Eine der Nachfahrinnen, die am Programm von „Munich roots“ 2025 teilgenommen hat, ist Gloria Koenigsberger, eine Enkelin von August Königsberger (1866–1907). Über die im Archiv verfügbaren Akten konnte sie etwas mehr über ihren Großvater in Erfahrung bringen. Zugleich aber war sie mit ambivalenten Gefühlen konfrontiert, auch hinsichtlich ihrer Identität und ihres kulturellen Erbes, wie sie im Nachgang berichtete. Es sei spannend gewesen, aus den Akten zu erfahren, wo genau ihre Vorfahrinnen und Vorfahren gelebt hatten, um dann sogar vor Ort das ehemalige Wohnhaus sehen zu können. Auch die Bemühungen der Provenienzforschung um die Ermittlung der Nachkommen von Opferfamilien sei für die Familien ein Gewinn, da neue Familienmitglieder gefunden würden und sich neue, enge Kontakte ergäben. Während der gesamten Reise habe sie sich, so schreibt Gloria, mit der bayerischen Kultur und Geschichte intensiv auseinandergesetzt. Und dabei sei das Gefühl entstanden, die in den 1930er Jahren durchtrennten Wurzeln seien wiederaufgelebt. Nun wolle sie ihre Deutschkenntnisse vertiefen und eine weitere Reise nach München unternehmen.
Die Perspektive der Nachkommen NS-Verfolgter auf die Akten und auf die Geschichte der Wiedergutmachung war auch eines der zentralen Themen des Kolloquiums am Zentralinstitut für Kunstgeschichte München am 11. März 2026: Colloquium on Provenance and Collection Research XVI — Wiedergutmachung and Provenance Research: Accessing and Comprehending the Paper Trail. Gemeinsame Projekte von Provenienzforschung und Nachkommen NS-Verfolgter wurden vorgestellt. Dabei wurde der Bedarf an Übersetzungsleistungen im erweiterten Sinn deutlich, der notwendig ist, um die Besonderheiten dieses spezifischen Korpus administrativer Narrative zu verstehen. In den Diskussionen wurde außerdem der große Nutzen einer Zusammenarbeit von Angehörigen, Kulturerbe-Einrichtungen sowie Expertinnen und Experten aus den Bereichen der Kunstgeschichte, Geschichte, Provenienzforschung, Kunstmarktforschung und Rechtsprechung betont. Im kooperativen Austausch können die in den Wiedergutmachungsakten enthaltenen Informationen für die vielfältigen Fragestellungen des 21. Jahrhunderts aufgedeckt, erforscht und damit für den komplexen und andauernden Prozess der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands nutzbar gemacht werden.