Die zentrale Figur der Deutschen Aktionsgruppen war Manfred Roeder. Dieser, 1929 in Berlin geboren, war noch NS-sozialisiert und hatte das Hitler-Regime als Kind und Jugendlicher miterlebt. Roeder ging auf eine Nationalpolitische Lehranstalt, genannt Napola. Sein Vater war ein Russland-Deutscher mit NS-Gesinnung (seit 1931 NSDAP Mitglied und dann auch Mitglied der SA) und sein Sohn Manfred wurde im „deutsch-nationalen Sinne erzogen“ (Frankfurter Rundschau, 9.3.1982). Manfred Roeder jedoch flog von der Napola und besuchte anschließend eine der SS zugeordnete Heimschule bei Posen. Das Kriegsende und die Folgen erlebte er als 16-Jähriger nahe Küstrin (heutiges Polen). Er war als Teil einer Panzergrenadier-Einheit an den „Endkämpfen“ um die ehemalige Reichshauptstadt Berlin beteiligt (Süddeutsche Zeitung, 11.3.1982). Roeder entkam der sowjetischen Kriegsgefangenschaft, machte 1947 Abitur und studierte in Berlin Jura. Ab den späten 1940er-Jahren wurde er in Berlin für die Moralische Aufrüstung tätig, einer aus den USA stammenden antikommunistisch-christlichen Bewegung. Für diese Organisation war Roeder dann auch viele Jahre im schweizerischen Caux aktiv. Als er nach Berlin zurückkehrte, arbeitete er dort für die US-Army als Rechtsberater und später als Anwalt mit einer eigenen Kanzlei.
Roeder hatte sechs Kinder und war mit der Tochter eines früheren Napola-Lehrers verheiratet. 1969 zog er mit seiner Familie in das hessische Bensheim an der Bergstraße.
In den 1960er-Jahren trat Roeder der CDU bei. Die 1970er-Jahre wurden für ihn dann ein Jahrzehnt der Radikalisierung. Er ging mit Farbbeuteln gegen eine Sexartikel-Messe in Offenbach vor und beging mit dem ehemaligen KZ-Wärter und Holocaustleugner Thies Christophersen eine Störaktion bei der documenta in Kassel, weil er die dort ausgestellte Kunst für „entartet“ hielt.
1971 gründete er die Deutsche Bürgerinitiative, in deren Reihen es vornehmlich um die Relativierung von NS-Verbrechen ging. Vergasungsanlagen in Konzentrationslagern galten ihm als „Erfindungen krankhafter Hirne“. Das Grundgesetz der Bundesrepublik sollte nach Roeders Meinung „verschwinden, weil es eine undeutsche, sprich jüdische Verfassung“ darstellte (zitiert nach: Vorwärts, 11.9.1980).
Seine Anhänger*innen versorgte Roeder mit Rundbriefen, in denen er die demokratische Staatsform diskreditierte und rechtsextreme Agitation betrieb. Der Rundbrief aus dem September 1976 ist besonders bemerkenswert (vgl. Dokument auf dieser Seite). Dieser zeigt unter anderem, dass Roeder zahlreiche Sympathisant*innen in Nordamerika fand. Vor allem aber offenbart sich in dem Schriftstück exemplarisch, wie Roeder das Feindbild „Ausländer“ mit dem Feindbild „Juden“ verknüpfte. Multikulturelle Gesellschaften oder, wie Roeder es in menschenverachtender und verschwörungsideologischer Sprache ausdrückte, „Völkergemisch[e]“, waren für den Rechtsextremisten ein von mächtigen politischen Personen ins Werk gesetzter „Völkermord“ (Roeder: Rundbrief, S. 2). Und dieser Personenkreis hatte in Roeders Augen einen jüdischen Hintergrund. Diese von ihm hergestellte Verbindung zwischen Rassismus und Antisemitismus war ein zentrales Element seiner rechtsextremen Ideologie (mehr zur Ideologie Roeders und seiner Mitstreiter*innen im nächsten Abschnitt). Das von Roeder hier aufgeworfene „Grundnarrativ“ eines von jüdischen Mächten mittels „Rassenvermischung“ herbeigeführten „Völkermords“ stellt (in verschiedenen Ausprägungen) bis in die Gegenwart eine zentrale antisemitische Verschwörungserzählung des rechten Lagers dar (vgl. Der Standard, Orbán profiliert sich).
