, neun aus dem 14. Jahrhundert. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts finden sich 16 Urkunden, im 18. Jahrhundert nur 13. Die frühesten Urkunden von 1342 und 1344 betreffen Leibeigene, die jüngsten (bis 1785) bayerische und kemptische Lehenbriefe für Sitz und Mühle Rotis. Die örtliche Verteilung ergibt sich aus der folgenden Tabelle, in der die einschlägigen Orte sowie die Urkundennummern (in Klammer Laufzeiten) angegeben werden. Ausnang (Amt und Dorf) 001-208 (1360-1674) Bergs 209-213 (1542-1617) Beyschlechts 214-229 (1431-1627) Bimmlings 230-240 (1495-1561) Brunnen=Hummels 241-245 (1426-1523) Dietmanns 246-289 (1455-1629) Dilpersried 535 (1511) Ellmeney 290-313 (1366-1629) Eschach 314-324 (1422-1549) Grund 325-345 (1539-1630) Herlatzhofen 346-350 (1359-1628) Hofs 351-377 (1394-1610) Hub 378-383 (1610-1630) Raggen 384-393 (1457-1623) Rippoldshofen 394-401 (1436-1613) Rotis 402-482 (1399-1785) Seibranz 483-486 (1510-1591) Steinental 487-490 (1470-1545) Über das Gebiet des Ausnanger Amts hinaus von Bedeutung, wenn auch natürlich hauptsächlich dieses betreffend, ist eine Vereinbarung zwischen Weingarten und Kempten betreffend den wechselseitigen Zuzug von Leibeigenen (U 3). Mehr als 80 %, d.h. etwa 450 Urkunden, dokumentieren Rechtsgeschäfte über Liegenschaften. Am häufigsten kommen Lehenbriefe (ca. 50) sowie Leihebriefe und -reverse einschließlich sonstiger Urkunden über verliehene Grundstücke vor (ca. 150), zusammen also etwa 200 Urkunden. Die Lehenbriefserien betreffen das bayerische Lehen des Ansitzes Rotis ("Rotten") für die Jahre 1541-1785 und das stift-kemptische der dort befindlichen Mühle ("Achmühle") für 1479-1769 (Nummern 411-482, vermischt). Der Häufigkeit nach folgen 155 Zinsverschreibungen und 90 Kauf- oder Tauschbriefe. 29 Urkunden betreffend Leibeigene (Nr. 491-519), darunter die älteste Urkunde des Bestands von 1342 (U 491). Davon dokumentieren 11 den Freikauf von Leibeigenen, 6 weitere sind Zeugnisse über die Entlassung aus der Leibeigenschaft bzw. die Freiheit von derselben. Bemerkenswert sind zwei Urkunden, in denen die Entlassung aus dem Verband der Freien auf der Leutkircher Heide bezeugt wird, als gewissermaßen die "Befreiung von Freien" (U 510, 512). Es liegen 8 Urkunden über Urteile weltliche Gerichte vor, ferner 26 über Entscheide von Schiedsgerichten, Schlichtungen, Zeugenverhöre, Vergleiche oder ähnliche Verträge zur Beilegung streitiger Rechtsverhältnisse, ferner eine Grenzabmarkung (U 418). Am Schluß des Bestands sind 15 Urfehden aus der Zeit von 1472-1522 gesammelt. Vorhanden sind weiter fünf Notarinstrumente, davon zwei betreffend die Huldigung der Ausnanger Untertanen (U 1/2).

