„Munich roots II“ – Nachkommen von NS-Verfolgten auf Spurensuche im Archiv

Von Fabienne Huguenin

Ihre Vornamen waren Therese, Lina oder Alexander, mit Nachnamen hießen sie Königsberger, Adler oder Heilbronner. In München lagen ihre Wurzeln – „Munich roots“. Hier wurden sie geboren, hier lebten und wirkten sie, bis sie in der NS-Zeit als rassisch Verfolgte ihrer Heimat, der vertrauten Umgebung und häufig auch ihres Lebens beraubt wurden. Auf der Flucht oder auf dem Weg in die Deportation konnten sie als jüdisch Verfolgte, ebenso wie andere Verfolgtengruppen, kaum persönliche Gegenstände mitnehmen. Ihr Hab und Gut wurde ihnen oftmals genommen. Deshalb sind heute kaum noch persönliche Dokumente, Briefe oder gar Fotografien in den Familien vorhanden. Überlebende des Holocaust erzählten oft wenig von ihrem Verfolgungsschicksal –  zu groß war das erlittene Leid der Überlebenden und der Wunsch, nach vorn zu blicken. Heute wollen ihre Nachkommen in zweiter, dritter oder schon vierter Generation diese Lücken in ihrer Familienbiografie zumindest teilweise schließen. 

Suche nach den familiären Wurzeln im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
Suche nach den familiären Wurzeln im Bayerischen Hauptstaatsarchiv,
Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
|
Suche nach den familiären Wurzeln im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
Suche nach den familiären Wurzeln im Bayerischen Hauptstaatsarchiv,
Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
|

Workshop zu Originalquellen im Archiv für Nachkommen NS-Verfolgter

Fündig werden die Nachkommen NS-Verfolgter in Archiven, denn dort werden historisch relevante Akten aus verschiedenen Behörden verwahrt, wie beispielsweise Wiedergutmachungsakten. Das sind Anträge auf Entschädigung für erlittenes Leid oder auch Anträge auf Rückgabe (Restitution) von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut. Nachdem bereits Ende 2024 und Anfang 2025 im Kontext von „Munich roots“ mehrere Familien aus aller Welt der Einladung des Münchner Stadtmuseums („Munich roots“ – Nachfahren und Nachfahrinnen von NS-Verfolgten recherchieren im Bayerischen Hauptstaatsarchiv - Archivportal-D) sowie des Bayerischen Nationalmuseums (Nachkommen Betroffener der sog. „Silberzwangsabgabe“ zu Gast im Bayerischen Hauptstaatsarchiv) gefolgt waren, haben sich im Oktober 2025 weitere Nachfahrinnen und Nachfahren von NS-Verfolgten auf die Spuren ihrer Münchner Familien begeben. Angereist waren sie aus Israel, England, den USA, der Schweiz, Deutschland und Mexiko. Beim Workshop „How to find your family resources“ („Wie finde ich Quellen zu meiner Familie“) im Bayerischen Hauptstaatsarchiv erhielten sie zunächst eine Einführung in die Struktur der Archive. Denn die Kenntnis über die Herkunft von Akten ist essentiell für weiterführende Recherchen.

Gemeinsame Recherchen in den Staatlichen Archiven Bayerns, Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
Gemeinsame Recherchen in den Staatlichen Archiven Bayerns,
Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
|
Gemeinsame Recherchen in den Staatlichen Archiven Bayerns, Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
Gemeinsame Recherchen in den Staatlichen Archiven Bayerns,
Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
|

Auffinden von Akten I – Welches Archiv verwahrt die relevanten Akten?

In der Einführung wurde den Angehörigen der Aufbau und die Struktur von Archiven erläutert. Jedes Archiv hat eine bestimmte Zuständigkeit, staatliche und kommunale Archive haben zusätzlich einen „Archivsprengel“, also neben einer inhaltlichen auch eine regionale Zuständigkeit. Die Behörden des jeweiligen Archivsprengels sind rechtlich verpflichtet, in regelmäßigen Abständen ihre Akten dem jeweils zuständigen Archiv zur Aufbewahrung anzubieten. Die abgebenden Behörden – kommunale oder städtische Behörden, staatliche Unter-, Mittel- und Oberbehörden – sind Teil eines hierarchisch gegliederten Systems, das so auch in den Archiven abgebildet wird. Kenntnisse über die zuständige Behörde, in der Unterlagen zu einer gesuchten Person anfielen, bearbeitet und bewahrt wurden, liefern somit Hinweise auf das verwahrende Archiv. 

Im Anschluss an die Einführung konnten die Familien Original-Akten ihrer Vorfahrinnen und Vorfahren konsultieren. Bei der Lektüre der älteren Handschriften, der Übersetzung aus dem Deutschen und dem Verstehen der historischen, bürokratischen und juristischen Zusammenhänge standen den Nachkommen Archivarinnen und Archivare und das Team von „Munich roots“ zur Seite.  