Roeder war Zeit seines Lebens gut vernetzt. Und zwar nicht nur in der Bundesrepublik (etwa mit dem späteren Rechtsterroristen Odfried Hepp), sondern auch im (außereuropäischen) Ausland. Zu den Personen, zu denen er teils enge Kontakte pflegte, „gehörten auch viele Auslandsdeutsche vor allem in Südamerika und Südafrika“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.3.1982).
Roeder bezeichnete sich selbst als „Reichsverweser“ und beanspruchte, der legitime Nachfolger von Großadmiral Karl Dönitz zu sein (vgl. Muschiol, Kampf). Nachdem er 1977 wegen verfassungsfeindlicher Aktivitäten zu sechs Monaten Haft verurteilt worden war, tauchte er im Februar 1978 unter, um in Deutschland der Strafverfolgung zu entgehen. Roeder besuchte zahlreiche europäische und außereuropäische Staaten: die Schweiz, Österreich, Kanada, Brasilien und die USA. In Brasilien hatten laut Roeders eigenen Angaben zentrale Personen aus der brasilianischen Militärakademie „Verständnis für seine ‚Freiheitsbewegung‘ gegen das ‚Besatzerregime‘ in der Bundesrepublik gezeigt und ihn zum Bleiben eingeladen“ (ebd.). In den USA hatte Roeder, wie er selbst angab, Kontakt mit den „Schwarzen Moslems“, mit denen er eine Übereinstimmung in der Ablehnung jeglicher „Rassenvermischung“ gesehen habe (Nürnberger Nachrichten, 16.3.1982).
Anfang 1980 war Roeder dann im Libanon und im Iran. Laut Eigenangaben wollte er in Beirut Kontakt zur Palestine Liberation Organization (PLO) aufnehmen, was jedoch kaum funktioniert habe: „Die PLO habe lediglich eine militärische Zusammenarbeit mit Roeders ‚Europäischer Freiheitsbewegung‘ im Sinn gehabt, aber ‚wir wollten Informationsaustausch und politische Zusammenarbeit‘“ (Der Tagesspiegel, 16.3.1982). Auch die Kontaktaufnahme mit dem Revolutionsregime in Teheran habe laut Eigenauskunft keine Ergebnisse gebracht. Und dies obwohl Roeder sich von der iranischen Revolution, angeführt von Ayatollah Khomeini, angetan zeigte: Er gedachte die bundesdeutsche Demokratie so zu beseitigen „wie das Schahregime“. Man müsse, so Roeder gegenüber seinen Anhänger*innen, die Entwicklungen im Iran genau beobachten, „damit ihr wißt, was Vaterlandsverrätern nach Beseitigung von Besatzung und Polizeiterror blüht…Wir kämpfen um den totalen Sieg im Weltmaßstab und akzeptieren nur die bedingungslose Kapitulation der heutigen Demokratie […] der Umsturz ist nah“ (zitiert nach: Vorwärts, 11.9.1980).
Obwohl sich Roeder also im Ausland den westdeutschen Strafverfolgungsbehörden entzog, sind das Wort „Untertauchen“ bzw. die Formulierung „im Untergrund leben“ in seinem Falle allerdings nur bedingt zutreffend. Roeder selbst wies vor Gericht – nicht zu Unrecht – darauf hin, „daß er eigentlich gar nicht im Untergrund gewesen sei. Er habe zwar unter falschen Namen gelebt, sich aber nie versteckt, sich immer mit seiner Familie und Freunden getroffen, sei offen in seiner Tracht herumgelaufen, sogar mehrfach im Haus seiner neonazistischen Vereinigung“ (Die Neue, 26.3.1982). Roeder war zudem „nur“ der Spiritus Rector, also der geistige Anführer, der Deutschen Aktionsgruppen.