An kirchenrechtlichen Urkunden liegen nur wenige vor. Erwähnenswert sind die Urkunden von 1359 und 1594 über den Verkauf der Pfarrei Herlazhofen (U 349, 346), durch welche die Pfarrei von den Hohenegg über die Laubenberg an das Kloster kam, ferner die Inkorporation der Pfarrkirche von Eschach in die Pfarrei Ausnang 1422 (U 314) und ein Urteil des Konstanzer Offizials in einer Zehntstreitigkeit mit dem Pfarrer von Muthmannshofen 1489 (U 166). Von Bedeutung für die Geschichte der Pfarrei Ausnang sind die Urkunden, die im Zusammenhang mit dem 1554 auf Präsentation seitens des Abts Gerwig Blarer investierten (U 1554) Pfarrer Lorenz ("Laurenz", "Laurentius") Hauser stehen. Der nichteheliche Geistliche (vgl. U 139), der auch Kaplan an der Leonhardskapelle in Leutkirch war (U 138), verfügte über angesehene Verwandtschaft in oberschwäbischen Männer- und Frauenklöstern, wie aus seinem Testament von 1591 ersichtlich ist (U 168). Er war Onkel eines Abts von Rot an der Rot und eines Weingartener Großkellers. Er erwarb in Ausnang umfangreichen Haus- und Grundbesitz, der großenteils zu Beginn der Amtszeit des Abts Johann IV. Christoph Raitner vom Kloster aufgekauft wurde (U 164). Die wichtigste Erwerbung Weingartens nach der Pfarrei Ausnang war der Kauf des Ansitzes Rotis mit der Mühle von den Ringlin im Jahr 1542 (U 437). Im Bestand sind auch die Urkunden über den vorangegangenen Verkauf der Leute und Güter sowie des bayerischen und kemptischen Lehens von den Schellenberg an die Ringlin 1405, 1413/1414 (U 403, 405/406). Rechtsgeschichtlich bemerkenswert ist das Notarinstrument über die Mutung eines Ringlin am Kemptener Altar 1482 (U 413). Nachgewiesen werden im vorliegenden Bestand auch die Erwerbstitel für kleinere Besitzungen wie Beyschlechts, Bimmlings oder Ellmeney aus der Hand von Familien in Waldsee, Leutkirch oder Isny (vgl. etwa U 214, 232/233, 290). Hoheitsstreitigkeiten finden sich nur wenige. 1610 wurde gegen eine Prüfung der Eichmaße seitens des Fürststifts Kempten in Ausnanger Wirtshäusern protestiert (U 4). Häufiger waren grundherrschaftliche Nachbarstreitigkeiten über Wald-, Weide- und Wassernutzung, die immer wieder zu Prozessen und Vergleichen führten. So wurde etwa 1536 der Wald Rauhenbühl mit der waldburgischen Herrschaft Zeil geteilt (U 5). 1532 war es zu einem Vergleich mit derselben Herrschaft über die Weiderechte der Weingartener Höfe in Seibranz und Hub gekommen (U 485). Am konfliktreichsten erwies sich jedoch der Erwerb der Herrschaft und Mühle Rotis. Schon in Ringlinscher Zeit kam es hier zu Streitigkeiten mit den Kemptener Untertanen von Legau über Wald- und Weidenutzung, die 1472 vor dem bayerischen Lehengericht in München ausgetragen wurden (U 409). Weitere Urteile, Vergleiche und Abmarkungen, zum Teil nach Einschaltung des Schwäbischen Bundes, liegen aus den Jahren 1479, 1482, 1499 und 1501 vor (U 410, 414, 418, 419). Besonders heftig waren diese Nachbarstreitigkeiten in den 1480er Jahren, als es zu einer Klage wegen der Mißhandlung eines Ringlinschen Dieners und Wangener Bürgers kam (U 417). Mit dem Vogt von Legau wurde 1515 über das Jagdrecht ("Federspiel") der Burg Rotis gestritten (U 425). Ebenfalls mit Bewohnern von Legau, aber auch mit den Inhabern des Schlosses Lautrach kam es 1481 und 1555 zu Auseinandersetzungen über die Nutzung der Lautrach für Fischerei und Bewässerung (U 412, 442). Um letzteres stritten sich 1484 auch die Meier von Ausnang, namentlich der zu Bimmlings, mit den Ringlin (U 416). Zu Weide- und Wegestreitigkeiten kam es 1457 sowie 1511/1512 mit den Inhabern des Guts Dilpersried (U 408, 422, 535), schließlich 1506 zu Zehntstreitigkeiten mit der Pfarrkirche in Leutkirch (U 420). An bemerkenswerten ländlichen Rechtsqellen verdienen einen Hinweis die Bannung der Wälder des Sitzes Rotis durch das Landgericht Leutkirch 1447 (U 407) und die Weideordnung der Meierschaft von Hofs 1599 (U 376).

4. Inserte: Die in Transskripten, Vidimierungen, Urteilsbriefen und anderen Urkunden enthaltenen Inserte sowie beigelegte Papierurkunden wurden unter dem Datum des Transskripts bzw. der Haupturkunde verzeichnet, in der Regel nur mit Kurzregest. Diese Einträge können mittels des chronologischen Verzeichnisses nach diesem Abschnitt aufgesucht werden. Nicht in das Verzeichnis aufgenommen wurden jene Leihereverse, in denen ein unter demselben Datum oder kurz davor ausgestellter Leihebrief inseriert wurde. Datum Aussteller Bestellnummer 1452.08.23 Hans Kröll 316 1454.01.18 Gericht Aichstetten 316 1457.02.11 Paul Ringlin 535 1482.02.06 Martin Ringlin 415 1482.11.06 Stadt Wangen 413 1485.07.22 Stadt Wangen 169 1511.05.13 Gerichte Ausnang und Legau 535 1514.07.11 Moritz von Altmannshofen 426 1610.09.13 Abt von Weingarten 4 1610.10.08 Abt von Kempten 4

5. Vorsignaturen: An Vorsignaturen werden nachgewiesen die Urkundennummer des Schneiderschen Repertoriums (erste Vorsignatur) sowie Nummern und Faszikel/Nummern-Signaturen der Klosterregistratur (zweite und dritte Vorsignatur).