Aktenmaterial aus dem Bayerischem Hauptstaatsarchiv und dem Staatsarchiv München, Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
Aktenmaterial aus dem Bayerischem Hauptstaatsarchiv und dem Staatsarchiv München,
Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
|
Aktenmaterial aus dem Bayerischem Hauptstaatsarchiv und dem Staatsarchiv München, Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
Aktenmaterial aus dem Bayerischem Hauptstaatsarchiv und dem Staatsarchiv München,
Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
|

Auffinden von Akten II – Das Digitalisierungsprojekt „Transformation der Wiedergutmachung“

Die Recherchen in verschiedenen Archiven sind für die in aller Welt lebenden Nachkommen NS-Verfolgter oft mühsam und herausfordernd, eine Recherchereise nach Deutschland ist nicht immer möglich. Damit kommt der Digitalisierung eine wichtige Rolle zu. Sie ermöglicht weltweiten Zugriff auf die Unterlagen und die notwendige Transparenz, die für die Erforschung des Schicksals von Verfolgten des Holocaust essentiell ist. Das Bundesministerium der Finanzen hat hierzu das Themenportal „Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“ ins Leben gerufen und fördert bundesweit Archivprojekte zur Digitalisierung und Erschließung der entsprechenden Bestände. Dadurch sollen die Unterlagen zur Wiedergutmachung aus unterschiedlichen Behörden in ganz Deutschland, die in den Archiven aufbewahrt werden, über das gemeinsame Online-Portal verfügbar gemacht werden. In Bayern haben 2023 die Generaldirektion der Staatlichen Archive, das Bayerische Hauptstaatsarchiv und das Staatsarchiv München mit dem Projekt „Transformation der Wiedergutmachung – Zugänglichmachung von Archivgut des Freistaates Bayern zu Rückerstattung und Entschädigung über das Themenportal Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“ begonnen. Rund 52.000 Archivalieneinheiten mit einem Umfang von geschätzt 6 Millionen Blatt werden bis 2030 digitalisiert und zusammen mit den Metadaten und unter Beachtung rechtlicher Maßgaben online bereitgestellt. 

Vorstellung des Projekts „Transformation der Wiedergutmachung“, Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
Vorstellung des Projekts „Transformation der Wiedergutmachung“,
Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
|
Vorstellung des Projekts „Transformation der Wiedergutmachung“, Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
Vorstellung des Projekts „Transformation der Wiedergutmachung“,
Fotos: Elisabeth Miletic, Bayerisches Hauptstaatsarchiv.
|

Auffinden von Akten III – Bedeutung für die Nachkommen NS-Verfolgter

Eine der Nachfahrinnen, die am Programm von „Munich roots“ 2025 teilgenommen hat, ist Gloria Koenigsberger, eine Enkelin von August Königsberger (1866–1907). Über die im Archiv verfügbaren Akten konnte sie etwas mehr über ihren Großvater in Erfahrung bringen. Zugleich aber war sie mit ambivalenten Gefühlen konfrontiert, auch hinsichtlich ihrer Identität und ihres kulturellen Erbes, wie sie im Nachgang berichtete. Es sei spannend gewesen, aus den Akten zu erfahren, wo genau ihre Vorfahrinnen und Vorfahren gelebt hatten, um dann sogar vor Ort das ehemalige Wohnhaus sehen zu können. Auch die Bemühungen der Provenienzforschung um die Ermittlung der Nachkommen von Opferfamilien sei für die Familien ein Gewinn, da neue Familienmitglieder gefunden würden und sich neue, enge Kontakte ergäben. Während der gesamten Reise habe sie sich, so schreibt Gloria, mit der bayerischen Kultur und Geschichte intensiv auseinandergesetzt. Und dabei sei das Gefühl entstanden, die in den 1930er Jahren durchtrennten Wurzeln seien wiederaufgelebt. Nun wolle sie ihre Deutschkenntnisse vertiefen und eine weitere Reise nach München unternehmen. 

Die Perspektive der Nachkommen NS-Verfolgter auf die Akten und auf die Geschichte der Wiedergutmachung war auch eines der zentralen Themen des Kolloquiums am Zentralinstitut für Kunstgeschichte München am 11. März 2026: Colloquium on Provenance and Collection Research XVI — Wiedergutmachung and Provenance Research: Accessing and Comprehending the Paper TrailGemeinsame Projekte von Provenienzforschung und Nachkommen NS-Verfolgter wurden vorgestellt. Dabei wurde der Bedarf an Übersetzungsleistungen im erweiterten Sinn deutlich, der notwendig ist, um die Besonderheiten dieses spezifischen Korpus administrativer Narrative zu verstehen. In den Diskussionen wurde außerdem der große Nutzen einer Zusammenarbeit von Angehörigen, Kulturerbe-Einrichtungen sowie Expertinnen und Experten aus den Bereichen der Kunstgeschichte, Geschichte, Provenienzforschung, Kunstmarktforschung und Rechtsprechung betont. Im kooperativen Austausch können die in den Wiedergutmachungsakten enthaltenen Informationen für die vielfältigen Fragestellungen des 21. Jahrhunderts aufgedeckt, erforscht und damit für den komplexen und andauernden Prozess der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands nutzbar gemacht werden. 

Loading...