Literatur:
Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden, hg. von der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg, 8 Bände, Stuttgart 1975-1983
Büchele, Berthold: Art. "Rotis" in: Stätten der Herrschaft und Macht. Burgen und Schlösser im Landkreis Ravensburg, hg. von Hans Ulrich Rudolf, Ostfildern 2013, S. 301f.
Dreher, Alfons: Zur Gütergeschichte des Klosters, in: Gebhard Spahr (Hg.): Festschrift zur 900-Jahr-Feier 1056-1956, Weingarten 1956, S. 138-158
Maurer, Hans-Martin: Die Ausbildung der Territorialgewalt oberschwäbischer Klöster vom 14. bis zum 17. Jahrhundert, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 109 (1973), S. 151-195
Pauly, [August Friedrich] von: Beschreibung des Oberamts Leutkirch, Stuttgart, Tübingen 1843
Pietsch, Friedrich: Die Archivreisen des Geheimen Archivars Lotter, in: Neue Beiträge zur südwestdeutschen Landesgeschichte. Festschrift für Max Miller (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde B 21), Stuttgart 1962, S. 333-353
Rudolf, Hans Ulrich (Hg.): Stätten der Herrschaft und Macht. Burgen und Schlösser im Landkreis Ravensburg, Ostfildern 2013
Rudolf, Hans Ulrich (Hg.): Alte Klöster - neue Herren. Die Säkularisation im deutschen Südwesten 1803 (Katalog der Landesausstellung Baden-Württemberg in Bad Schussenried vom 12. April bis zum 5. Oktober 2003), 2 Bände, Ostfildern 2003
Rudolf, Hans Ulrich; Günthör, Anselm: Die Benediktinerabtei Weingarten zwischen Gründung und Gegenwart 1056-2006, Lindenberg 2006
Scherer, Peter: Reichsstift und Gotteshaus Weingarten im 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte der südwestdeutschen Grundherrschaft (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg B 57), Stuttgart 1969
Seiler, Alois: Die Archive der einstigen Reichsklöster in Württemberg nach der Säkularisation, in: ZWLG 23 (1964), S. 321-344
Spahr, Gebhard: Art. "Weingarten", in: Franz Quarthal (Bearb.): Die Benediktinerklöster in Baden-Württemberg (Germania Benedictina, Band 5), Augsburg 1975, S. 622-647
Spahr, Gebhard (Hg.): Festschrift zur 900-Jahr-Feier 1056-1956, Weingarten 1956


Abkürzungen:
abg. abgegangen
besch. beschädigt
Bl(l). Blatt (Blätter)
d Denar (Pfennig)
d.J. der Jüngere
Dr. Doktor
etc. et cetera
fasc. fasciculus (Faszikel)
fl Florenus (Gulden)
fo. Folio (Blatt)
geb. geborene
gen. genannt
h Heller
Kt. Kanton
lb libra (Pfund)
n. numerus (Nummer)
o.g. oben genannt
rest. restauriert
rh rheinisch
ß Schilling
S. Siegel
St. Sankt
U Urkunde
verst. verstorben
WUB Württembergisches Urkundenbuch


Autokennzeichen:
A Augsburg
BC Biberach
F Frankfurt am Main
FD Fulda
FN Bodenseekreis
FR Breisgau-Hochschwarzwald
GZ Günzburg
HDH Heidenheim
KE Kempten
KN Konstanz
LI Lindau (Bodensee)
MM Memmingen
MN Unterallgäu
MZ Mainz
OA Oberallgäu
OAL Ostallgäu
PF Pforzheim
RV Ravensburg
RW Rottweil
TÜ Tübingen
TUT Tuttlingen
UL Alb-Donau-Kreis
A Österreich
CH Schweiz
F Frankreich


Chronologisches Verzeichnis der inserierten und beiliegenden Urkunden:
Datum Aussteller Bestellnummer

1452.08.23 Hans Kröll 316
1454.01.18 Gericht Aichstetten 316
1457.02.11 Paul Ringlin 535
1482.02.06 Martin Ringlin 415
1482.11.06 Stadt Wangen 413
1485.07.22 Stadt Wangen 169
1511.05.13 Gerichte Ausnang und Legau 535
1514.07.11 Moritz von Altmannshofen 426
1610.09.13 Abt von Weingarten 4
1610.10.08 Abt von Kempten 4

Umfang:
535 Urkunden, 30 Büschel
Online-Beständeübersicht im Angebot des Archivs: